• 10.03.2010

Anhalter Bahnhof: Der Schotter liegt auf der Straße

Skrretzsch! Ein leises Sirren, Sägen und Schleifen geht durch die Stadt. Krrasttzsch! Der Winter knirscht mit den Zähnen, weil er noch nicht weichen möchte. Qrrrikkt! Das Geräusch stammt von Abermillionen kleinen Körnern. Sie singen noch einmal das Lied vom heroischen Kampf Berliner Hauswarte, Stadtreiniger und Freiwilliger gegen Eis und Schnee. Der Splitt gab Halt, er ließ uns standhalten gegen die Glätte. Nun ist er zu wulstigen Häufchen zusammengekehrt, an anderen Stellen liegt er noch immer als streuseliger Teppich auf den Bürgersteigen. Beim Rüberlaufen staubt es. Und es quietscht.

Kies klingt anders. Vornehmer. „Ein sanftes Knirschen riss die Gräfinnen aus ihren Gedanken, denn ein englischer Sportwagen rollte sanft auf dem Kies vor der Auffahrt aus“, so hat Harald Schmidt einmal eine hochherrschaftliche Ankunft in hanseatischem Ambiente beschrieben. Kieselsteinchen sind in Bächen und Flüssen rundgeschliffen. Splitt hingegen ist Schotter, der kleingeschredderte Rest aus dem Bergwerk. Kein Michelangelo könnte daraus eine Skulptur erschaffen. Zwei bis fünf Millimeter sind die Körner groß, sie haben scharfe Kanten. 16 000 Tonnen davon wurden auf Berliner Wege gestreut. Der Kehricht summiert sich auf bis zu 35 000 Tonnen, ein Berg aus Stein und Abfall, der – wie der „Spiegel“ zeigte – das Brandenburger Tor überragen würde.

Die Körner sind Sand im Getriebe der Großstadt. Sie scheuern Fahrradreifen auf, bleiben in den Schuhen hängen und zerkratzen unser Parkett. Doch der Splitt fungiert auch als Gedächtnisträger. In ihm bleibt hängen, was der Schnee unter sich begraben hatte. Die Reste vom Silvesterfeuerwerk tauchen wieder auf, sogar, als wären wir noch immer besoffen, komplette leer getrunkene Sektflaschen. Aufgetaute Hinterlassenschaften der Hunde vermischen sich mit dem Partymüll. „Saugt Feuchtigkeit schnell auf, bindet Geruch, hemmt die Bakterienentwicklung.“ Was die Werbung über Katzenstreu verspricht, gilt für Straßenstreu leider gar nicht. Da wird nichts aufgesaugt, geruchsneutralisiert oder antibakteriell versiegelt. Unter der Kruste liegt der Strand. Hören wir noch einmal auf das Sirren in den Straßen: Skrretzsch, krrasttzsch, qrrrikkt! Dann kann der Frühling kommen. Christian Schröder

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