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  • 13.07.2018
  • von Stephan Reich

Fußball-WM in Russland: Die Trends des Turniers

von Stephan Reich

Groß auch im Gestus: Diego Maradona Foto: Jewel Samad / AFP

Auch bei dieser WM rücken Dinge in den Fokus, die zuvor eher Randerscheinungen waren. Diese Dinge werden vom Turnier in Erinnerung bleiben.

Bierduschen

Die Bierdusche ist ja sowieso quasi die Königsdisziplin des Jubels. Weswegen man vor allem den englischen Fans dankbar sein muss, dass sie die gute alte Bierdusche auf ein gänzlich neues Niveau gehoben haben. Bei den Torjubel-Bildern von englischen Public-Viewings lagen im Moment des Torjubels teils meterdicke Bier- Wolken über den Köpfen, mitunter hätte es nicht verwundert, wenn die britische Seenotrettung zu den Public Viewings gerufen worden wäre, um unter den Flutwellen aus Bier nach Überlebenden zu suchen. Dass es übrigens ausgerechnet die Engländer sind, die ihr Bier ohne zu zögern und mit Freude in die Luft werfen, verwundert indes nicht. Trinken kann man englisches Bier schließlich nicht.

Anti-Drogen-Kampagnen

Eine wirklich erfreuliche Randerscheinung der WM ist der Umgang des Fußballs mit dem Thema Drogen. Das fängt nicht nur bei den, hust, knallharten, hust hust, Dopingkontrollen hust hust hust, des Verbands an. Hervorzuheben ist vor allem die ausgeklügelte Anti-Drogen- Kampagne des argentinischen Verbands unter Schirmherrschaft Diego Maradonas. Der Mann, der sich wahrscheinlich einen Handstaubsauger an die Nase operieren lassen würde, wenn es ginge, schaffte es mit seinen entrückten Auftritten auf seinem Vip-Balkon quasi im Alleingang, die Droge Kokain wieder uncool zu machen. Ebenfalls löblich ist die Idee des Russischen Verbands, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man auch mit völlig legalen Substanzen wie etwa Ammoniak Spaß und Erfolg haben kann. Wenn man also demnächst ganze Generationen russischer Kids dabei sieht, wie sie in dunklen Ecken ihrer Schulhöfe auf die Pausenkippe verzichten und lieber zombieartig an ihren Ammoniak-getränkten Händen schnüffeln, wäre das ein toller Erfolg.

Standardtore

Mit Standardtoren ist es wie mit Pizza aus der Mikrowelle: Klar, es ist immer noch Pizza und dementsprechend toll, aber es gibt so viele bessere Varianten davon. Für Feinschmecker ist diese WM dementsprechend eher kein Leckerbissen, schließlich fielen von bislang 161 Toren gefühlt 162 nach Eckbällen, Freistößen oder durch Elfmeter. Und natürlich gibt es Dinge im Fußball, die auf Dauer noch langweiliger sind als eine WM voller Standardtore, der Titelkampf in der Bundesliga zum Beispiel. Trotzdem wäre hier und da mal ein herausgespielter Treffer super für die Fans. Und sei es nur, um eine fußballinduzierte Narkolepsie-Epidemie zu verhindern.

Liegenbleiben

Klar, wer behauptet, nicht gerne zu liegen, der werfe das erste Sofakissen. Aber es gibt eben Situationen, in denen sich die schönste Form des menschlichen Daseins weniger anbietet als mit Chipskrümeln auf dem Unterhemd bräsig vorm TV. Etwa in einem Fußballspiel. Zumindest war das bis vor Kurzem so, bei dieser WM sieht man aber derart viele Spieler grundlos auf dem Boden liegen, dass geneigte Physiker mal der Frage nachgehen sollten, ob in Russland möglicherweise eine höhere Erdanziehungskraft herrscht als in anderen Breitengraden. Bei der Gelegenheit könnten sie dann auch versuchen, die Rotationsgeschwindigkeit Neymars nach einem minimalen Kontakt zu errechnen.

Randsportarten

Erst der formvollendete Salto des Iraners Milad Mohammadi beim Einwurf, dann Diego Maradonas perfekt gestandener Telemark, als er von seinem ersten Rausch wieder runterkam, schließlich Joachim Löws Taktik-Flickflack: Die WM war auch das Turnier der Randsportarten. Deren neuerlangte Beliebtheit übrigens auch nach dem Ausscheiden der Deutschen in die hiesige Sportlandschaft strahlt: So duellieren sich Oliver Bierhoff und Reinhard Grindel seit Wochen im Niveau-Limbo. Ausgang offen.

Anstoß ausführen, während der Gegner noch jubelt

Während eines Fußballspiels gibt es ja genügend Möglichkeiten, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine völlig durchschaubare Schwalbe. Ein im Jubel gegen den Pfosten und zurück ins Gesicht gebolzter Ball. Eine unbewusst ausgeführte Geste des Popelns /Kratzens/ Schnüffelns, die Milliarden Menschen in einem Moment kaum aushaltbarer Fremdscham am TV beobachten. Neu allerdings ist das Phänomen, dass Mannschaften nach einem Gegentor den Anstoß schnell ausführen, während das gegnerische Team sich noch aus einer Jubeltraube an der Eckfahne befreit. Bringt natürlich nichts, ist nämlich nicht regelkonform, haben aber sowohl Panama als auch England ernsthaft versucht. Was kommt als nächstes? Den Ball in die Hand nehmen und über die Torlinie rennen? Wobei, einen Versuch wäre es ja mal wert.

Unangemessene Strafen

Schwedens Kapitän Andreas Granqvist musste 70 000 Pfund Strafe zahlen, weil er die falschen Socken trug. Der kroatische Verband wurde mit einer Strafe in der gleichen Höhe belegt, weil die Spieler das Wasser eines nicht Fifa-lizensierten Herstellers tranken. Unterdessen musste der russische Verband lediglich 10 000 Schweizer Franken für ein rechtsradikales Banner ihrer Fans im Stadion zahlen. Immerhin doppelt so viel wie Serbiens Trainer Mladen Kristajic, der ätzte, man solle Schiedsrichter Felix Brych vor dem Kriegsverbrechertribunal den Prozess machen. Wenn auf der Welt noch ein einziger Mensch übrig ist, der sich noch nicht über die Fifa gewundert hat, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.

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