17.10.2017, 21°C
  • 27.01.2010

Anhalter Bahnhof: Aggression unplugged

Normalerweise verirrt sich das Fernsehen nicht ins Märkische Viertel. Es kommt nur, weil wieder etwas nicht normal ist. Jemand hat seinen Nachbarn erstochen. Ein Drogendealer ist in seinem Cabrio verbrannt. Ein 14-Jähriger hat seine 17-jährige Mitschülerin geschwängert, zum dritten Mal. Was eben alles so abgeht in der kollektiven Fantasie, die beim Stichwort „MV“ vor allem von den Gewaltpanoramen eines gewissen Sido gespeist wird. Kamerateams jedenfalls sind schon lange nicht mehr in die Trabantenstadt gekommen. Dass sie jetzt anrücken, hat wieder mit Sido zu tun. Der berühmte Sohn des Viertels gibt heute im Fontane-Haus ein MTV-Unplugged- Konzert. Man kann das als Resozialisierungsmaßnahme betrachten.

Erst vor ein paar Tagen ist Sido im Mannheimer Nationaltheater aufgetreten, in Mozarts „Zauberflöte“. So empfiehlt sich der böse Junge aus dem Hartzer-Milieu, der anfänglich nur mit silberner Totenkopfmaske aufzutreten pflegte und mit dem „Arschficksong“ schockierte, für die Hochkultur. Das liegt im Trend. Auch Bushido, der andere schlimme Finger im deutschsprachigen Hip-Hop, wird demnächst Kinoheld. „Die Zeiten ändern dich“ ist Bernd Eichingers erklärtes Lieblingsprojekt. Damit dürfte die Verwandlung der Gossenpoeten zu Figuren des Mainstream vollzogen sein. Sido selbst hat diesen Weg geebnet mit dem reumütigen Schmusekurs seines Albums „Ich & meine Maske“, das ihm erstmals die Weihen eines Nummer-eins-Hits bescherte.

Darüber gerät beinahe in Vergessenheit, wie abgründig die Aggro-Rapper in ihrer totalen Geschmacklosigkeit, Verherrlichung männlicher Härte und mit ihren beklagenswert schäbigen Beats einmal wirkten. Als deutsche Antwort auf den amerikanischen Gangsta-Rap hielt man sie bloß für Meister der Übertreibung. Aber es steckte mehr dahinter. Hip-Hop war hierzulande von Abiturienten und sprachgewandten Provinzlern wie den Fantastischen Vier geprägt worden. Anfang der nuller Jahre beanspruchten die Migranten ältere Rechte. Waren ein arabischstämmiger Kleindealer wie Bushido oder Sido als DDR-Übersiedler nicht die befugteren Außenseiter? Leider begannen sie bald, sich zu entschuldigen und gewöhnlich zu werden. Aber das ist normal. Kai Müller

Social Media

Archiv

Kaufda

Ein Service von
Angebote und Prospekte von kaufDA.de

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!