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  • 11.07.2018
  • von Claus Vetter

WM-Halbfinale gegen Belgien: Wie Frankreich durch Zeitschinden Sympathien verspielt

von Claus Vetter

Belgiens Vincent Kompany hebt Kylian Mbappé wieder auf – Schiedsrichter Andres Cunha wartet mit der gelben Karte. Foto: CHRISTOPHE SIMON/AFP

Die Belgier sind sauer, Frankreich habe im Halbfinale das Spiel verschleppt. Wir haben gemessen: Zwischen der 81. und 97. Minute wurde weniger als acht Minuten lang Fußball gespielt.

Hacke, spitze, ein, zwei, drei. Kylian Mbappé tanzte sich durch den belgischen Strafraum, gekonnt dribbelstark. Zum krönenden Abschluss gab es noch einen kleinen Hackentrick. Den Ball hatte er sich Sekunden zuvor selbst vorgelegt - per Hand. Und da war eben der kleine, für den Gegner nicht unerhebliche Schönheitsfehler an der Aufführung des neuen französischen Fußball-Superstars. Das Spiel war längst abgepfiffen, in der zweiten Minute der Nachspielzeit sah Mbappé für seine Unsportlichkeit die Gelbe Karte. Die gegnerischen Belgier konnten sich allerdings auch nach dem Spiel, nach der 0:1-Niederlage im WM-Halbfinale, nicht beruhigen. Sie unterstellten den Franzosen „Zeitschinderei“.

Torwart Thibaut Courtois sagte: „Die Franzosen haben zu viel Zeit geschunden.“ Hazard, beim FC Chelsea Klubkollege von Courtois, sah es ähnlich. „Ich würde lieber mit diesem belgischen Team verlieren als mit diesem französischen gewinnen.“ So ein Auftritt habe in einem Halbfinale einer Weltmeisterschaft nichts zu suchen.

Die Franzosen haben sich durch ihren Auftritt in der Schlussphase sicher Sympathien verspielt. In den sozialen Netzwerken tobte wie in solchen Fällen üblich der Diskurs. Vor allem Mbappés Auftritte wurde unter anderem als „unsportliche Kasperei“ abgetan, die Aufregung war groß.

Der Ball rollt nur 28 Sekunden über den Platz

Tatsächlich haben die Franzosen in der Schlussphase den Fluss aus dem Spiel genommen. 81. Spielminute: Eden Hazard Blaise Matuidi geraten an der französischen Strafraumgrenze aneinander, nach dem Zusammenprall dauert es zwei Minuten und 32 Sekunden, bis weitergespielt werden kann. Doch der Ball rollt nur 28 Sekunden über den Platz, dann zelebriert Olivier Giroud seine Auswechslung, es dauert wieder 45 Sekunden, bis der französische Torwart Hugo Lloris abschlägt. 19 Sekunden danach wälzt sich Matuidi wieder auf dem Boden, er wird angeschlagen ausgewechselt. Erst eine gute Minute später geht es weiter.

Die letzten vier Minuten der regulären Spielzeit wird dann tatsächlich ein wenig Fußball gespielt, in der Nachspielzeit allerdings verlangsamen die Franzosen um eben Mbappé wieder. Der Jungstar und Antoine Griezmann nehmen sich ein sattes Minütchen Zeit, bis sie dann den Freistoß ausführen. Eine Schwalbe von Mbappé bringt noch mal 35 Sekunden Spielpause. Und das Spiel endet nach sechs Minuten Nachspielzeit mit einem Tänzchen von Paul Pogba an der belgischen Eckfahne, mit anschließendem Ballfesthalten und dann dem Abpfiff. Insgesamt wurde von der 81. bis zur 97. Minute weniger als acht Minuten lang Fußball gespielt.

Das ist vielleicht für Fans anspruchsvoller Sportlichkeit nicht schön, was die Franzosen in der Schlussphase da angestellt haben, aber Teil ihres Konzepts. Sie wechseln gerne aus in den letzten zehn Minuten im Team von Didier Deschamps, haben das gegen Argentinien beim 4:3 im Achtelfinale schon so praktiziert und erst recht im Viertelfinale gegen Uruguay, da gab es gleich drei Wechsel von Frankreich in der Schlussphase und somit satte 125 Sekunden Zeitgewinn durch Wechsel.

Englands Sterling war in 16 Sekunden vom Platz – trotz Führung

Nicht alle Mannschaften praktizieren das beim Turnier in Russland übrigens so. Das Prozedere um die Auswechslung des Engländers Raheem Sterling in der Nachspielzeit im Viertelfinale gegen Schweden etwa dauerte schlappe 16 Sekunden – trotz Englands 2:0-Führung. In dieser Zeit haben französische Spieler beim Wechselprozedere bei der WM kaum mehr als fünf Meter zurück. Schnellster war bislang – tatsächlich – Mbappé. Bei seiner Auswechslung gegen Argentinien (89. Minute) hat er nur 35 Sekunden gebraucht.  

Das Gefiedel an der Eckfahne und das Vortäuschungen von Verletzungen sind allerdings nicht neu, sondern eben Teil des Fußballspiels – in jeder Liga. Das Einzige, was daran wohl was ändern könnte, wären härtere Strafen und Regeländerungen. Würde Mbappé Gefahr laufen, für die zweite Unsportlichkeit Gelb-Rot zu sehen, würde er sich das überlegen. Die Franzosen loten eben nur aus, was geht. Das ist unsportlich, aber sicher auch clever.

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