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  • 12.08.2018
  • von Benjamin Apitius

Bundesliga-Saisonvorschau (6): Hannover 96: Mach mal lauter!

von Benjamin Apitius

Gegner. Hannovers Fans und Präsident Martin Kind können sich einfach nicht anfreunden. Foto: S. Pförtner/dpa

Die Fans von Hannover 96 haben ihren Stimmungs-Boykott aufgehoben – und Trainer André Breitenreiter seinen Vertrag verlängert.

Am 24. August startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil 6:  Hannover 96.

Was hat sich verbessert?

Es ist wie immer – und vor allem in der jüngsten Vergangenheit in Hannover: eine Frage der Perspektive. Fragt man bei 96 danach, was sich verbessert hat, dann gibt es für diese Antwort zwei Lager. Seit Jahren durchzieht den Bundesligisten ein tiefer Graben zwischen Klubführung und dem harten Kern der Fans. Es geht dabei um die gewünschte Übernahme durch Vereinspräsident Martin Kind. Es geht um 50+1. Es geht um eine Stimmenmehrheit. Es geht um die Öffnung des Klubs für Investoren. Genau das will Hörgeräte-Hersteller Kind. Genau das verhindern wollen die Ultras in der Fankurve. Einen letzten Zwischenstand beim Kampf um diese Übernahme stellte nun die Deutsche Fußball-Liga (DFL) her, die einen Ausnahmeantrag von Kind ablehnte. Der Präsident sucht nun den Weg vor das Schiedsgericht des DFB und zusätzlich vor ein ordentliches Gericht, um in Zukunft doch noch schalten und walten zu können, wie er es will. Hannovers Fans freuten sich über die Ablehnung. Die komplette vergangene Saison hatten die Ultras der Mannschaft ihre Unterstützung versagt, die Protestaktion trug den Namen „Keine Stimmung ohne Mitbestimmung“. Dieser Boykott wurde zur neuen Spielzeit aufgehoben – beziehungsweise bis auf Weiteres unterbrochen. Schade nur, dass die Niedersachsen lediglich eines der ersten vier Spiele im heimischen Rund austragen dürfen. So bleibt aber vielleicht etwas mehr Zeit, um die Stimmen zu ölen und sich an die alten neuen Zeiten zu gewöhnen.

Wer sind die Neuen?

Bevor dies beantwortet werden kann, muss man wohl erst einmal den Abgängen eine Träne nachweinen. Gleich neun Spieler haben den Verein verlassen, darunter auch welche, die maßgeblich für das 96 der vergangenen Spielzeit standen – vor allem durch ihre Torgefährlichkeit. Der kampfstarke Felix Klaus (sechs Tore in der vergangenen Saison) verdient seine Brötchen nun beim Nachbarn aus Wolfsburg, Ersatzstürmer Martin Harnik (11) beim anderen Nachbarn aus Bremen. Publikumsliebling und Abwehrchef Salif Sané (5) machte wohl den größten Sprung und spielt in der neuen Saison für die Konkurrenz aus Gelsenkirchen. Hannover rüstete nach und nahm dabei selbst etwas Nachbarschaftshilfe in Anspruch. Aus Hamburg kamen der Brasilianer Walace, der das Mittelfeld absichern soll, und der US-amerikanische Angreifer Bobby Wood. Der Japaner Genki Haraguchi sucht nach vier Jahren bei Hertha BSC sein Glück nun an der Leine. Insgesamt ein halbes Dutzend neuer Spieler stellten die Hannoveraner bisher vor, ein Spieler, bei dem die Herzen der Fans höher schlagen, ist bislang aber nicht unbedingt darunter. Vielleicht übernimmt diese Rolle der 23 Jahre alte Stürmer Hendrik Weydandt, der vor vier Jahren noch in der Kreisliga kickte und in der aktuellen Vorbereitung der 96er einige Treffer erzielte.

Wer hat das Sagen?

Bei dieser Frage schreit in Hannover wohl mittlerweile jedes Vereinsmitglied: „Ich!“ Doch allein Klubvorsteher Kind verfügt über die meisten Stimmen und einen weiterhin starken Rückhalt im Präsidium. Zu mehr Macht ist in den vergangenen Monaten zwar auch Horst Heldt gelangt. Nachdem der Manager zuletzt zweimal mit seinem Abgang (nach Köln und Wolfsburg) kokettiert hatte, wurde er vor einigen Monaten mit dem Posten des Geschäftsführers ausgestattet. Doch was das heißt, da können viele seiner gescheiterten Vorgänger wohl ein Liedchen von singen. Das Sagen bei 96 hat eben immer noch einzig und allein: Martin Kind.

Was erwarten die Fans?

Nach einer mehr oder weniger gefahrlosen ersten Bundesligasaison nach dem Abstieg, die wohl die wenigsten Fans so vorgesehen hatten, wünschen sich die Anhänger am liebsten einfach nur eine Wiederholung davon. Die tolle Hinrunde mit einigen überraschenden Erfolgen gegen namhaftere Gegner sorgte für ein schönes Polster, das sich bis zum Ende der Rückrunde nicht aufbrauchen ließ. Und das alles ohne die Unterstützung von einem Großteil der Fans! Wenn es jetzt also wieder etwas lauter wird bei Heimspielen im Niedersachsenstadion und auswärts, dann sollte da doch vielleicht sogar noch mehr gehen. So zumindest wohl die Denke der Ultras. Wäre also blöd, wenn’s anders kommt.

Was ist in dieser Saison möglich?

96 wurde in den letzten Jahren etwas abgehängt. Aus den fetteren Jahren mit den Europapokalteilnahmen scheint nicht mehr viel geblieben. Heute bestimmen die Schlagzeilen über den Klub vor allem die Querelen hinter den Kulissen und auf den Tribünen. Vor diesem Hintergrund ist es aber noch viel höher zu bewerten, was die Mannschaft in der vergangenen Saison über weite Strecken auf den Platz brachte. Mit den klugen Überlegungen von Trainer André Breitenreiter, der seinen Vertrag bis 2021 verlängerte, überzeugte das Team mit einem sehr variablen Spiel. Dass die Gladbacher Millionenofferte für Niclas Füllkrug nun ausgeschlagen wurde, spricht für den Anspruch der 96er. Vom Europapokal sollte in Hannover aber niemand träumen.

Und sonst?

Gibt es in Hannover eine Mannschaft, die besser Fußball spielt als jedes andere Team in Deutschland – allerdings mit den Händen und nicht mit den Füßen. Die Tischfußballsparte von 96 verteidigte vor wenigen Wochen ihren Meistertitel. Ob dieses Kunststück mit oder ohne die Unterstützung der Tischfußball-Ultras gelang, ist dabei nicht überliefert.

Bisher erschienen: 1. FC NürnbergFortuna Düsseldorf, VfL Wolfsburg, SC Freiburg, FSV Mainz 05.

Nächste Folge: FC Augsburg.

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