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  • 13.09.2017
  • von Michael Rosentritt

Real Madrid in der Champions League: Überspieler Toni Kroos

von Michael Rosentritt

Königlicher Kellner. Toni Kroos setzt seine Mitspieler in Szene. Foto: dpa/ Nick Potts

Bei Real Madrid gilt Toni Kroos als der beste Fußballer. Mit den Spaniern will er nun zum dritten Mal in Folge die Champions League gewinnen.

Neulich in Prag. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schrammte dank eines späten Kopfballtores von Mats Hummels zum 2:1-Sieg an einer mittleren Blamage vorbei. Hummels’ Kopfballtor war wirklich schön. Er sprang im rechten Moment hoch und drückte den Ball gegen die Laufrichtung des tschechischen Torhüters ins lange, obere Eck. Für viele Beobachter hatte Toni Kroos mindestens die halbe Aktie an diesem Treffer. Man könnte auch sagen, dass die Qualität der Freistoßflanke Hummels zu diesem fantastischen Treffer förmlich gezwungen hat.

Zwingen, vielleicht trifft es das am besten, um die Spielweise und den Wert von Toni Kroos zu beschreiben. Es sind Pässe und Flanken und Standards wie Ecken und Freistöße von meist idealer Länge und idealem Druck. Diese Pässe und Flanken zwingen den Mitspieler, sie weisen Laufwege, verlagern das Geschehen. „Toni kann das Spiel mit seiner Technik in richtige Bahnen lenken“, hat einmal der Bundestrainer Joachim Löw gesagt, „er ist ein großer Stratege, ein Fixpunkt.“

Als die versammelte Presse in Prag hinterher auf Toni Kroos wartete, ließ dieser die abgesteckte Schneise in der Mixed- Zone rechts liegen. In der Deckung eines vollbeladenen Rollwagens ging er wippenden Schrittes im Rücken der Journalisten zum abfahrbereiten Mannschaftsbus. Man hätte Kroos gern befragt nach diesem Spiel. Doch wie so oft, hatte der 27-Jährige das Sprechen mal wieder seinen Füßen überlassen.

145 Ballkontakte, Passquote von sagenhaften 97 Prozent

Nur drei Tage später zeigte die deutsche Elf ihr weltmeisterliches Gesicht, sie fegte Norwegen mit 6:0 aus dem Stadion. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens war – Toni Kroos. Beinahe jeder Angriff, und es waren an diesem Abend sehr viele, entsprang seinen Füßen. Er hatte rekordverdächtige 145 Ballkontakte und damit mehr als die drei besten Norweger zusammen. Seine Passquote lag bei sagenhaften 97 Prozent. Anderntags war von der „Ballmaschine“ zu lesen.

Was für ein hässliches Wort für diese seltene Gabe, nur weil sie allenfalls maschinenhafte Präzision aufweist. Im Prinzip spielt Toni Kroos seit vier Jahren auf diesem Niveau. Seitdem er mit den Bayern das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League gewann. 2014 wurde er Weltmeister, danach wechselte er zu Real Madrid, wo er in den beiden vergangenen Spielzeiten erneut die Champions League gewann. Kroos ist nicht nur der erste Deutsche, der mit zwei verschiedenen Vereinen den begehrtesten Klubtitel gewann, sondern auch der einzige, der diesen Titel direkt verteidigen konnte.

In Spanien haben sie ihm einen etwas freundlicheren Namen verpasst. Dort werden Typen wie Kroos Kellner genannt – weil sie ihre Kollegen bedienen. Mal ist es ein perfekt getimter Pass, der die Abwehr durchschneidet, mal ein entwaffnender Diagonalpass, der die Defensive aushebelt. Also dann bitteschön ein königlicher Kellner. Es gibt keinen besseren.

Das Spiel ist geschaffen für einen wie Kroos

Ins Estadio Santiago Bernabeu kommen die Madrilenen, weil sie einen Schuss Genialität erleben wollen, es geht ihnen nicht so sehr um Tore an sich, sondern um deren Entstehung. Real Madrids Vereinspräsident, Florentino Perez, soll mal in kleiner Runde eingeräumt haben, dass er selbstverständlich Spieler nach Namen einkaufe. Den einen wegen des südamerikanischen Marktes, den anderen wegen des Trikotverkaufs. Nur Kroos, so Perez, habe er aus anderen Gründen gekauft: weil er der beste Fußballer sei.

Es ließe sich trefflich streiten, wonach sich der Wert eines Spielers fairerweise bemessen lässt. Sind es die Tore eines Cristiano Ronaldo, die Paraden eines Manuel Neuer oder die Pässe eines Toni Kroos? „Er ist ein außergewöhnlicher Spieler. Ein Akteur mit einer unglaublichen Ruhe am Ball und schnell im Kopf. Das ist selten“, sagte Reals Trainer Zinedine Zidane. Für Joachim Löw ist Kroos „im Wissen um seine Stärken so ruhig und gelassen“, wie er es bei noch keinem anderen Spieler erlebt habe.

Im modernen Fußball ist die Sache einfach. Je dichter und schneller das Spiel, desto mehr kommt es auf die Ballbehandlung an, auf das Antizipationsvermögen und Handlungsschnelligkeit. Das Spiel ist geschaffen für einen wie Kroos. Er kennt keine Angst und keine Panik. Er verlässt sich auf seine Technik und seinen Instinkt. „Ich kann Spielsituationen, die kommen, spontan richtig auflösen“, sagt Kroos, „weil ich mich darauf verlassen kann, dass ich den Ball relativ ordentlich annehmen kann und den Kopf frei habe.“

Es ist die Mischung aus Ballgefühl, Schlagtechnik und dem Empfinden für die Spielsituation, die Kroos aus der Masse herausragen lässt und zu einem Spieler mit größtmöglichen Einfluss auf das Spiel macht. Das gilt für Real Madrid wie für die deutsche Nationalelf. Dabei sehen seine Pässe manches Mal so belanglos aus. Doch während Kritiker immer noch meinen, es ist zu viel nutzloses Quergeschiebe dabei, werden seit einiger Zeit ehrliche Werte erhoben. Das Packing garantiert erstmals einen qualitativen und nicht nur einen quantitativen Wert. Dabei geht es darum, wie viele Gegenspieler mit einem Pass überspielt werden. In dieser Übung ist Kroos das Maß aller Dinge. Sein Durchschnittswert pro Spiel liegt bei 85 Gegenspieler, der Durchschnittswert der Bundesliga lag in der vorigen Saison bei 28. Kroos ist sozusagen der Überspieler.

Kroos’ Stärke ist es, oft den Ball zu haben und damit „gute Sachen anzufangen“, hat er einmal erzählt. „Je öfter ich den Ball habe, umso dominierender spielen wir – und umso öfter gewinnen wir.“

Toni Kroos ist 27 und im besten Fußballeralter. Er ist so alt wie Sebastian Deisler, als dieser seine Karriere entnervt und entkräftet beendete. Deisler galt als das größte Versprechen des deutschen Fußballs. Von Toni Kroos hat das die Öffentlichkeit nie erwartet, geschweige denn gefordert. Er stand nie unter Genieverdacht. Und doch kommt er genau dem am nächsten. Am Mittwoch wird er mit Real Anlauf auf den nächsten Titel in der Champions League nehmen. Es wäre sein vierter.

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