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  • 13.09.2017
  • von G. Appenzeller, F. Bachner, F. Kessler und K. P. Hoffmann

Air Berlin vor dem Kollaps

von G. Appenzeller, F. Bachner, F. Kessler und K. P. Hoffmann

Piloten erzwingen mehr als 100 Flugausfälle. Chaos an den Schaltern. Berlins Regierender: Wir müssen jetzt in die Zukunft schauen

Berlin - Einen Monat nach dem Insolvenzantrag steht Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin vor dem Zusammenbruch des Flugbetriebes. Nachdem sich am Dienstag rund 200 der insgesamt 1500 Piloten krankgemeldet hatten, musste die Airline mehr als 100 der 750 angesetzten Flüge streichen. Allein in Berlin-Tegel, dem neben Düsseldorf wichtigsten Standort für Air Berlin, fielen 70 Flüge aus. Es gab Chaos an den Schaltern. Einige Passagiere waren nicht bereit, auf eine Umbuchung durch die Mitarbeiter der Airline zu hoffen, sondern kauften sich Tickets auf eigene Rechnung.

„Heute ist ein Tag, der die Existenz von Air Berlin bedroht“, schrieb der Manager Oliver Offert an die Belegschaft. Vorstandschef Thomas Winkelmann schrieb in einer Pressemitteilung, dass die Mitarbeiter „bislang“ sehr professionell mit der schwierigen Situation des Unternehmens umgegangen seien. „Dafür gebührt ihnen große Anerkennung. Das, was wir jedoch heute bei einem Teil der Belegschaft sehen, ist ein Spiel mit dem Feuer.“ Allein die Ausfälle am Dienstag würden mehrere Millionen Euro kosten.

Am 15. August hatte Air Berlin den Antrag auf Insolvenz gestellt. Zeitgleich hatte die Bundesregierung angekündigt, über die Staatsbank KfW 150 Millionen Euro bereitzustellen, um den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten und Air Berlin Zeit für die Suche nach einem neuen Investor zu verschaffen. Zuvor hatte der Großaktionär Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten mitgeteilt, nicht mehr für die chronisch defizitäre Airline zahlen zu wollen. Der bisherige Zeitplan sah vor, dass Interessenten beim vorläufigen Insolvenzverwalter bis zum kommenden Freitag, 14 Uhr, verbindliche Angebote für Teile oder die gesamte Airline einreichen können. Am 21. September sollte der Gläubigerausschuss eine Entscheidung fällen. Ob dieser Plan zu halten ist, blieb am Dienstag noch offen.

Als Auslöser für die jüngsten Turbulenzen gilt die Entscheidung des irischen Flugzeugvermieters AerCap, bei dem Air Berlin zehn Langstreckenflugzeuge vom Typ Airbus A330 least, die Maschinen zurückzufordern. AerCap in Dublin lehnte eine Stellungnahme ab. Als Reaktion auf den Rückzug des Leasingpartners strich Air Berlin am Montag praktisch alle Fernstrecken zum 25. September aus dem Flugplan. In Mitarbeiterkreisen wurde spekuliert, Piloten würden fürchten, dass diese Strecken – zum Beispiel in die Karibik und die USA – auch unter einem neuen Eigentümer nicht fortgesetzt werden.

Wolfgang Fleischer, stellvertretender Betriebsratschef Technik bei Air Berlin, bezeichnete die massenhaften Krankmeldungen „als Überreaktion der Kollegen, die aber nachvollziehbar ist“. Es sei ja immer auch eine Frage, wie man mit Mitarbeitern umgehe. Gleichwohl, mit Blick auf das gesamte Unternehmen, sei er „nicht glücklich über die Situation“.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte dieser Zeitung: „Natürlich hat der Senat, habe ich auch immer wieder Gespräche mit Air Berlin in den letzten Monaten auf unterschiedlichen Ebenen geführt. Mit der Unternehmensführung genauso wie mit den Arbeitnehmern.“ Ihm sei es „sehr wichtig“, dass Berlin als Metropole auch mit dem Flugzeug gut angebunden ist. „Und Air Berlin war da ein bedeutender Partner. Aber wir müssen jetzt in die Zukunft schauen.“

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  • Erschienen am 13.09.2017 auf Seite 01

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