Wir haben einen wunderbaren Freund gefunden, schreiben die Weggenossen in der Todesanzeige, und für einmal passt die so unendlich oft zitierte Eichendorff-Zeile von der Seele, die ihre Flügel ausspannt und durch die stillen Lande fliegt, „als flöge sie nach Haus“. Weil Werner Stötzer, der große ostdeutsche Bildhauer, der vor einer Woche gestorben ist, tatsächlich für viele ein wunderbarer Freund war, ein Gastfreund, ein Gesprächsfreund, ein Rotwein- und Zigarrenfreund. Und weil er sich, draußen in Altlangsow im Oderbruch, ein Domizil im stillen Land geschaffen hat, das nicht vergisst, wer einmal zu Besuch war. Am Samstag ist dort auch die Trauerfeier.
Was treibt die Künstler raus aufs Land? Werner Stötzer ist der einzige nicht, der sich sein Wohn- und Arbeitsfeld im Abseitigen sucht, der alte Gehöfte, Fachwerkhäuser und Feldsteinscheunen restauriert und nutzbar macht. Raumpioniere nennt man solche Aussteiger heute, die häufig aus Berlins Kreativschicht kommen und die sich vermehrt einen Rückzugsort im Brandenburgischen suchen, jottwede, janz weit draußen, wie der Berliner sagt.
Stötzer und seine Kollegen waren Raumpioniere, bevor es das Wort gab, schon vor mehr als dreißig Jahren, und keineswegs war es nur NachwendeFrust, der sie an die Peripherie, nach Brandenburg trieb. Stötzers Pfarrhaus in Altlangsow konnte zum Mittelpunkt der Welt werden – und seine Skulpturen, „Die Oder“, „Märkisches Tor“, konnten nur hier entstehen, unweit der Oder, im verwunschenen Garten. Monolithen, denen Wind und Wetter noch manche Schrunde hinzugegeben hat. Auch Bernhard Heisig, der große alte Wüterich der DDR-Kunst mit seiner nimmerendenden Abrechnung mit Krieg und Politik zog es nach der Wende von Leipzig nach Strodehne ins westliche Brandenburg – dort malt er jetzt Landschaften, doch der Furor bleibt.
Das Kunstmuseum Cottbus, auch das eine Institution ein bisschen jottwede, hat diesen „Brandenburgern“ im vergangenen Jahr eine wunderbare Ausstellung gewidmet. Zu erleben war eine ungebrochene Kraft, die aus dem Abseits kommt: eigenwillig, unbeugsam und unbeirrt. Und wie die Arbeiten, so auch die Gespräche: Leidenschaftlicher hat man selten gestritten über Kunst und die Welt, als unter den alten Nussbäumen, wie sie in Brandenburg stehen.
Das alles machen die stillen Lande. Unweit von Heisigs Domizil in Stölln ist im Oktober 1989 auf dem Feld übrigens ein riesiger Flieger gelandet, die Interflug-Maschine „Lady Agnes“. Und so manche Seele hat seitdem hier schon Flügel bekommen. Christina Tilmann
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