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  • 02.10.2017

Vier Fragen an Josef Joffe: Was macht die Welt?

Europa neu erfinden, Sezessionen ablehnen und Schulz Respekt zollen

Emmanuel Macron will Europa neu erfinden, Angela Merkel kümmert sich erst mal bis Dezember um Jamaika. Kann die EU so lange warten?

Selbstverständlich. Die EU erfindet sich seit ihren Anfängen (1952) neu. Noch länger wird es dauern, bis Macron seine ehrgeizigen Reformpläne verwirklichen kann, die Frankreich wirtschaftlich auf Augenhöhe mit Deutschland heben sollen. Merkel ist zwar angeschlagen, aber Deutschland bleibt der weitaus stärkere Player, der sich nicht auf Protektionismus und Schuldenvergemeinschaftung einlassen wird. Europa funktioniert immer so: ein Schritt vor, ein halber zurück.

Donald Trump beschimpft die populären Stars der NFL und der NBA als Vaterlandsverräter. Legt er sich mit den Falschen an?

Er kann sich mit der ganzen Welt anlegen: Nordkorea, Venezuela, Mexiko, Russland, China, Iran, Nato. Bei den nationalen Heiligtümern NFL (Football) und NBA (Basketball) müsste er seine ketzerischen Reflexe zügeln. Erstens, weil ein Präsident denen nichts antun kann; es gibt kein Staatsfernsehen in Amerika, das regierungstreu die Spiele boykottieren würde. Zweitens sind gerade Sportsfans Trump-Wähler. Sie werden es ihm übel nehmen, dass er ihnen die Football-Saison (bis 31.12.) und die der NBA (Oktober bis April) vergällt. Merke: Spiele sind wichtiger als Brot. Das wussten schon die alten Römer.

Die Katalanen wollen raus, Madrid schickt die paramilitärische Zivilgarde. Gibt es noch eine Rettung?

Ein Bürgerkrieg wie in den Dreißigern (Faschisten vs. Republikaner) ist schwer vorstellbar, zumal damals auch auswärtige Mächte (Nazi-Deutschland, Sowjetunion) mitkämpften. Madrid hat die Verfassung auf seiner Seite. Sie erlaubt es, die „notwendigen Maßnahmen“, etwa die Oberherrschaft über Katalonien, zu ergreifen. Dessen Regierungschef Puigdemont hat schon mal verkündet, eine einseitige Unabhängigkeitserklärung sei „absolut ausgeschlossen“. Lieber Verhandlungen, in denen Madrid wohl Konzessionen machen wird. Die Abtrünnigen wissen auch, dass sie nicht mit internationaler Anerkennung rechnen dürfen. Niemand mag Sezession.

Ein letztes Wort zu Martin Schulz ...

Ein gutes. Er hat für die Partei gekämpft, obwohl es aussichtslos war. So wie zuvor Frank-Walter Steinmeier (23 Prozent) und Peer Steinbrück (26 Prozent). Und vor ihnen Oskar Lafontaine, der zehn Punkte hinter Kohl landete. Erich Ollenhauer trat zweimal an, obwohl er gegen Adenauer keine Chance hatte. Alle waren loyale Parteisoldaten, Kapitäne, die wussten, dass ihr Schiff den Kanzlerhafen nicht erreichen würde. Wir schulden ihnen größten Respekt. Die Partei selber ist ein anderes Kapitel. Sie setzt Glaubenstreue vor Siegeschance und mag letztlich auch ihre Gewinner (Schmidt, Schröder) nicht.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: til

  • Erschienen am 02.10.2017 auf Seite 01

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