Radprofi Tony Martin positioniert sich – vor dem WM-Zeitfahren und im Doping-Fall Armstrong
Valkenburg - Der Erfolg hat Tony Martin motiviert. Nach dem Gold im Mannschaftszeitfahren will der Radprofi nun bei der Straßen-Weltmeisterschaft der Radprofis in Valkenburg nun auch im Einzelzeitfahren triumphieren und damit der für ihn von Stürzen und Defekten bei der Tour de France unglücklich verlaufenen Saison einen versöhnlichen Abschluss verleihen. „Jede Erwartung unterhalb von Gold ist fehl am Platze“, sagte der gebürtige Cottbusser und setzte sich vor dem Rennen am Mittwoch selbst unter Druck.
Der Silbermedaillengewinner von London sprach freilich nur aus, was alle dachten. Denn nach den Absagen vom aktuellen Zeitfahrolympiasieger Bradley Wiggins, dessen Schatten Christopher Froome (Olympia-Bronze) und dem früheren Dauer-Weltmeister Fabian Cancellara ist Martin tatsächlich klarer Favorit auf die Titelverteidigung. Seine gute Form unterstrich der 27-Jährige zudem mit seiner Leistung bei der Titelfahrt seines Teams Omega Pharma Quick Step. Er setzte beim Mannschaftszeitfahren am Sonntag das Tempo, achtete aber auch darauf, dass schwächere Teammitglieder noch mithalten und selbst ihren Teil der Führungsarbeit bis zum Ende leisten konnten. Radsport-Legende Eddy Merckx verlieh Martin einen Ritterschlag: „Das war eine formidable Leistung. Tony Martin ist in dieser Form für mich der Favorit für das Einzelzeitfahren.“
Doch Favorit – was heißt das schon im Falle Martin? Bei der Tour de France war er der Pechvogel schlechthin. Erst zerstörte beim Prolog eine Reifenpanne seinen Traum von Tagessieg und Gelbem Trikot. Einen Tag danach brach er sich bei einem Sturz das Kahnbein, hielt mit Manschette am Handgelenk trotz Schmerzen aber bis zum Zeitfahren durch. Dort bremste ihn eine neuerliche Reifenpanne aus. Nun also könnte ein Sieg in Valkenburg die Popularität des Mannes, der wegen seines Fahrstils beim Einstieg bei den Profis als „junger Jan Ullrich“ gefeiert wurde, weiter erhöhen. Ein Selbstläufer wird es aber nicht. Der bergige Kurs bietet auch zeitfahrstarken Kletterern wie Frederik Kessiakoff – zuletzt Sieger beim Vuelta-Zeitfahren – und Alberto Contador Vorteile. „Contador ist der gefährlichste Rivale“, sagte Martin.
Mit dem wegen Dopings schon gesperrten Spanier duelliert sich der Polizeimeister aus Thüringen auch auf moralischem und medialem Terrain. 2010 war Contador wegen Dopings gesperrt worden, gleichzeitig wurden dem Spanier sämtliche Erfolge seit dem positiven Dopingbefund offiziell aberkannt, darunter der Tour-Sieg 2010 sowie der Giro-Sieg 2011. In einem Interview erklärte Martin nun frisch und frei: „Generell finde ich es immer sehr fragwürdig, wenn gedopte Fahrer irgendwann zurückkehren und dann große Ergebnisse einfahren. Das ist schade für den Sport und da wird leider zu Recht auch ein Schatten auf den Radsport geworfen.“ Er äußerte auch Genugtuung über die Aktionen der US-Dopingagentur Usada gegen Lance Armstrong. Die Usada hatte den 40-jährigen Armstrong lebenslang gesperrt und die Aberkennung seiner sieben Tour-de-France-Siege zwischen 1999 und 2005 gefordert. „Wenn nachgewiesen wird, dass Lance Armstrong zu den fraglichen Ereignissen gedopt hat, gehören ihm die Titel natürlich abgenommen“, sagte Martin.
Die vom Radsport-Weltverband UCI angekündigte Amnestie für Doping-Geständige der Ära Armstrong findet Martin dagegen indiskutabel. „Wie soll ich das verstehen? Da kommt einer an und sagt: ,Ich habe vor drei Wochen gedopt‘ und dann kommt der damit davon?“ Martin fordert eine Klärung von Fristen und Modalitäten.
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