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  • 13.02.2018

Matthies meint: Das Nichts kommt näher

Der Rang der Autobahn im Gefüge der deutschen Leitkultur ist bekannt: Sie steht für die kühle Effizienz des hiesigen Ingenieurwesens, dient als Symbol grenzenloser Freiheit für all jene, die gern bei Tempo 270 ein Foto vom Tacho posten, und ja, es gibt immer noch Leute, die Hitler zwar böse finden, ihm aber den Bau verschiedener Autobahnstrecken als strafmildernd anrechnen möchten. Die Grünen, die praktisch jedes ihrer politischen Ziele durchgesetzt haben, notfalls aus der Opposition, sind mit der Forderung nach einem Tempolimit auf den Autobahnen gescheitert; bei den endlosen Sondierungsverhandlungen der vergangenen Monate war von diesem Thema zwischen Millionen von Kompromisslinien und Spiegelstrichen offenbar schlicht kein Platz.

Der Mythos der deutschen Autobahn ist mithin so unangreifbar, dass sie sich nur selbst zerstören kann. Was sie prompt auch tut: Das vorpommersche Kaff Tribsees markiert jenen Ort, an dem die noch fast fabrikneue Ostseeautobahn im weichen Boden versinkt, jeden Tag ein Stückchen mehr. Es ist wie in einem Stephen-King-Roman, jeden Augenblick wird etwas unvorstellbar Böses aus der ominösen Torflinse hervorquellen und alles um sich herum verschlucken. Möglicherweise ist das auch der Beginn des allumfassenden Nichts, das die Welt auslöschen wird, weil es auf ihr einfach kein intelligentes Leben mehr gibt?

Diese erschreckende Vermutung zumindest lässt sich am Rande des Autobahnlochs rechtssicher belegen. Denn die Offiziellen berichten, dass die gesperrte und gefährlich unterminierte Fahrbahn zum beliebten Ausflugsziel geworden ist. Ein Selfie mit der Familie am Rande des Abgrunds hat ungefähr den gleichen Wert wie ein Foto mit Angela Merkel oder Helene Fischer, dafür nehmen die Leute lange Märsche auf sich – und wenn der Boden nachgibt, dann wird schon irgendwer zum Retten kommen, wofür zahlen wir schließlich diese blöden Steuern?

Wir haben es hier also mit einer Variante der normalen, ebenso autobahngebunden Foto-Sucht bei Verkehrsunfällen zu tun, die die Polizei schon länger verzweifeln lässt. Inzwischen ist es üblich und notwendig, Sichtschutzwände am Unfallort aufzubauen, um überhaupt noch einigermaßen ungestört sichern und retten zu können. „Sensationslust“ ist die Vokabel, die üblicherweise genutzt wird, um zu erklären, was sich nicht erklären lässt. Ist es die Aussicht, mit einem Video bei Facebook für 15 Minuten berühmt zu sein?

Der Vorgang selbst aber steht symbolisch für das neue Deutschland, das die Leute draußen sogar irgendwie sympathisch finden. Die hyperpräzisen Teutonen scheitern an einem Großflughafen und einem Bahnhofsprojekt, sie bekommen ums Verrecken keine Regierung mehr auf die Reihe und ihre heilige Vierspurige verschwindet auf verpfuschtem Fundament im Sumpf wie der Fliegende Holländer im Nebel. Sind wir am Ende auch nur Menschen? Es spricht wirklich allerhand dafür.

  • Erschienen am 13.02.2018 auf Seite 01

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