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  • 09.06.2018

Matthies meint: Einfach mal verdammt hart reingehen

Es ist seltsam, dass die Welt, die doch angeblich unter Jugendwahn leidet, so viele wirre, alte weiße Männer an die Macht kommen lässt. Nein, es geht hier ausnahmsweise nicht um Alexander Gauland, sondern um Boris Johnson, den britischen Außenminister, der den Brexit mit der gleichen Vehemenz herumträgt wie Frodo Beutlin den Ring – am Ende wartet, selbstverständlich, die Erlösung von allen Übeln.

Aber wie tickt Johnson wirklich? Wir Deutschen sind ja von Außenministern wie Steinmeier den wolkigen Jargon des Uneigentlichen gewohnt, die Finesse einer Diplomatie, die noch die heftigste Attacke wie eine Einladung zur Silberhochzeit aussehen lässt. Johnson ist anders – das lässt sich nun näher betrachten, und zwar anhand eines geleakten Tondokuments, das die „Times“ für echt zu halten scheint.

Da sagt er vor Parteiaktivisten (Achtung, Spoilerwarnung: Das ist jetzt nicht geeignet für Zartbesaitete), da sagt er: Trump würde den Brexit besser machen. „Er würde verdammt hart reingehen, es würde alle möglichen Zusammenbrüche geben, alles mögliche Chaos. Aber man würde tatsächlich etwas erreichen.“ Vielleicht eine Fälschung – aber wozu? Johnson ist ja genau so.

Es ist nun ein Riesenglück, dass Trump in London direkt nicht viel zu sagen hat, denn sonst würde der britische Generalstab vermutlich schon die Bombenabwurfziele in Brüssel markieren. Aber auch Johnson kündigt schon mal an, dass seine Chefin demnächst „den Kampf zum Feind“ tragen werde, und zwar mit der möglichen Folge einer „Kernschmelze“.

Schön gesagt im Schlagzeilenformat, jedenfalls ohne die kleinste diplomatische Finesse. Doch was bedeutet das für den Umgang mit solchen Politikern? Es könnte sein, dass es sich einfach um Verrückte handelt, die eine Laune des Wahlvolks in Ämter gespült hat, für die sie maximal ungeeignet sind. Oder es sind unterschätzte Genies, die mit Kalkül so lange brüllend und tobend den Kampf zum Feind tragen, bis ihr Wille durchgesetzt ist. Man bekommt es aber nicht richtig raus, was den Verdacht nährt, dass die beiden es am Ende selbst nicht genau wissen und den inneren Neandertaler einfach mal machen lassen.

Das ist dann doch ein bisschen wie bei Alexander Gauland, der zuletzt eher verpeilt als strategisch raffiniert wirkte. Sehen wir es positiv: Der hat jedenfalls keinen Zugang zu Atomwaffen. Und seine Kernschmelze würde allenfalls ein paar Hundekrawatten vernichten.

  • Erschienen am 09.06.2018 auf Seite 01

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