• 27.08.2010

Matthies meint: Spione wie du und ich

Das Agentenhandwerk geht langsam vor die Hunde. Niemand interessiert sich mehr für tote Briefkästen, Schießkugelschreiber, Geheimtinte und all das Zeug, und wenn dann doch mal ein echter Geheimdienstler auffliegt, dann handelt es sich um einen Spionage-Azubi wie die berühmte rothaarige Anna Chapman, die damals beim MI6 nicht mal bis zu Miss Moneypenny vorgedrungen wäre. In Amerika heißt sie inzwischen meist „Stalingrad Stunner“, was wir der schönen Alliteration halber mit „Wolgograd-Wucht“ übersetzen sollten.

Bitte, die Frau ist Agentin. Es wäre also nicht zu viel verlangt, dass sie nach ihrem Austausch in Russland in eine sichere Datscha am Weißen Meer gebracht, dort im Keller weggeschlossen und einem sechsmonatigen Verhör mit fiesen Wahrheitsdrogen unterzogen wird, das dann je nach Faktenlage zur Auflösung des russischen Geheimdienstes oder auch zu gar nichts führt.

Doch was passiert stattdessen? Anna Chapman verbreitet sich per Facebook mit sinnlich schräg justiertem Kopf („Haven’t we met in California last summer?“), posiert auf Reisefotos zusammen mit Krümelmonster und Freiheitsstatue und verlinkt auf Internetvideos, in denen die komplette russische Geschichte derart durch den Kakao gezogen wird, dass es Väterchen Stalin noch posthum aus der Uniform haut. Nun wird aus Moskau sogar berichtet, sie habe sich in einem Hotelzimmer mit Blick auf den Kreml in hübschen Kleidern für ein Magazin namens „Hitze“ fotografieren lassen.

Hallo? Das Ganze ist im geheimdienstlichen Sinn so abgefahren, dass die Herren Berija und Dserschinski vermutlich ohne Unterbrechung in ihren Gräbern rotieren. Ihnen ist das zweifellos zuzumuten. Doch was wird aus der internationalen Spionagegemeinschaft, die solche Bond-Girl-Allüren verabscheut und eine gut platzierte Wanze jedem noch so tief ausgeschnittenen Ausschnitt vorzieht?

Das ganze Manöver könnte auf Demotivierung der alten Hasen zielen. Und auf die Gewinnung neuer Agenten, denen statt Gefangenschaft und Tod nun ein krisenfester Job im öffentlichen Dienst mit Vollpension und Rücknahmegarantie winkt – und im Falle des Scheiterns nicht mehr der Henker, sondern der Playboy-Fotograf.

Auf die weitere Karriere von Anna Chapman dürfen wir jedenfalls gespannt sein. Wird sie Oligarchin? Moskauer Bürgermeisterin? Den Gipfel ihrer Karriere kann sie allerdings nur in Deutschland erreichen, mit einem Auftritt in der Promi-Kocharena. Lieblingsrezept: Soljanka à la Lubjanka.

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