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  • 22.02.2018
  • von Anna Sauerbrey

Not in Syrien: Es fehlt nicht an Worten

von Anna Sauerbrey

Die Bilder sind Ergebnis der Barbarei. Bilder wie jenes, das ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP am 20. Februar in dem Ort Arbin aufnahm: sieben Körper auf einem blutverschmierten Betonboden, in Leichentücher gewickelt. Sechs von ihnen sind klein und zart: Kinder, Jugendliche. Ihre Augen sind geschlossen. Ein Mann steht da und betet, einer kniet weinend, legt seine Hände über ein lebloses Gesicht.

Arbin liegt in Ost-Ghouta im Süden Syriens unweit von Damaskus, eine der letzten Regionen, die noch von Rebellen gehalten wird. Seit Jahren ist das Gebiet von Assads Truppen eingeschlossen. 400 000 Menschen sind hier Gefangene des Krieges. Es fehlt an Essen, Medikamenten, Trinkwasser. Nun intensiviert das Assad-Regime die Luftangriffe. Krankenhäuser werden zerstört. Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind in den vergangenen Tagen 270 Menschen gestorben, darunter 67 Kinder. Es fehlen die Worte, um das Leid zu beschreiben, befand das UN-Kinderhilfswerk Unicef, und verschickte eine fast leere Pressemitteilung.

Gleichzeitig eskaliert die Situation im Norden. Die Türkei bombardiert im Zuge seiner gegen die kurdische YPG gerichteten Invasion den Ort Afrin. Eine direkte Konfrontation zwischen der Türkei und dem Assad-Regime droht, denn Teile der YPG kooperieren nun mit dem Regime. Auch hier in den letzten Tagen: Dutzende Tote. Auch hier: Kinder unter den Toten. Erdogan, Präsident eines Landes, das Mitglied in der Wertegemeinschaft der Nato ist, kündigt nun eine Belagerung an. Will er Afrin zu einem zweiten Arbin machen?

Das Genfer Abkommen IV verpflichtet alle Staaten zum Schutz von Zivilpersonen: Krankenhäuser dürfen nicht angegriffen werden, das Aushungern der Zivilbevölkerung als Mittel des Krieges wird verboten, der Schutz von Hilfskonvois gewährt. In Syrien hat diese Selbstverpflichtung keine Bedeutung, ebenso wenig wie die Ächtung von Chemiewaffen. Dass der Krieg in die Barbarei ausgeartet ist, liegt sowohl am Zynismus als auch an der Schwäche der Schutzmächte Russland und Iran. Es liegt an der Apathie der USA. Es liegt an einer Türkei, die schon mit der Ankündigung einer „Belagerung“ den Wertekosmos der Nato verlässt. Die anderen Nato-Staaten schauen zu.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz verstieg sich Aleksej Puschkow, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses der Duma, zu der Aussage, Syrien werde stabiler, in manchen Orten öffneten sogar die Schwimmbäder wieder. Putin wünschte wohl, so wäre es. Russland feiert sein Engagement in Syrien als Rückkehr auf die Weltbühne. Doch die Lage wird auch für Russland wieder komplizierter. Die Türkei, die Putin noch bei den „Friedensgesprächen“ von Sotschi Ende 2017 einzubinden versuchte, ist mit der Offensive gegen die Kurden wieder zum potenziellen Gegner geworden. In der Heimat ist das Engagement in Syrien unbeliebt – im März wird gewählt. Ende 2016 hat Russland einmal eine Feuerpause in Aleppo und humanitäre Korridore ausgerufen. Nur wenige verließen die Stadt, syrische Kämpfer erklärten, sie fühlten sich dadurch nicht gebunden.

Auch die USA fallen aus. Im April 2017 setzte das Assad-Regime in der Provinz Idlib Giftgas ein, mindestens 86 Menschen starben. Donald Trump ließ daraufhin eine syrische Luftbasis bombardieren. Als jetzt erneut über den Einsatz von Giftgas in Idlib berichtet wurde, beschränkte sich das US-Außenministerium darauf, sich „tief beunruhigt“ zu zeigen und die internationale Gemeinschaft aufzurufen, „mit einer Stimme“ zu sprechen.

Es fehlen die Worte, das Leid der Menschen zu beschreiben. An Worten der internationalen Gemeinschaft fehlt es nicht. Die UN verurteilen das Blutvergießen. Es fehlt an Handelnden. „Wenn ihr nach Hilfe schreit, wird euch niemand hören“, sagte kürzlich einer von Assads Generälen bei einer Ansprache vor Soldaten an die Adresse der Bewohner von OstGhouta. Er hat recht.

  • Erschienen am 22.02.2018 auf Seite 01

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