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  • 08.02.2010

Matthies meint: Wahre Werte auf dem Kopf

Es ist vollkommen verständlich, dass die deutschen Friseure jetzt ein wenig neidisch sind. Bei ihnen kann zwar niemand übernachten – aber auch sie sind wie die Hoteliers viele Leute, die schlecht verdienen. Der verzerrte Wettbewerb vor allem in den Grenzregionen setzt ihnen zu, und sie müssten dringend in Ausbildung und Einrichtung investieren. Mit anderen Worten: Die kritische Masse für eine Reduzierung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent ist längst erreicht, vermutlich fehlt nur noch ein Großer – Gerhard Meir? Udo Walz? –, der der FDP die Mövenpick-Million überweist. Vielleicht als eine Art Modellpflege zur ersten Kabinettsumbildung?

Bis dahin müssen die Friseure sich auf das konzentrieren, was ihren Beruf ausmacht: das Haareabschneiden. Sie tun das mit nie nachlassendem Modebewusstsein und erschaffen unabhängig vom Steuersatz Trend um Trend; fürs kommende Frühjahr steht auf unseren Köpfen beispielsweise die Rückkehr der 80er Jahre an. Einfach so? Nein, sondern mit Hintergrund. Bob, Pilzkopf, Lockenmähne und Volahiku nämlich stehen, wie uns der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks mitteilt, für das Wiedererstarken „wahrer Werte“. Und die neuen Kurzhaarschnitte für Männer sollen sogar Unruhe und einen „lässig-rebellischen“ Eindruck vermitteln.

Die 80er, nun ja, das ist lange her, da waren Kohl und Genscher die Maßstäbe des Lässig-Rebellischen. Heute haben wir andere Rebellen, die sich dummerweise beim lässigen Autoanzünden eine Mütze überziehen und damit die trendige Arbeit ihres Friseurs zunichte machen. Zu den wichtigsten sichtbaren Moden der letzten Jahre gehören dagegen die sogenannten Emos, denen die sorgfältig geglätteten Haare immer halb vor der Nase hängen – es handelt sich offenbar um Menschen, die sich als Wiedergänger des Existenzialismus verstehen, nur dass sie Sartre durch Bill Kaulitz, den Sänger von „Tokio Hotel“, ersetzt haben.

Ja, was sind schon wahre Werte? Fürs Erste würde es reichen, wenn sich unsere Friseure zu einem gesellschaftlichen Konsens verstehen, es also zum Beispiel ablehnen, Kunden, die bereits fünf Ringe in der Nase haben, auch noch grellviolette Strähnen in die Halbglatze zu färben. Kurz: Sie sollten sich dem Wahren, Schönen und Guten verpflichtet fühlen, statt Beihilfe zu ästhetischen Vorsatzdelikten zu leisten. Dann wären sicher ein paar Pünktchen Mehrwertsteuer drin.

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