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  • 24.12.2017
  • von Stefan Hermanns

Alexander Esswein von Hertha BSC: "Der Glaube wurde immer stärker"

von Stefan Hermanns

Alexander Esswein hat auch durch seinen Glauben zu innerer Ruhe gefunden. Foto: picture alliance / dpa

Herthas Mittelfeldspieler Alexander Esswein spricht im Interview über Fußball an Heiligabend, Weihnachten in der Pfalz und seine Verbindung zu Gott.


Alexander Esswein bittet um Entschuldigung, obwohl er nur fünf Minuten zu spät zum vereinbarten Interviewtermin kommt. Er lässt sich in den tiefen Ledersessel fallen und atmet erst einmal durch. Das harte Training? Oder doch die Folgen des Spiels am Abend zuvor, als Esswein mit Hertha BSC in der Europa League gegen Östersund gespielt hat? Nein, sagt er. „Ich habe wenig geschlafen.“ Ein gutes Stichwort.

Herr Esswein, in den Wochen vor Weihnachten haben Sie mit Hertha BSC viele Spiele absolviert. Von adventlicher Besinnlichkeit kann bei Ihnen vermutlich keine Rede sein, oder?

Stimmt. Das geht alles ein bisschen an einem vorbei. Man kann die Zeit nicht wirklich genießen.

Fehlt Ihnen diese Zeit, in der man bewusst ein bisschen entschleunigen und auch mal in Ruhe über all das nachdenken kann, was in diesem Jahr passiert ist?

Es bringt nichts, wenn ich das bedaure oder mich darüber beschwere. Das ist einfach so. Man muss versuchen, sich diese Zeit auch mal außer der Reihe zu nehmen.

Wann denn?

An einem Tag wie gestern zum Beispiel. Wir haben abends das Spiel und sind davor den ganzen Tag im Hotel. Da bleibt schon Zeit, sich mal zurückzuziehen und nachzudenken.

Wo verbringen Sie Weihnachten: in Berlin, in der Pfalz, Ihrer alten Heimat – oder doch in der Karibik?

(Lacht) Nicht in der Karibik. Wir haben zwar tatsächlich überlegt, ob wir in die Sonne fliegen. Aber unsere Tochter ist jetzt neun Monate alt. Im Sommer sind wir mit ihr im Urlaub gewesen. Das war für sie anstrengend – und für uns teilweise auch. Deshalb lassen wir das lieber und feiern in Ruhe mit der Familie, bei mir zu Hause in der Pfalz. Meine Eltern sind da und auch die Eltern meiner Frau.

Und Ihre Oma Hildegard ist auch dabei?

Natürlich. Sie ist jetzt 96, kann zwar nicht mehr richtig laufen und beklagt sich seit bestimmt zehn Jahren, dass sie nicht mehr Fahrrad fahren kann. Aber sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es mit ihren Beinen wieder besser geht, wenn sie erst mal 97 ist. Zum Glück ist sie im Kopf noch topfit. Sie hat sogar ein Handy und ruft mich ein-, zweimal pro Woche an – allerdings nur um zu fragen, wie es ihrer Urenkelin geht. Ich bin jetzt eher nicht mehr die Nummer eins.

Gibt es in Ihrer Familie bestimmte Rituale, die zu Weihnachten einfach sein müssen?

Unser Weihnachtsturnier. Die Männer aus der Familie und dem Freundeskreis mieten eine Halle und gehen kicken. Von drei Jahre bis siebenundfünfzig ist alles dabei. Jeder, der sich auf zwei Beinen bewegen kann, darf mitmachen. Die Frauen schmücken in der Zeit und bereiten alles vor. Um drei Uhr geht es mit der Kleinen in die Kinderchristmette, danach gibt es Kaffee und Kuchen, und anschließend geht der besinnliche Teil los.

Werden Sie Ihren Aufenthalt in der Heimat auch dazu nutzen, um dem Projekt einen Besuch abzustatten, für das Sie über Common Goal einen Teil Ihres Gehalts spenden?

Ich habe es mir zumindest fest vorgenommen. Aber wenn es jetzt nicht klappt, werde ich es allerspätestens in der Sommerpause tun.

Sie spenden wie einige andere Fußballer ein Prozent Ihres Gehalts an Common Goal. Konnten Sie sich aussuchen, welches Projekt konkret damit unterstützt wird?

50 Prozent meines einen Prozents spende ich in den allgemeinen Fonds von Common Goal. Für die anderen 50 Prozent habe ich mir Kickfair in Stuttgart ausgesucht. Das liegt am nächsten an meiner alten Heimat. Als Fußballprofi weiß man ja nie, wie lange man wo sein wird. Dadurch, dass meine Familie noch im Südwesten lebt, werde ich dort immer eine Anlaufstation haben. Und ich möchte das Projekt langfristig unterstützen.

Worum geht es bei Kickfair?

Kickfair ist ein gemeinnütziger Verein, der den Straßenfußball nutzt, um Projekte in den Bereichen Bildung, Lernen und sozialer Integration anzustoßen. Da wird nach klaren Regeln gespielt, aber ohne Schiedsrichter, damit sich die Kinder kommunikativ austauschen und selbstständig eine faire Lösung finden.

Kannten Sie das Projekt schon?

Nein, ich habe eine E-Mail geschrieben, dass ich an Common Goal interessiert bin. Ich habe aber auch gesagt, dass ich nicht einfach nur das Geld geben, sondern ein Projekt auch persönlich unterstützen möchte.

Sind Sie von Ihren Mitspielern bei Hertha schon mal auf Common Goal angesprochen worden?

Mit ein, zwei Kollegen habe ich darüber gesprochen. Aber es war kein großes Thema in der Mannschaft. Ich will auch niemanden missionieren. Wenn mich jemand darauf anspricht und ich sehe, dass er ehrlich interessiert ist, erzähle ich gerne mehr davon. Alles andere ist aber auch okay.

Seit wann haben Sie sich mit dem Gedanken getragen, sich an Common Goal zu beteiligen?

Ich habe schon länger nach einer sozialen Sache gesucht, die zu mir passt. Bei Common Goal ist das der Fall. Ich habe mich mit den Machern zusammengesetzt und war sofort begeistert. Es ist unglaublich, mit welchem Elan die bei der Sache sind.


Ein Porsche zum Geburtstag

Kommt Ihnen manchmal auch der Gedanke: Für uns Fußballer mit unseren Verdienstmöglichkeiten sollte es eigentlich selbstverständlich sein, Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht?

Ob es selbstverständlich sein muss, darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Für mich ist es selbstverständlich. Aber ich will auf niemanden einreden, so dass er nur aus schlechtem Gewissen mitmacht. Wenn man das nicht aus vollem Herzen macht, fühlt sich das für mich nicht richtig an. Meine Einstellung ist, dass es jeder selbst wissen und entscheiden muss. Trotzdem fände ich es natürlich gut, wenn so viele wie möglich mitmachen.

Haben Sie für sich den Anspruch, ein guter Mensch zu sein?

Auf jeden Fall. Aber ich glaube, diesen Anspruch haben viele. Wir Fußballprofis mit unseren finanziellen Möglichkeiten haben auch eine Verantwortung. Wenn ich so viel Geld zur Verfügung habe, will ich auch etwas Gutes damit tun.

Sie haben Ihrer Mutter mal einen Porsche zum Geburtstag geschenkt. Sind Sie generell ein großzügiger Mensch?

Nicht, dass Sie denken, das sei normal bei uns! Seitdem ich denken kann, hat meine Mutter gesagt, dass das ihr Traumauto ist. Sie verdient selbst auch sehr gut, aber sie hätte sich dieses Auto nie und nimmer gekauft. Ich wollte ihr einfach eine Freude machen – dafür hat es sich gelohnt.

Viele Fußballprofis verdienen mit 18 oder 19 von einem Tag auf den anderen mehr als Ihre Eltern. Wird man auf diese Verantwortung ausreichend vorbereitet?

Grundsätzlich glaube ich, dass ich mit 18 oder 19 auch nicht auf die Idee gekommen wäre, bei Common Goal mitzumachen oder für soziale Zwecke zu spenden. Es gibt bestimmt Ausnahmen, die in dem Alter schon so reif sind. Ich war es nicht. Das hat sich bei mir auch erst entwickelt. Die Geburt meiner Tochter war noch einmal ein wichtiger Anstoß. Sie hat einfach meine Sicht auf alle Dinge verändert. Generell hat der verantwortliche Umgang mit Geld etwas mit Erziehung zu tun. Meinen Eltern war es immer wichtig, dass ich bodenständig bin und bleibe. Sie haben gesagt: „Wenn dich jemand respektiert, respektiere du ihn auch.“ Wenn man das von zu Hause mitbekommen hat, sollte man auch verantwortungsvoll mit Geld umgehen können. Ich hatte aber auch Glück, denke ich.

Hat es auch etwas mit Ihrem Glauben zu tun?

Das glaube ich schon. Wobei es nicht so ist, dass meine Eltern mich beispielsweise früher aufgefordert haben, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Das hat sich entwickelt. Mit 14 oder 15 habe ich mich gar nicht mit Religion befasst. Bis ich festgestellt habe, dass es mich beruhigt, wenn ich abends mal in die Kirche gehe, Zeit für mich habe und in Ruhe über bestimmte Dinge nachdenken kann. Es tut gut zu wissen: Da ist jemand, der glaubt immer an dich. Gerade wenn dich ein schweres Ereignis trifft oder du Hilfe brauchst und du vielleicht nicht mit deiner Mutter oder deiner Frau darüber reden kannst.

Es ist also nicht so, dass Sie als Kind explizit katholisch sozialisiert worden sind?

Überhaupt nicht. Wir sind früher eigentlich nie in die Kirche gegangen, nur zu Weihnachten. Bei meiner Frau ist das anders. Die ist schon in der Kindheit sehr christlich geprägt worden. Ihre Mutter geht heute noch jede Woche zwei bis drei Mal in die Kirche. Meine Frau und ihre Geschwister mussten auch jeden Sonntag in die Messe, das hat sie bis heute beibehalten.

Sie waren dann vermutlich auch kein Messdiener?

Nein, nie. Das hätte mich als Jugendlicher auch nicht glücklich gemacht.

Wann haben Sie den Glauben für sich entdeckt?

Mit dem Wechsel nach Wolfsburg, würde ich sagen. Da war ich 17, 18. Das heißt nicht, dass ich damals jede Woche zwei Mal zum Gottesdienst gegangen bin, aber ich habe angefangen, mich mit der Religion zu beschäftigen, habe mal in der Bibel gelesen. So wurde bei mir mehr und mehr das Interesse geweckt, und der Glaube wurde immer stärker.

Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie versuchen, einmal in der Woche in die Kirche zu gehen.

Genau.

Besuchen Sie dann in einen Gottesdienst? Oder gehen Sie in die Kirche, um für sich zu sein und alleine zu beten?

Das ist unterschiedlich. Manchmal will ich Zeit für mich haben, und manchmal gehe ich auch in den Gottesdienst. Hier in Berlin gibt es häufiger Gottesdienste als es in anderen Städten der Fall war, in denen ich bisher gelebt habe. In Augsburg oder in meiner Heimat gibt es einen Gottesdienst am Tag. Hier kannst du morgens um acht Uhr gehen, um zehn und um sechzehn Uhr auch wieder.

Viele lehnen die Kirche als Institution ab.

Es gibt bestimmt Leute, die nicht in der Kirche sind und trotzdem an Gott glauben. Du brauchst die Kirche nicht unbedingt. Wenn du beten willst, kannst du das überall tun. Bei mir geht es darum: In der Kirche habe ich meine Ruhe, zwischen Tür und Angel finde ich diese Ruhe nicht. Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden. Meine Frau betet auch oft, aber sie geht vermutlich weniger in die Kirche als ich.

Wie stellen Sie sich Gott vor?

Ob Mann oder Frau, Bart oder Haare, groß oder klein – ich habe kein Bild von Gott. Ich brauche auch keine Vorstellung. Gott ist für mich eine Stimme, ein Zeichen. Wichtig ist, dass ich eine Verbindung spüre.

Haben Sie hier in Berlin eine feste Gemeinde?

Wir gehen immer in die Hedwigs-Kathedrale, in der Nähe vom Gendarmenmarkt.

Werden Sie da gelegentlich erkannt?

Nein, gar nicht. Das wäre mir auch peinlich.

Das heißt: Sie haben auch nicht das Gefühl, dass die Leute erstaunt sind, Sie in der Kirche zu sehen?

Warum sollten die Leute erstaunt sein? Ich werde mit Sicherheit nicht der einzige Bundesligaspieler sein, der in die Kirche geht. Der Glaube ist ja für jeden Menschen gleich, egal ob er in der Öffentlichkeit steht oder nicht.

Können Sie konkret benennen, was Ihnen der Glaube gibt?

Auf jeden Fall Kraft, und das in verschiedenen Situationen. Man geht wahrscheinlich öfter in die Kirche, wenn man gerade Hilfe braucht, nicht weiß, wie es weitergehen soll oder wenn man über Sachen nachgrübelt. Es gibt mir einfach Ruhe, es gibt mir Zeit zum Abschalten. Man führt sozusagen ein Gespräch, ohne eine wirkliche Antwort zu kriegen. Das beruhigt mich und tut mir gut.

Wofür beten Sie? Vermutlich nicht für den Sieg im nächsten Spiel.

Ehrlich gesagt habe ich, wenn ich in die Kirche gehe, noch nie einen Gedanken an Fußball verschwendet. Ich bete für meine Familie. Ich bete für alltägliche Dinge. Bedanke mich für alltägliche Dinge.

Reden Fußballer untereinander über den Glauben?

Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich würde auch niemanden fragen, warum er betet oder wofür er betet. Das ist privat. Ich brauche im Fußball keine Hilfe von oben. Ich bekreuzige mich auch nicht, wenn ich ein Tor geschossen habe. Aber das muss jeder selbst wissen. Vielleicht gibt es anderen gerade Mut und Stärke auf dem Platz. Für mich sind das zwei verschiedene Dinge.

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