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  • 29.01.2018
  • von Judith Langowski

Kickboxen in Amman: Wo Frauen von Frauen kämpfen lernen

von Judith Langowski

Frauen-Power aus Amman. Lina Khalifeh schreibt mit ihrem Kampfstudio SheFighter eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Foto: Lio Hamati

Lina Khalifeh eröffnete SheFighter, das erste rein weibliche Kampfsportstudio in Jordanien. Sie schaffte es damit bis ins Weiße Haus.

Während ihrer Kindheit wollte Sarah Barakah Karate lernen. Doch sie hatte fünf Brüder, und solange die Jungs keinen Kampfsport machten, stand es für das Mädchen außer Frage.

Mit 22 hörte die Jordanierin von einem Kickboxtraining in Amman. Den Sport zu lernen war schon lange ihr Traum. In ihrer Mittagspause fuhr sie sofort hin. „Ich hab niemanden um Erlaubnis gefragt, sondern mich einfach angemeldet.“

Vor der Reaktion ihres Vaters musste sie keine Sorgen haben: Der Verein SheFighter, in dem sie von nun an regelmäßig trainierte und sich zur Trainerin ausbilden ließ, ist nur Frauen zugänglich.

Das erste weibliche Kampfsportstudio

Gründerin Lina Khalifeh ist stolz, mit SheFighter das erste rein weibliche Kampfsportstudio im Nahen Osten eröffnet zu haben. Khalifeh hat den schwarzen Gürtel in Taekwondo und begann im Keller ihrer Eltern, interessierten Kommilitoninnen Selbstverteidigungstechniken beizubringen.

2012 eröffnete sie SheFighter in einem leeren Jiu-Jiutsu-Studio in Amman. Mittlerweile haben mit dem Programm mehr als 4000 Frauen und Mädchen trainiert, und Khalifeh wurde 2016 als „Junge Unternehmerin“ von Obama persönlich ins Weiße Haus eingeladen.

„Natürlich gibt es andere Kampfsportstudios in Jordanien, die auch Frauenkurse anbieten“, sagt Lina Khalifeh. „Aber nur bei uns sind alle Teilnehmer und Trainer Frauen.“

In Jordanien, wo die wilaya noch gilt, das Konzept der männlichen Vormundschaft für Frauen, sei es für viele Frauen unüblich, gemeinsam mit Männern zu trainieren oder von ihnen trainiert zu werden. „Frauen, die den Hijab tragen, fühlen sich in Kursen mit Frauen wohler, weil sie den Hijab ablegen können“, sagt Barakah.

Khalifeh setzte sich durch

Khalifehs Glück war ein Cousin zweiten Grades, der ein Taekwondo-Studio besaß. Nur so ließen die Eltern es zu, dass sie und ihre Geschwister schon als Kinder den Kampfsport lernten. Auch hier waren die Jungs im Überschuss. „In einer Gruppe waren üblicherweise fünfzig Jungs und drei Mädchen“, erzählt Khalifeh.

„Aber ich war die Beste!“ Die Geschwister hörten irgendwann auf, doch Khalifeh machte weiter. Sie wollte an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Als ihr Vater merkte, dass sie das Kämpfen ernst nahm, reagierte er zunächst skeptisch. „Doch mittlerweile akzeptiert er, was ich mache, und unterstützt mich.“ Dieses Jahr durfte Khalifeh die olympische Fackel vor den Winterspielen in Pyeongchang tragen.

Von "Pink" bis "Master"

Das Training bei SheFighter entwickelte Khalifeh eigens aus den Techniken, die sie während ihrer Sportlerinnenkarriere gelernt hatte: Boxen, Muay Thai, Aikido, Kung-Fu und natürlich Taekwondo. Das Training hat fünf Stufen, von „Pink“, bei dem man zunächst Grundlagen, beispielsweise die richtige Haltung, lernt, bis „Master“.

Die jüngsten Teilnehmerinnen sind nur vier Jahre alt. Beim Kindertraining geht es vor allem darum, die Sinne für ungerechte Situationen zu schärfen, in denen man sich wehren muss. „Wir bringen ihnen bei, dass sie der Mutter Bescheid sagen, wenn der Onkel sie anfasst.“

Die Eltern, die die Kinder zu SheFighter bringen, finden das Training gut. „Natürlich gibt es viele hier, die gar nicht wissen, was Selbstverteidigung bedeutet“, sagt Khalifeh. „Aber deshalb müssen wir daran arbeiten, dass mehr und mehr Leute Bescheid wissen.“

Teilnehmerinnen kommen aus Saudi-Arabien und Syrien

In der Region ist SheFighter ist über Landesgrenzen hinweg bekannt. Monatlich trainieren mehr als 100 Frauen im Ammaner Studio. Im Sommer sind es etwa doppelt so viele. „Viele Familien aus den Golfstaaten kommen im Sommer nach Jordanien, wenn es in Kuwait oder Saudi-Arabien zu heiß ist“, erzählt Khalifeh. Kinder und Mütter nehmen dann an ihren Kursen teil.

Auch zahlreiche geflüchtete Frauen, die in den vergangenen Jahren in das politisch stabilere Land geflohen sind, profitieren von den Sportkursen. Die SheFighter-Trainerinnen arbeiten mit Nichtregierungsorganisationen zusammen und trainieren Frauen in Flüchtlingslagern.

Nur ihre eigenen Freundinnen trainiert Khalifeh nie. „Sie würden mir nie zuhören, wenn ich sie anweise, 30 Liegestütze zu machen“, sagt sie lachend.


Auch in Deutschland ist der Bedarf groß

"Innerhalb von fünf Minuten war der Kurs ausgebucht"

Während ihrer gesamten Karriere hatte Khalifeh keine einzige weibliche Trainerin. Daher ist es für sie ein wichtiges Ziel, bei SheFighter Frauen zu selbstbewussten Trainerinnen auszubilden. Mittlerweile gibt es 250 Trainerinnen weltweit.

Auch Sarah Barakah absolvierte das „Training for Trainers“. Aus Amman führte sie der Weg über New York nach Weimar, wohin sie ihrem Mann folgte.

„Ich hätte in Jordanien nie dieselben Freiheiten als Frau gehabt wie in Deutschland oder den USA. Dort gab es Männer, die ausnutzten, dass sie Einfluss auf meine Entscheidungen hatten“, berichtet Barakah. Sie verließ Jordanien aber mit einem weinenden Auge: „Die Frauen bei SheFighter waren für mich eine Familie.“

Die 29-Jährige unterrichtet seit vier Jahren, aktuell im Hochschulsport der Universität Weimar. Gerade ist sie dabei, einen monatlichen Kurs für geflüchtete Frauen in Berlin einzurichten.

Sie hilft Khalifeh, SheFighter in den Niederlanden und in Deutschland zu etablieren und ein richtiges SheFighter-Studio zu eröffnen. Es hat sie überrascht, wie hoch der Bedarf nach reinen Frauenkursen auch hierzulande ist. „Innerhalb von fünf Minuten war mein Kurs in Weimar ausgebucht.“

Frauen wählen Barakahs Kickbox-Kurs aus den verschiedensten Gründen: Einige sagten Barakah, dass sie in den gemischten Kursen keine Sparringpartner in ihrer Gewichtsklasse oder Größe fanden. Eine andere erzählte frustriert, dass die Männer in den Kursen zu vorsichtig mit ihr umgingen und beim gemischten Training nicht ordentlich zurückschlugen.

Hier lernen sie Selbstverteidigung und Selbstbewusstsein

Bei SheFighter lernen die Frauen auch ganz praktische Selbstverteidigung, zum Beispiel, wie sie sich aus Klammergriffen am Handgelenk und Würgegriffen befreien oder gegen mehrere Angreifer wehren. Am besten ist es aber, es kommt gar nicht zum Ärgsten: Khalifeh und Barakah geht es vor allem darum, dass die Frauen sich selbst vertrauen, dass sie sich verteidigen können. „Wenn sie richtig steht, wird sich der Angreifer überlegen, ob er sich mit dieser Frau anlegen will“, sagt Khalifeh.

„Wir können nicht verneinen, dass Gewalt gegen Frauen existiert, weltweit“, sagt Barakah. Ein Raum, in dem Frauen nur Frauen trainieren, sei deshalb für das Selbstbewusstsein besonders wichtig. Hier werden alle Stereotype vergessen, damenhaftes Verhalten gibt es nicht mehr. „Hier kicken und schlagen wir zu, und weit und breit steht kein einziger Mann. Wir tun das nur für uns.“

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