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  • 10.07.2018
  • von Christian Tretbar

DFB in der Krise: Multiples Versagen

von Christian Tretbar

Und jetzt auch noch der DFB-Präsident. Reinhard Grindel fordert eine Stellungnahme von Mesut Özil nach dessen Urlaub, weil viele deutsche Fans darauf warten würden. Eine Farce! Grindel läuft einem Unzeitgeist hinterher und fügt einer unwürdigen Debatte ein weiteres Kapitel hinzu.

Natürlich ist es richtig, dass sich Özil den Fragen der Öffentlichkeit zu den Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stellen sollte. Nur wäre das vor der WM noch richtiger gewesen, als es danach ist. Grindel aber fügte sich in den Tagen und Wochen vor dem Turnier in die Phalanx der sportlichen Leitung des DFB, die das Thema allzu gerne per Dekret für beendet erklären wollte. „Wir haben darüber gesprochen, es war ein Fehler, das haben die beiden eingesehen. Jetzt sollte der Fußball im Mittelpunkt stehen“, sagte er kurz vor der WM.

Jetzt eine Stellungnahme zu fordern, ist wohlfeil und zeigt vor allem: Der Umgang mit dem WM-Aus ist noch verheerender als das Aus selbst. Teammanager Oliver Bierhoff redet sich in Interviews um Kopf und Kragen; wirkliche personelle Konsequenzen hat das historische Aus bisher nicht, ob es sportliche geben wird, ist völlig offen. Die Causa Özil/Gündogan dokumentiert das multiple DFB- Versagen. Da der Fußballbund im Vorfeld der WM darauf verzichtet hat, ein klares Statement von beiden Nationalspielern zu verlangen, ist nicht allein die Chance verpasst, ein brisantes Thema wirklich aus der Welt zu schaffen, sondern auch die Möglichkeit, ein deutliches Zeichen zu setzen: gegen aufkommenden Rassismus. Eine eindeutige und klare Stellungnahme – in welche Richtung bei Özil auch immer – hätte zugleich die Chance für ein glaubhaftes Zeichen der ganzen Mannschaft bieten können.

Dass Thema derart hochzukochen, ist dilettantisch, populistisch, zeugt von Ratlosigkeit und Nervosität. Mehr noch: Es ist ein Spiel mit dem gesellschaftlichen Feuer. Ja, Özil sollte sich äußern, seine Fotos mit Erdogan waren ein Fehler. Aber das Hin und Her des DFB ist nur Wasser auf die Mühlen derer, die Özil und Gündogan nicht dafür kritisieren, dass sie sich mit Erdogan getroffen haben, der zahlreiche Menschen ohne rechtsstaatliche Grundlage ins Gefängnis sperrt. Vielen sind Özil und Gündogan wegen ihrer türkischen Wurzeln ein Ärgernis.

Der DFB steht als größter Sportverband der Welt in der gesellschaftlichen Verantwortung. Er ist das Aushängeschild des populärsten deutschen Sports, und sein Präsident sollte genau diese Verantwortung nicht nur darstellen, sondern sie wahrnehmen. Besonders dann, wenn es um ein brisantes, relevantes und aufgeheiztes Thema wie die Migration geht. Als CDU-Politiker sollte das für Grindel eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber offenbar nicht.

Damit reiht er sich in die Fähigkeit seiner Vorgänger ein, die Glaubwürdigkeit des Verbands aufs Spiel zu setzen. Die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung des DFB haben die meisten Präsidenten in Sonntagsreden nicht vermissen lassen, im eigenen Handeln, wenn es um das Kerngeschäft des DFB geht, dagegen schon. Nur konnte das Agieren von den Grindel-Vorgängern Wolfgang Niersbach oder Theo Zwanziger in der WM-Affäre durch sportliche Erfolge überdeckt werden. Jetzt muss der amtierende Präsident ein heikles politisches Thema managen – zusätzlich zum sportlichen Misserfolg. Darin macht er derzeit keine gute Figur.

Grindel, Bierhoff und auch Bundestrainer Joachim Löw sollten sich rasch hinsetzen und wirklich ernsthaft analysieren. Schonungslos auch sich selbst gegenüber. Am Ende muss keinesfalls ein Rausschmiss Özils aus der Nationalmannschaft stehen. Schließlich gehörte er unter vielen schlechten zu den besseren Spielern. Aus dem WM-Aus sollte aber die Chance für einen sportlichen Neuaufbau und mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt wachsen – nicht noch größeres Chaos.

  • Erschienen am 10.07.2018 auf Seite 01

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