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  • 10.08.2017
  • von Bernhard Schul

Anhalter Bahnhof: Ein Automat für Bücher

von Bernhard Schul

Derzeit ist die Ruine des Anhalter Bahnhofs lose abgesperrt. Touristen können weiterhin vor dieser traurig-schönen Kulisse ihre Berlin-Fotos knipsen. Die sorgfältige Abdeckung der durch die Sprengung im Jahr 1959 freigelegten Mauerkronen mit Fensterblech sticht ins Auge; es ist ja auch zu putzig, dass der Bahnhof erst gesprengt und der karge Rest anschließend unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Zu jedem größeren Bahnhof gehört eine Bahnhofsbuchhandlung. Früher diente sie Spontankäufen, wie sie – so Walter Benjamin 1931 – „ein Geschäftsreisender, um sich die nächste Eisenbahnfahrt zu verkürzen, in einer Buchhandlung vornimmt“. Man könnte sich sehr gut vorstellen, dass es für eilige Reisende einen Automaten des Reclam-Verlags gegeben hat. Solche Automaten, aus denen man ein Exemplar der cremefarbenen Bändchen ziehen konnte wie eine Tafel Schokolade, kamen erstmals 1912 zur Aufstellung. Bis um 1917 wurden 2000 Automaten überall im Deutschen Reich montiert; man konnte praktisch überall einen plötzlich auftretenden Lesedurst stillen, unabhängig von den früher strengen Ladenöffnungszeiten. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein taten die Apparate ihren Dienst.

Heutzutage muss niemand mehr auf die Straße treten und einen Automaten bedienen, um ein Buch zu erwerben; die großen Versender liefern es frei Haus, in immer präziser berechneten, immer näher an den Akt der Bestellung rückenden Zeitfenstern. Wer daher meint, ein Buchautomat sei vollkommen gestrig, zeigt sich als schlechter Kenner der menschlichen Psyche. Denn ist es nicht so, dass erst der flüchtige Blick, der im Geschiebe eines Großstadtbahnhofs auf ein solches Gerät fiele, oder das leere Vor-sich-Hinstarren bei allfälliger Zugverspätung das Bedürfnis weckten, auf der Stelle ein Buch zu lesen? Diesem Bedürfnis unverzüglich abzuhelfen kann keinem Versender je gelingen. Dazu bedarf es des Automaten.

Ein solcher mag, nein, wird ganz bestimmt im Anhalter Bahnhof gestanden haben. Von dessen Glanz zeugt nur noch der ruinierte Portikus. Zusätzlich einen historischen, doch funktionstüchtigen Buchautomaten anbringen – und das touristische Glück, ein solcherart belebtes Reisefoto zu knipsen, müsste vollkommen sein! Bernhard Schulz

  • Erschienen am 10.08.2017 auf Seite 01

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