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  • 17.05.2018
  • von Katrin Schulze, Ulrich Zawatka-Gerlach

Hertha-Manager Michael Preetz: „Das Olympiastadion ist zu groß für Hertha BSC“

von Katrin Schulze, Ulrich Zawatka-Gerlach

Michael Preetz Foto: imago/Contrast

Herthas Manager Michael Preetz über die geplante neue Fußballarena, die Verhandlungen mit dem Senat, den Sicherheitsfußball unter Trainer Pal Dardai – und die Probleme mit der Berliner Fanszene.

Herr Preetz, Sie sind als Spieler und Manager viel herumgekommen. In welchem Stadion haben Sie sich am wohlsten gefühlt?

Das kann ich pauschal so nicht beantworten. Aber seit die Stadien in Deutschland im Zuge der WM 2006 um- und neugebaut wurden, bietet die Bundesliga europaweit die besten Rahmenbedingungen. Das liegt in erster Linie daran, dass es reine Fußballarenen sind, in denen die Atmosphäre vom Spielfeld direkt auf die Zuschauer hinüberschwappt.

Anders als in Herthas Heimspielstätte, wollen Sie sagen.

Das Olympiastadion hat sich für die großen nationalen und internationalen Highlights bewährt. Wann immer es pickepacke voll ist, entfaltet sich eine tolle Atmosphäre, die aber übrigens auch dann nicht an die reinen Fußballstadien in dieser Größe heranreicht. Wenn es ganz leer ist, ist das Stadion architektonisch wunderbar anzuschauen – ein Zeugnis der Zeitgeschichte. Für alles zwischen ganz voll und ganz leer eignet sich das Olympiastadion aber nicht. Und weil das auch für unsere Bedürfnisse, für den Bundesligaalltag von Hertha BSC, der Fall ist, wollen wir in einer reinen Fußballarena spielen. Jeder Fan wird das verstehen.

Warum versuchen Sie nicht lieber, das Olympiastadion dauerhaft voll zu bekommen?

Das wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten versucht – mit überschaubarem Erfolg. Das Stadion ist für den Bundesligaalltag einfach zu groß. Ein Fassungsvermögen von rund 50 000 Zuschauern und steil, nah, laut – so wie wir es planen – wäre für uns optimal. Deswegen ist auch ein umgebautes Olympiastadion für uns keine Option.

Auf diesen Kompromiss, den der Berliner Senat vorgeschlagen hat, würden Sie sich nicht einlassen?

Neben dem Argument, dass für einen Umbau ein dreistelliger Millionenbetrag an Steuergeldern benötigt werden würde, können wir uns nicht vorstellen, wie das funktionieren soll – selbst wenn es abgesenkt wird, die Laufbahn verschwindet und nur bei Bedarf wieder eingezogen wird. Wir glauben nicht, dass es möglich ist, durch einen Umbau eine solche Atmosphäre herzustellen, wie wir sie brauchen. Das Olympiastadion kann man nicht steiler und kompakter bekommen.

Aber für die großen Spiele gegen Bayern oder Dortmund würden Sie weiter das Olympiastadion nutzen?

Auch das halte ich für logistisch nicht umsetzbar.

Spüren Sie so etwas wie eine Verantwortung für das Olympiastadion? Immerhin sind Sie seit vielen Jahren der Hauptmieter.

Unsere Verantwortung ist es, bis 2025 unseren Zahlungsfristen nachzukommen, das werden wir definitiv tun. Aber wir verstehen auch die Sorgen des Senats und haben deshalb angeboten, aktiv an den Plänen einer Nachnutzung des Olympiastadions und des gesamten Geländes mitzuarbeiten.

Die Verhandlungen für einen Stadionneubau im Olympiapark laufen seit Juli vergangenen Jahres. Fühlen Sie sich vom Senat fair behandelt?

Nach all dem, was ich höre, herrscht da eine zielführende und konstruktive Atmosphäre. Natürlich treffen zwei Parteien aufeinander, die unterschiedliche Ziele haben. Die Herausforderung ist es, einen gemeinsamen Weg zu finden. Zuletzt gab es eine deutliche Bewegung vonseiten des Senators für Inneres und Sport, Andreas Geisel, der beide Varianten für technisch umsetzbar hält.

Garantieren Sie, dass Hertha einen Neubau ohne staatliche Hilfe finanzieren kann?

Wir sagen ganz klar, dass die neue Arena rein privat finanziert wird. Wir als Verein sind dann gefragt, die Mittel bereitzustellen. Heute gibt es noch keinen fertigen Finanzierungsplan, aber wir haben Ideen und natürlich Vorgespräche geführt. Es soll ein Bausteinsystem werden, mit dem wir die Kosten stemmen wollen.

Der eine große Investor, der nur darauf wartet, dass es losgeht, steht nicht schon bereit?

Es gibt keine Einzelperson oder ein Einzelunternehmen, das wir in der Hinterhand haben. Wir führen eine Reihe Gespräche mit potenziellen Partnern.

Am Ende werden die Finanzpolitiker im Parlament die Entscheidung für oder gegen ein neues Stadion treffen. Die werden genau darauf achten, dass dem Verein nicht mitten im Bau die Luft ausgeht.

Das ist richtig. Eine Bedingung des Senats wäre sicherlich eine Fertigstellungsgarantie. In dieser Frage sind unsere Interessen identisch. Wir sind total davon überzeugt, dass wir die gemeinsam mit unseren Projektpartnern abgeben können.

Bis wann erwarten Sie eine Entscheidung der Politik?

Wir machen uns sehr dafür stark, dass dies noch in diesem Jahr passiert.


Ist Ludwigsfelde vom Tisch?

Können Sie Ihre Fans denn insofern beruhigen, als Sie einen Standort in Ludwigsfelde ausschließen, falls es doch keine Einigung gibt?

Unser Ziel ist es, selbstverständlich in Berlin ein Stadion zu haben. Wir sehen die Lösung im Olympiapark.

Einige Politiker haben gesagt, man könne alles so lassen, wie es jetzt ist. Hertha müsse nur besseren Fußball spielen.

Diese polemischen Äußerungen sind für mich nicht sehr zielführend.

Sie glauben, attraktiver Fußball lockt nicht mehr Menschen ins Stadion?

Attraktivität spielt schon eine Rolle. Aber beim genauen Blick auf die Zahlen haben wir bei uns festgestellt, dass im Schnitt genauso viel Menschen in den Jahren gekommen sind, in denen wir gut gespielt haben wie in Jahren, in denen es gegen den Abstieg ging. In Berlin sehe ich nicht den unmittelbaren Zusammenhang zwischen sportlichem Erfolg und Zuschauerzuspruch. Wobei auch noch die Frage ist, wie Sie sportlichen Erfolg definieren. Wir orientieren uns immer an der Realität.

In der zurückliegenden Saison sah diese so aus, dass Hertha von allen Bundesligisten im Schnitt die meisten Zuschauer verloren hat.

Es gibt da so einen Spruch, der bei uns rumgeistert: Wenn die Bundesliga Schnupfen hat, hat Hertha Lungenentzündung. Aber genau erklären können wir uns das auch nicht, weil es viele mögliche Gründe gibt: der sehr kalte Winter, die eine oder andere für uns ungünstige Ansetzung, die steigenden Abonnentenzahlen bei Sky, die vielen Alternativen in Berlin und und und. Wir werden die Sommerpause nutzen, um diesem Problem auf den Grund zu gehen und Gegenmaßnahmen zu erarbeiten. Es gibt keinen Zweifel, dass wir die nächsten Jahre, die wir definitiv noch im Olympiastadion haben, so gestalten müssen, dass der Zuspruch wieder steigt.

Warum identifizieren sich so wenige der vielen Berliner mit dem Klub?

Vielleicht ist Berlin im Kern keine wirkliche Fußballstadt. Das führe ich darauf zurück, dass unsere Erfolge schon einige Jahrzehnte zurückliegen. Begeisterung entfacht man vor allem durch herausragenden Erfolg: Meisterschaften, Pokalsiege, Titel.

Wie kann Ihr Klub die wieder erreichen?

Wir müssen uns die Realitäten der Bundesliga vor Augen führen. In den vergangenen Jahren haben wir gute Schritte gemacht hin zu einem etablierten Bundesligisten. Aber der Abstand zum FC Bayern München ist so groß, dass wir ihn durchs Fernglas schon nicht mehr sehen können. Das ist ein Riesenproblem. Wir versuchen, auf junge Spieler zu setzen, auf Aus-und Weiterbildungsarbeit, wir wollen Talente entwickeln und sie für Hertha BSC begeistern. Unser Ziel wird es sein, dass wir in den nächsten Jahren dauerhaft um die internationalen Plätze kämpfen. Dazu brauchen wir aber noch den einen oder anderen Euro mehr. Und den müssen wir uns verdienen.

Einige zweifeln daran, dass die spielerische Qualität Ihres Kaders für die internationalen Plätze reicht.

In den drei Jahren unter Pal Dardai waren wir sehr stabil. Wir mussten uns zu keiner Zeit Sorgen um den Klassenverbleib machen, haben uns weiterentwickelt und sind zweimal auf Europapokalplätzen gelandet. Auch jetzt haben wir wieder eine stabile, wenn auch keine sonderlich spektakuläre Saison gespielt.

Das ist es ja: Trainer Pal Dardai steht nicht unbedingt dafür, besonders schönen Fußball spielen zu lassen.

Pal Dardai ist nach Christian Streich der dienstälteste Trainer in der Bundesliga. Diese Kontinuität auf dieser wichtigen Position tut uns gut, und deswegen gehen wir den Weg mit ihm weiter. Wir haben schon sehr schönen Fußball unter seiner Regie gesehen. Dass wir auch Spiele dabei hatten, die nicht schön anzusehen waren, ist auch der Notwendigkeit geschuldet, den Fußball spielen zu lassen, der am Ende auch die Ergebnisse bringt.

Diese Art von Sicherheitsfußball könnte aber wiederum neutrale Zuschauer davon abhalten, ins Stadion zu gehen.

Unsere Zielsetzung für die kommende Saison ist es, die Heimbilanz zu verbessern, an der Variabilität und Flexibilität zu arbeiten – und dadurch natürlich auch die Attraktivität zu erhöhen. Das ist die große Herausforderung: In dem Bemühen, attraktiv nach vorne zu spielen, die defensive Stabilität nicht zu verlieren.

Haben Sie dafür genug herausragende Einzelspieler?

Wir schauen schon, dass wir unterschiedliche Typen im Team haben. Es gibt auch Spieler, die für die feine Klinge stehen, wie Valentino Lazaro oder Salomon Kalou. Auch Ondrej Duda hat große Fähigkeiten, von ihm erhoffe ich mir, dass er im nächsten Jahr endlich den Durchbruch schafft.

Was tun Sie dafür, dass dann auch Ihre Stammgäste wiederkommen? Zuletzt gab es Streit, weil Teile der Fanszene sich nicht eingebunden fühlten und vor allem die digitale Ausrichtung des Vereins kritisierten.

Die Beziehung ist angespannt, ja. Wenn man unterschiedliche Standpunkte hat, ist das erst ein mal okay. Aber man muss miteinander reden, wenn man sich annähern möchte – und das passiert im Moment nicht. An Hertha BSC liegt es nicht. Unser Gesprächsangebot galt immer und gilt immer, allerdings kann sich die aktive Fanszene noch nicht dazu durchringen, wieder mit uns zu sprechen.

Können Sie die Kritik denn grundsätzlich verstehen?

Ich kann einige Dinge nachvollziehen, aber einige auch nicht. Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Schwierigkeiten, die wir überwunden haben. Weil wir miteinander gesprochen haben. Wir haben auch bei der Mitgliederversammlung am Montag wieder die Hand ausgestreckt, aber die Fans müssen sie halt auch ergreifen. Es kann nur funktionieren, wenn wir darüber reden. Das ist für mich alternativlos.

Wie viel Mitspracherecht wollen Sie Ihren Anhängern bei der Stadionfrage geben?

Wir binden die Fans in Sachen Gestaltung ein. Eine Sonderveranstaltung „Hertha im Dialog“ ausschließlich zu diesem Thema bietet dafür einen passenden Rahmen.

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