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  • 05.10.2017
  • von Bernhard Schulz

Anhalter Bahnhof: Freier Eintritt, jetzt!

von Bernhard Schulz

Viele kluge Reden hat Gründungsintendant Neil MacGregor in Berlin schon gehalten, um dem Humboldt-Forum Resonanz zu verschaffen. Ein Gedanke erregte besondere Aufmerksamkeit: freier Eintritt ins künftige Forum im wiederaufgebauten Schloss! „Wenn man möchte, dass das Haus eine gesellschaftliche Rolle im Leben der Stadt spielt, muss man dieses Thema diskutieren“, so der britische Weltbürger trocken. „Wenn der Eintritt frei ist, kommen die Menschen wieder, das ist meine Erfahrung.“

MacGregor weiß, wovon er spricht, nachdem er jahrzehntelang erst die Londoner Nationalgalerie leitete, dann das British Museum. Es stimmt, in London kommen die Menschen gern immer wieder ins Museum, und seien es die Angestellten in der Mittagspause, um in Gegenwart der Renaissance oder der Antike Luft zu schnappen.

Noch ist in Berlin nichts entschieden. Zu mehr als einem unverbindlichen „Es stünde uns gut zu Gesicht“ ließ sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters bislang nicht hinreißen. Aus dem Kulturetat des Bundes müsste der freie Eintritt finanziert werden, er wäre unentgeltlich, wenngleich nicht kostenlos. Wohlan, Bund, geh’ voran! Nächst dem Humboldt-Forum locken die Häuser der Museumsinsel; die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Hausherr ist gleichfalls Bundessache, zum größten Teil jedenfalls.

Eine neue Bundesregierung steht ins Haus. Da wäre es ein kulturpolitisches Signal von größter Strahlkraft, wollte sie sich auf freien Eintritt in allen Museen verständigen, die aus dem Bundessäckel unterhalten werden. Im Wahlprogramm forderte das nur die Linke. Aber die Partner der Jamaika-Koalition, auf die es wohl hinausläuft, zielen in die gleiche Richtung, wenn die CDU die „überragende Bedeutung“ der kulturellen Bildung betont, die FDP sie explizit für „Menschen aller Altersgruppen“ stärken will und die Grünen bekräftigen, Kultur müsse „für alle Menschen zugänglich sein“. Freier Eintritt, zumindest in die Dauerausstellungen, als Bildungsangebot für wirklich jedermann – es wäre ein Markstein der künftigen Regierung.

Berlin, das Land Berlin mit seinen eigenen Häusern, fürchtet die Sogwirkung, heißt es. Na klar doch: Sogwirkung! Die soll doch gerade entstehen! Schließlich setzt sich auch Berlin dafür ein, „finanzielle Hürden für den Museumsbesuch zu senken“ – so steht’s im Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün. Von alternativ bis konservativ: Den SPD-Slogan „Kultur für alle“ dürfen gern sämtliche Parteien kapern, ohne sich eines Plagiats schämen zu müssen. Bernhard Schulz

  • Erschienen am 05.10.2017 auf Seite 01

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