Abschied vom Freizeitpark. Lewis Hamilton fällt neben der Rennstrecke immer wieder durch kleinere und größere Eskapaden negativ auf. Die Verantwortlichen bei Mercedes hoffen, dass sich das künftig ändern wird. Foto: dapd
Lewis Hamilton wird kommende Saison für Mercedes fahren. Er soll für den Rennstall Titel in der Formel 1 holen. Ob das gelingen kann, hängt davon ab, ob der Brite inzwischen gereift ist
Dass er einer der schnellsten Fahrer in der Formel 1 ist, daran besteht kein Zweifel. Auch nicht daran, dass er das nötige Talent hat, um seinem WM-Titel von 2008 in Zukunft noch weitere hinzuzufügen. Und es bezweifeln auch nur wenige, dass er das Zeug zum Superstar hat. Nach der Bekanntgabe des Wechsels von Lewis Hamilton zu Mercedes in der kommenden Saison hofft sein künftiger Arbeitgeber, dass der 27-Jährige Brite das ist, was einst Michael Schumacher für Ferrari war: Der große Retter, derjenige, der das Team aus einer schwierigen Situation heraus an die Spitze führt.
Ob das gelingen wird, hängt nicht nur davon ab, welches Bild Hamilton auf der Strecke abgibt, sondern auch von seinen Auftritten abseits der Rennen. Denn die werfen eher Fragen auf. Bringt er die Reife, die Konzentrationsfähigkeit und die Entschlossenheit für so eine große Aufgabe mit, oder handelt es sich bei Hamilton um einen emotionalen Teenager? Der sich dann, wenn es einmal nicht so gut läuft, von seinen Gefühlen leiten lässt, erst handelt und dann denkt.
„Es ist schon witzig, dass wir jetzt hier seit fünf Minuten über Twitter reden, anstatt über das Rennen“, stellte Hamiltons Noch-Teamkollege Jenson Button in Korea fest. Hamilton hatte nach dem Rennen in Japan, verärgert über seinen fünften Platz, geglaubt, dass Button ihm plötzlich nicht mehr beim Kurznachrichtendienst Twitter folge und stattdessen seinen neuen Teamkollegen ab 2013, Sergio Perez, hinzugefügt habe. Darüber hatte er sich so empört, dass er seine Entrüstung direkt in die Welt hinaus twitterte. Nur um eine knappe Stunde später erkennen zu müssen, dass Button überhaupt nie zu seinen „Followern“ gehört hatte – da war die Medienlawine schon losgebrochen.
Es ist nicht die erste Episode dieser Art, und so stellen einige Experten die Frage, ob sich Hamilton nicht zu leicht von Nebensächlichkeiten ablenken und aufregen lasse, anstatt sich auf seine eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. „Er muss erwachsen werden“, sagt etwa Johnny Herbert, einst bei Benetton Teamkollege von Michael Schumacher. „Dieser ganze Twitter-Ärger, den er sich da immer einbrockt – Michael hätte so etwas nie gemacht, davon mal abgesehen, dass es damals kein Twitter gab.“ Aber, so glaubt Herbert, sein Landsmann werde daraus lernen. „Und eine andere Atmosphäre, eine andere Umgebung jetzt bei Mercedes, das könnte dabei helfen.“ Er habe zudem das Gefühl, dass Hamilton schon auf dem Weg sei, einiges zu ändern: „Ich höre zum Beispiel, dass er immer mehr versucht, auch Details der Technik zu verstehen.“
Trotzdem ist Herbert skeptisch, was den Erfolg der neuen Kombination Hamilton und Mercedes angeht. „Es geht ja nicht nur um Lewis, es geht um die gesamte Infrastruktur bei Mercedes – mit Ross Brawn, Lewis und Nico Rosberg. Alle zusammen müssen gemeinsam wachsen.“
Alexander Wurz, selbst lange Testfahrer bei McLaren, traut sich keine Prognose zu: „Vielleicht wächst Lewis über sich hinaus, wenn man ihn an der langen Leine lässt.“ Die Voraussetzungen bringt er laut Wurz auf jeden Fall mit: „Lewis kommt von einem Weltklasseteam, das sehr akribisch arbeitet. Da nimmt er sicherlich sehr viele Systemabläufe mit.“
In zwei Punkten wird es Hamilton bei Mercedes allerdings schwerer haben als damals Michael Schumacher bei Ferrari: Erstens gibt es die Möglichkeit der endlosen Testfahrten nicht mehr, mit denen Schumi damals viel zur Weiterentwicklung beitrug. Und zweitens scheint die Mercedes-Struktur heute noch nicht so gefestigt wie damals jene des Ferrari-Triumvirats mit Jean Todt an der Spitze, dem Technik- und Strategiechef Ross Brawn und vor allem dem Top-Designer Rory Byrne, der zwar in der Öffentlichkeit oft im Schatten stand, dessen Rolle aber für den Erfolg immens war. Das alles auszugleichen, kommt einer Herkulesaufgabe gleich. Schafft Hamilton es tatsächlich, dann müsste der neue Mercedes-F1-Oberaufseher Niki Lauda wohl mehr als nur sein berühmtes „Kapperl“ ziehen.
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