• 11.09.2012
  • von Sven Goldmann, Wien

Kein Zufall mehr

von Sven Goldmann, Wien

Richtungswechsel. Die Österreicher um Christian Fuchs (rechts; hier gegen Thomas Müller) wollen der deutschen Mannschaft diesmal nicht hinterherlaufen. Foto: König

Die Österreicher spielen inzwischen ansehnlichen Fußball und flößen dem deutschen Team Respekt ein

Für den heutigen Dienstag haben der Österreichische Fußball-Bund und die Botschaft der Föderativen Republik Brasilien in Wien zu einem Pressegespräch an den Wiener Heldenplatz geladen. Das Thema ist ambitioniert gewählt, nämlich der Stand der Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Klingt beinahe so, als hätten die Österreicher gerade ihre Flüge gebucht und würden nun verkünden, welche Spieler die Reise antreten würden ins Land der ewigen Samba. Nur ist da noch die Kleinigkeit von zwölf Spielen in der Qualifikationsgruppe C. Zum Auftakt kommt heute der Lieblingsfeind aus Deutschland in den Wiener Prater. Das 47 500 Zuschauer fassende Ernst-Happel-Stadion ist seit Wochen ausverkauft. 46 000 rot-weiß-rote Fahnen sind unters Volk gebracht worden. Der im Alltag für Schalke 04 verteidigende Christian Fuchs spricht von „Vorfreude pur“ und davon, wie gern er doch mal „die Deutschen auf die Schaufel nehmen würde“.

Selten hat sich eine österreichische Nationalmannschaft so zuversichtlich gegeben wie in diesen Tagen vor dem Start in die Qualifikation für Brasilien 2014. Das ist auch Joachim Löw nicht verborgen geblieben. Auf dem Flug von Hannover nach Wien hat der Bundestrainer ein wenig in den österreichischen Zeitungen geblättert und dabei festgestellt, „dass die Österreicher doch sehr selbstbewusste Aussagen machen“.

Woher dieses neue Selbstwertgefühl kommt, ist nicht so leicht zu verorten. Löw sagt, der neue Trainer Marcel Koller habe der Mannschaft ein anderes Verständnis von Organisation vermittelt, „sie sind in der Defensive sehr schwer auszuspielen“. Außerdem habe er „mehr Direktheit zum gegnerischen Tor“ festgestellt, „das sind keine Zufallsaktionen mehr, das ist gut durchdachtes Kombinationsspiel“. Interpretiert von Solisten, die sich fern der kaum konkurrenzfähigen österreichischen Liga einen Namen gemacht haben. Spieler wie der Schalker Fuchs, die Bremer Sebastian Prödl und Marko Arnautovic, der Stuttgarter Martin Harnik oder Veli Kavlak bei Besiktas Istanbul. Wahrscheinlich wird der Schweizer Koller heute im Prater eine Startformation mit elf Legionären aufbieten, allein neun von ihnen könnten aus der Bundesliga kommen.

„Früher haben die Österreicher bei ausländischen Klubs kaum gespielt“, sagt Joachim Löw. „Aber jetzt sind das alle Stammspieler und Leistungsträger.“ Hat also die österreichische Mannschaft eine realistische Siegchance gegen die Deutschen? Löws Antwort fällt so aus: „Die Österreicher haben die Qualität, jeden Gegner in dieser Gruppe zu besiegen. Ich erwarte in Wien ein Spiel auf Augenhöhe. Aber wir sind in fast jedem Spiel der Favorit und natürlich wird es auch in Wien unsere Ausrichtung sein, auf Sieg zu spielen.“

Die Österreicher selbst verweisen darauf, dass sie in diesem Jahr noch ungeschlagen sind. Das ist richtig, aber angesichts der wenig Furcht einflößenden Gegnerschaft von Rumänien, Finnland, der Ukraine und zuletzt der Türkei auch nicht übermäßig beeindruckend. „Aber die Türken schlägst du nicht einfach so 2:0“, sagt der Schalker Fuchs. Gerade erst hat er mit seinem Schalker Klubkollegen Benedikt Höwedes telefoniert. „Nichts Ernstes, nur Smalltalk“, aber Fuchs will dabei herausgehört haben, „dass die Deutschen durchaus Respekt vor uns haben. Und das gefällt mir schon ganz gut.“

Es ist gut 22 Jahre her, dass die Österreicher zum bislang letzten Mal bei einer WM-Endrunde mitspielen durften. Das war 1990 in Italien, und den Weg dorthin ebnete ein 3:0-Sieg in Wien über eine deutsche Mannschaft. Es war allerdings die aus dem Osten des damals noch zweigeteilten Landes. Und wenn die Spieler der DDR sechs Tage nach dem Mauerfall mit ihren Gedanken nicht ganz woanders gewesen wären, hätten sie vielleicht den einen zur WM-Qualifikation nötigen Punkt aus dem Prater mitgenommen.

Lange vorbei. Damals prägten noch Andreas Herzog und Toni Polster die österreichische Mannschaft. Polster wäre selbst gern Teamkapitän (so nennen die Österreicher ihren Bundestrainer) geworden, aber nach der Inthronisierung des Schweizers Marcel Koller verließ er die Heimat und trimmt nun als Assistent von Jürgen Klinsmann das Team USA. Polster, bekannt aus seiner Bundesligazeit in Köln und Mönchengladbach, ist immer noch ein gefragter Ansprechpartner auf dem Boulevard. Koller ist das eher nicht (siehe Porträt rechts).

Die neue österreichische Profigeneration interessiert sich nicht allzu sehr für die alten Heldengeschichten. Der Schalker Fuchs etwa hat gerade erst erzählt, er könne mit dem „Wunder von Cordoba“ (1978) oder der „Schande von Gijon“ (1982) wenig anfangen und dass es ihn viel mehr beschäftige, warum beim letzten Gastspiel der Deutschen in Wien vor gut einem Jahr in der letzten Minute das finale 1:2 durch Mario Gomez habe fallen müssen. „Wir würden die Deutschen gern mal ärgern“, sagt Fuchs, und wenn es auch nur für dieses eine Spiel wäre. Denn über die gesamte Qualifikation „haben wir keine Chance, vor Deutschland zu landen. So realistisch sind wir schon.“ Brasilien ist weit weg und 2014 lange hin.

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