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  • 14.07.2018
  • von Tom Mustroph

Tour de France: Teamverkleinerung zwingt Tour-Teams zur Taktikänderung

von Tom Mustroph

Plötzlich zu acht. Der Sky-Rennstall um den Tour-Favoriten Chris Froome (Dritter von links) hat sein Team für Frankreich nun anders zusammengestellt. Foto: Peter Dejong/dpa

Bei der Tour dürfen Teams nur noch acht statt bisher neun Fahrer stellen – doch die neue Regel hat unerwünschte Nebenwirkungen.

Die Tour de France ist eine Traditionsveranstaltung – und doch immer mal wieder für Innovationen gut. Auf Betreiben des Tour-Veranstalters ASO führte der Internationale Radsport-Verband UCI zu Beginn der Saison die Regel ein, dass bei großen Rundfahrten nur noch acht Fahrer pro Team an den Start gehen können. Bis 2017 waren neun möglich. Es handelt sich dabei vor allem um eine Anti-Team-Sky-Regel.

Sky kann doch keiner richtig leiden. Um die Rundfahrten abwechslungsreicher zu gestalten und Sky das Geschäft etwas zu erschweren, haben die Organisatoren dafür gekämpft“, sagt spöttisch Brian Holm, Sportlicher Leiter vom belgischen Rennstall Quick Step, am Rande der Tour.

Fokus auf die vielseitigen Fahrer

Die Veranstalter kaschierten diesen Wunsch natürlich. Offiziell geht es um mehr Sicherheit im Rennen. Die gleiche Anzahl Teams, aber je ein Fahrer weniger, das reduziert das Peloton von 198 auf 176 Fahrer. Das bedeutet eine verringerte Sturzgefahr.

Was für Laien logisch klingen mag, bringt Fachleute zum Lachen. „Ach, das ist Unsinn, die fallen ja nicht auf Position 180, die man jetzt mit dem kleineren Feld eliminiert. Die Stürze ereignen sich vielmehr um Position 40 herum. Da ist es völlig egal, ob da 120 Mann von hinten drücken oder 140. Sicherheit ist ein falsches Argument“, betont Rolf Aldag, ehemaliger Profi und derzeit Manager beim Rennstall Dimension Data. Aldag sieht wie eigentlich alle in der Branche die Erhöhung des Spektakelwerts der Tour als Motivation der Entscheidung. So recht erfolgreich ist die Sache aber nicht.

Team Sky hat sich darauf eingestellt. „Wenn du nur acht Mann hast statt vorher neun, dann musst du die Arbeit des Neunten gut auf die anderen verteilen. Wir haben uns das angeschaut, und vor allem sehr vielseitige Fahrer für die Tour nominiert“, sagt Nicolas Portal, der Sportliche Leiter beim Team Sky. „Ein Michal Kwiatkowski und ein Gianni Mouscon beispielsweise können fast alles: Gut klettern, stark Zeitfahren – und Mouscon kann auch noch sprinten. Auch unsere anderen Fahrer haben wir vor allem nach dem Kriterium Vielseitigkeit ausgesucht.“

Zu beobachten sind derzeit vor allem unerwünschte Nebenwirkungen der Regelung. Sprinterteams lassen Ausreißer nur noch an der kurzen Leine – aus Angst, dass die um zwei Helferbeine reduzierten Mannschaften die Fluchtgruppen nicht rechtzeitig genug stellen können und damit die Chance auf den Massensprint dahin ist. Das bedeutet zugleich weniger Spannung im Rennen selbst.

Teams müssen sich spezialisieren

Vor allem aber sind Rennställe gezwungen, sich in ihren Zielen zu beschränken. „Teams können kaum noch Doppelstrategien fahren. Das ist schade. Und es bedeutet, unter Umständen werden wirklich gute Rennfahrer zu Hause gelassen“, sagt Aldag.

Der 49-Jährige erläutert das am Beispiel der Co-Kapitäne Alberto Contador und John Degenkolb beim Team Trek während der vergangenen Tour. Bei einer Mannschaftsstärke von neun Mann waren sowohl der Klassementfahrer als auch der Sprinter und Klassikerjäger mit an Bord. „Wenn sie nur acht hätten mitnehmen können, wäre ein Fahrer wie Degenkolb zu Hause geblieben“, betont Aldag. „Wenn man sich das vorstellt, ein Rennfahrer wie John Degenkolb, der wirklich für Unterhaltung sorgt, der bei den Sprints dabei ist und den semiharten Etappen, aus taktischen Überlegungen zu Hause bleiben muss, dann halte ich das nicht für richtig. Es macht das Rennen nicht spannender und die Veranstaltung nicht besser.“

Nicht jede Veränderung ist also gleichbedeutend mit Verbesserung. Die zurückliegende Tour de France haben Sky und Chris Froome im Übrigen gewonnen, obwohl sie von der zehnten Etappe an nur noch zu acht waren. Die Briten kennen das also schon.

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