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  • 03.08.2008
  • von Von Harald Martenstein

Nach der Kippe ein Solei

von Von Harald Martenstein

Als ich nach Berlin zog, City of Freedom, es muss kurz nach dem Mauerbau gewesen sein, habe ich einmal Soleier selbst gemacht. Es ist nicht schwierig. Trotzdem hat sich keine feste Beziehung entwickelt. Seit mindestens zehn Jahren lebe ich soleiabstinent. Ich bin nicht der Solei-Typ, fürchte ich. Ich esse eher Tapas und Sushi. Das Solei ist generell auf dem absteigenden Ast. Kein Trendfood. Trotzdem, falls mich morgen der Jieper packt und ich will Soleier essen, zwanzig Stück, bis zum Erbrechen, dann möchte ich das, verdammt noch mal, tun dürfen. Ich halte es mit Kennedy. As a free man, I declare: Ich will jetzt ein Solei.

Zuerst habe ich gedacht, es sei Satire. In den Berliner Kneipen werden die Soleier verboten? Was kommt als Nächstes, verbieten sie mexikanischen Restaurants den Ausschank von diesem grünen Avocadoschleim? Es läuft auf ein Totalverbot hinaus, denn wo, außerhalb von Berliner Traditionskneipen, werden auf dieser Welt denn Soleier angeboten? Im „Vau“ bestimmt nicht. Zum ersten Mal in der Geschichte verbietet eine Stadt eine eigene kulinarische Spezialität, das ist, als ob sie in Stuttgart die Maultaschen verbieten.

Das Soleiverbot ist eine Folge des neuesten Gerichtsurteils zum Rauchen. Das Gericht hat das Rauchen in Einraumkneipen wieder erlaubt, mit der Einschränkung, dass dort keine „zubereiteten Speisen“ verabreicht werden dürfen. Damit wollten die Richter Restaurants von Kneipen abgrenzen. Bei der Formulierung „zubereitete Speise“ haben die Richter wahrscheinlich an einen Koch gedacht, der etwas zubereitet, nun aber haben sich die Bürokraten auf diese Formulierung gestürzt und geilen sich dran auf. Detaillierte Listen werden erstellt. Eine Brezel? Erdnüsse? Nicht zubereitet. Eine Butterbrezel? Ein Solei? Zubereitet. Wie beim Rauchverbot ist die Lage von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Bayern, entnehme ich der „Süddeutschen Zeitung“, werden möglicherweise Fertigpizzen aus der Mikrowelle als „nicht zubereitet“ eingestuft.

Wem schadet es, wenn in einer Raucherkneipe Soleier angeboten werden? Was gehen den Staat solche Kinkerlitzchen überhaupt an? Gibt es keine dringenderen Probleme? Das Soleiverbot ist ein Symbol, dafür, dass perfektionistisch-kontrollfreakige Bürokratien einen Lebensbereich nach dem anderen unter ihre Fuchtel nehmen. Geht das mit den ständig sich vervielfältigenden, sinnlosen Vorschriften und Verboten ewig so weiter, oder ist irgendwann mal Schluss?

Ich werde ab sofort wieder Soleier essen. Wenn das Verbot kommt, ignoriere ich es. Ich bringe meine eigenen Soleier in die Kneipe mit. Ziviler Ungehorsam. Und wenn sie kommen, um mich einzuknasten, rufe ich: „Ich bin ein Berliner! Be Berlin! Mister Gorbatschow, geben Sie mir dieses Ei!“

  • Erschienen am 03.08.2008 auf Seite 01

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