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  • 14.09.2017
  • von Gerrit Bartels

Anhalter Bahnhof: Suhrkamp, nicht vergessen

von Gerrit Bartels

Natürlich ist es nur ein Zufall, dass einer der sechs für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierten Romane „Die Hauptstadt“ heißt. Gemeint ist in Robert Menasses Roman zwar Brüssel, als inoffizielle Hauptstadt Europas. Doch mit dieser Shortlist darf sich Berlin mal wieder damit schmücken, auch die literarische Hauptstadt der Republik zu sein. Denn mit Sasha Marianna Salzmann, Thomas Lehr, Gerhard Falkner und Marion Poschmann leben vier der sechs nominierten Autoren und Autorinnen in Berlin, und die zwei anderen, Franzobel und Robert Menasse, stammen sowieso aus Österreich und bevorzugen Wien als Lebensmittelpunkt.

Nach mageren Jahren beim Deutschen Buchpreis, als zuletzt – ungehörigerweise! – mit Bodo Kirchhoff (Frankfurt!), Frank Witzel (Offenbach!!) und Lutz Seiler (Wilhelmshorst!!!, Stockholm, okay) drei Nicht-Berliner diesen Preis gewannen, stehen die Chancen also nicht schlecht, den Titel mal wieder in die Hauptstadt zu holen. Zudem kommen vier der nominierten Romane von zwei Berliner Verlagen. Zum einen ist der Berlin Verlag mit dem Falkner- Roman „Romeo oder Julia“ dabei, zum anderen der Suhrkamp Verlag, der bekanntlich seit 2010 ein Berliner ist, mit den Romanen von Salzmann, Poschmann und Menasse. Überhaupt, Suhrkamp. Lässt gerade an der Torstraße seinen neuen Verlagssitz bauen, hat vor zwei Wochen das LCB-Sommerfest ausgerichtet. Aber war da nicht noch was? Gab es im Gefolge des Umzugs nicht schwerste Turbulenzen, die den Verlag in seiner Existenz bedrohten? Von wegen Hans Barlach, von wegen Gesellschafterstreit? Schon vergessen?

Wie es scheint: ja. Das Vergessen ist ja nicht nur ein Monster, sondern auch eine Wohltat, und der Suhrkamp Verlag hat den Veröffentlichungsbetrieb sowieso stets ungerührt fortgeführt, trotz Barlach, zahlreicher Gerichtstermine, finanzieller Schwierigkeiten und der Kritik am Umzug (Tradition! Geist! Siegfried Unseld!).

Die Saison-Vorschau ist dick wie eh und je, selbst das Random-House-Programm wirkt überschaubar dagegen. Mit Elena Ferrante, deren deutsche Auflage inzwischen bei einer Million Exemplaren liegt, dürfte der Suhrkamp Verlag gar richtig Geld verdienen. Und nun noch fast alle deutschsprachigen Herbsttitel auf der Shortlist! Auch Berlin freut sich da. Wäre nur blöd, wenn am Ende der Österreicher Franzobel mit seinem beim Zsolnay Verlag erscheinenden „Floß der Medusa“-Roman den Deutschen Buchpreis gewinnt. Was würde dann bloß aus der Literaturhauptstadt werden? Gerrit Bartels

  • Erschienen am 14.09.2017 auf Seite 01

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