19.09.2017, 16°C
Themenschwerpunkt:

EURO 2012

  • 13.09.2017
  • von Stefan Hermanns

Jupp Heynckes im Interview: "Bei Athletic ticken die Spieler anders"

von Stefan Hermanns

Gemütliche Runde. Jupp Heynckes (rechts), 72, in seiner Zeit als Trainer bei Athletic Bilbao. 1992 wechselte der gebürtige Mönchengladbacher erstmals ins Baskenland. Es war seine erste Station im Ausland. 2001 übernahm er den Klub ein zweites Mal. Foto: imago/HJS

Hertha BSC trifft an diesem Donnerstag in der Europa League auf Athletic Bilbao. Jupp Heynckes erklärt den den Klub, den er gleich zwei Mal trainiert hat.

Herr Heynckes, ist Athletic Bilbao mehr als ein Klub?

Wenn der FC Barcelona das für sich in Anspruch nimmt, dann gilt das für Athletic Bilbao umso mehr. Das ist der einzige Klub der Welt, der seine Spieler nur aus der Region rekrutiert und bei dem praktisch nur Basken spielen dürfen und können. Das ist ein eisernes Gesetz, seit Menschengedenken. Das macht Athtletic so besonders. Weil auch die ganze Philosophie des Klubs darauf ausgerichtet ist. Die Nachwuchsarbeit ist schon zu meiner Zeit sehr intensiv betrieben worden, sehr innovativ und sehr inhaltsvoll. Jede Mannschaft hatte einen Arzt, mehrere Physiotherapeuten, Psychologen und was weiß ich alles. Das ergibt sich natürlich alles aus der Notwendigkeit, eigene Talente zu fördern, zu entwickeln und irgendwann in die erste Mannschaft einzubauen.

Sie haben vor einem Jahr in einem Interview gesagt „Der Fußball ist aus den Fugen geraten. Er hat seine Seele verloren“. Findet man diese Seele noch in Bilbao?

Ich bin 1992 eigentlich nach Spanien gegangen, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Das kann man sich heute fast gar nicht mehr vorstellen. Aber der Verein hat es mir unheimlich leicht gemacht, vor allem die Spieler. Deswegen habe ich so gute Erinnerung an die Jahre in Bilbao. Die Basken sind auch ein Menschenschlag, der ein bisschen vergleichbar mit dem unsrigen ist. Sehr zuverlässig, loyal, korrekt. Das sind Menschen, zu denen man Vertrauen haben kann. Das ist mir immer haften geblieben. Das ist im Fußballgeschäft inzwischen etwas Besonderes. Wissen Sie, was mir an Athletic und den Menschen im Baskenland immer imponiert hat?

Nein.

Das gesprochene Wort gilt, auf einen Handschlag kannst du dich hundertprozentig verlassen. Vor meinem Wechsel 1992 hatte ich mit Athletics Manager alles bei mir zu Hause besprochen. Aber als ich angefangen habe, hatte ich immer noch keinen Vertrag unterschrieben. Erst nach acht Wochen Vorbereitung habe ich den Vertrag vorgelegt bekommen, weil wir ihn am nächsten Tag zum spanischen Verband schicken mussten. Es stand alles genauso drin, wie wir es zwei Monate zuvor besprochen hatten.

Athletic hat gerade zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder einen Spieler verpflichtet – wenn man den Transferwahnsinn dieses Sommers im Kopf hat, kann man sich das eigentlich gar nicht vorstellen.

(Lacht) Ja, die brauchen sich nicht so viele Gedanken zu machen, was der internationale Transfermarkt hergibt. Bei Athletic ist es berechenbar. Aber es gibt auch noch bei Real Sociedad, bei Osasuna oder in den höheren Amateurklassen den einen oder anderen baskischen Spieler, der für Athletic in Frage kommt. Da schaut man natürlich drauf. Das große Problem ist, dass die Zuschauer trotzdem sehr anspruchsvoll sind. Und bei allem Enthusiasmus und Fanatismus in der Unterstützung für den Klub hegen sie natürlich auch den Traum, mal wieder einen Titel zu gewinnen, im Europacup, im Pokal oder auch in der Meisterschaft.

Ist Bilbao das gelobte Land für Fußballromantiker?

Fußballromantik gibt es fast nirgendwo mehr. Nur eins ist klar: Die Spieler bei Athletic ticken anders. Wenn mal jemand aus San Sebastian oder Pamplona verpflichtet wurde, haben sich die Spieler um ihn gekümmert, um die Wohnungssuche, den Möbelkauf, Behördengänge. Nicht der Verein. Die ganze Atmosphäre ist besonders. Wenn wir vor dem Spiel ins Hotel gegangen sind, war das alles sehr einfach und spartanisch. Aber gerade da hat man gespürt, dass die Spieler sich verstehen, zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Der Zusammenhalt untereinander ist unbeschreiblich. Das habe ich so bei keiner anderen Mannschaft erlebt, die ich trainiert habe. Deshalb habe ich sehr gerne dort gearbeitet. Das können sie gerne Fußballromantik nennen.

Julen Guerrero, dessen Karriere Sie in Bilbao entscheidend gefördert haben, hat gesagt: „Ein einziger Titel mit Athletic ist genauso viel wert wie zehn Titel mit Real Madrid.“

Aber unterschätzen Sie die Träume der Basken nicht! Als ich 1992 nach Bilbao kam, spielte Athletic meistens gegen den Abstieg. Im ersten Jahr sind wir Achter geworden, im zweiten als Fünfter in den Uefa-Cup eingezogen. Das war natürlich schon ein riesiger Erfolg. Aber ich hatte einfach andere Ambitionen, wollte mal Meister oder wenigstens Pokalsieger werden. Das ist für Athletic natürlich unmöglich, jetzt noch mehr als zu meiner Zeit, wenn man sieht, was gerade auf dem Transfermarkt abläuft. Aber die Leute honorieren es auch, wenn man Sechster oder Fünfter wird, in der Europa League mitspielt. So realistisch sind die schon.

Was hat das für Sie als Trainer bedeutet: War es das die Hölle, weil man in seinen Möglichkeiten künstlich beschränkt ist? Oder das Paradies, weil man Spieler und eine Mannschaft entwickeln darf?

Ich habe schon bei Borussia Mönchengladbach eine ganz neue Mannschaft mit vielen jungen Spielern konzipiert. Mit jungen Spielern zu arbeiten und sie auf ihrem Weg zu begleiten, das hat mir immer viel Freude bereitet. Als ich in Bilbao angefangen habe, habe ich mir die zweite Mannschaft angeschaut und gleich fünf Spieler zu uns hoch geholt, unter anderem Julen Guerrero. Die sind alle Profis geworden, in kürzester Zeit. Die Jungs in den Jugendmannschaften haben alle ein Ziel: Sie wollen Profi bei Athletic Bilbao werden. Das ist der Traum der Jugend in Bilbao. Das ist das Größte. Da können sie sich wahrscheinlich auch vorstellen, was die alles dafür tun und was für Spieler sie als Trainer bekommen: Die sind ehrgeizig, engagiert, diszipliniert, die sind höflich, gut erzogen. Die musstest du nicht zum Futtertrog zu tragen, die wollten von sich aus weiterkommen.

War Ihnen eigentlich von Anfang an bewusst, worauf Sie sich bei Athletic eingelassen haben?

Ich hatte mich natürlich informiert. Nach meiner Entlassung bei den Bayern hatte ich angefangen, Italienisch zu lernen. Die italienische Liga war zu der Zeit führend in Europa. Und zu welchem Verein in der Bundesliga hätte ich nach vier Jahren bei Bayern München denn gehen sollen? Ich wollte ins Ausland. Im Mai kam Athletic Bilbao. Ich war jung, hatte Visionen, war unverbraucht und abenteuerlustig.

War Bilbao ein Abenteuer?

Nachdem ich das Angebot bekommen habe, habe mir ein Spiel von Athletic bei Espanyol Barcelona angeschaut. Das ging 0:2 verloren. Es war furchtbar. Danach habe ich den Manager angerufen: „No, no, diese Mannschaft werde ich nicht trainieren.“ Daraufhin sagt er: „Jupp, wait! Gegen Espanyol waren fünf Stammspieler nicht dabei.“ Geflunkert haben die natürlich auch. „Wir spielen am Samstag zu Hause gegen Real Sociedad.“ Das war ein Derby, volles Haus, tolle Atmosphäre. Da haben sie 3:1 gewonnen, und da konnte man schon ein bisschen Athletic sehen, den Kampfgeist. Die sind gerannt ohne Ende. Gekämpft haben sie immer, wie verrückt. Das Erste, was ich gesagt habe, war: „Leute, ihr müsst mal mehr Fußball spielen und weniger rennen.“ Das haben wir auch irgendwann hinbekommen.

Worauf muss sich Hertha beim Spiel in Bilbao einstellen: nicht nur gegen eine Mannschaft mit elf Fußballern anzutreten – sondern gegen eine ganze Stadt?

Gegen eine ganze Stadt und eine ganze Region. Bilbao ist eine Fußballstadt, und Fußball ein Fest. Die Leute gehen in die Tapas-Bars, trinken was, essen was, diskutieren. Und dann geht’s zum Fußball. Natürlich zu Fuß. Das Stadion San Mames liegt ja mitten in der Stadt. Das ist eine Atmosphäre so ähnlich wie in Liverpool. Traumhaft. Der Fan stirbt für Athletic.

Kennen Sie das neue Stadion?

Noch nicht. Die haben mich eingeladen. Aber ich muss nach Madrid, ich muss nach Bilbao – ich hab‘ keine Zeit. Mit meinem Präsidenten von damals habe ich heute noch heute Kontakt. Der kommt immer noch nicht über die Geschichte mit dem gelben Pullover hinweg.

Der gelbe Pullover?

Bei einem Spiel in Barcelona habe ich einen gelben Pulli unter meinem blauen Sakko getragen. Als mein Präsident vor dem Spiel in die Kabine kam, hat er gesagt: „O, Juuuuup!“ Das gehe gar nicht. Aus Aberglaube. Ich habe ihm geantwortet: Tranquilo. Ganz ruhig. Wir haben das Spiel gewonnen, und hinterher hat er die Welt nicht mehr verstanden. Wenn wir telefonieren, sagt er: „Was du für Dinge gemacht hast! Einen gelben Pulli angezogen…“

Ihr Ansehen bei Athletic hat also nicht darunter gelitten, dass sie Javi Martinez zu den Bayern geholt haben?

Nein, da haben wir ja oft miteinander telefoniert. Der Präsident, Josu Urrutia, war 1992 bis 94 mein Spieler. Ernesto Valverde, bis zum Sommer Trainer bei Athletic und jetzt beim FC Barcelona, war mein Spieler. Und Cuco Ziganda, der jetzt Trainer von Athletic ist, war ebenfalls mein Spieler. Das ist die Philosophie und der Geist von Athletic. Das wird immer weitergegeben.

Hatten Sie bei Ihrem Wechsel keine Sorgen wegen der politischen Situation im Baskenland?

Ich hatte damals einen Dolmetscher, einen Deutschen, der zwar keine Ahnung vom Fußball hatte, aber perfekt Spanisch sprach. Ein Kaufmann, korrekter Mann und super Typ. Sonst hast du als Dolmetscher immer so Schlawiner, die nebenher noch ein Bistro betreiben. Er hat mir gesagt: „Eins musst du wissen: Du darfst dich nie politisch äußern. Nie.“ Daran habe ich mich auch gehalten, von Anfang an. Mein Dolmetscher hatte einen Freund, einen Rechtsanwalt, der ist damals in einer Tiefgarage ermordet worden. Mein Dolmetscher hat das hautnah miterlebt und wir dadurch natürlich auch. Es gab zu der Zeit immer wieder Attentate. Das war schließlich die Hochzeit der Eta. Deshalb hat meine Frau schließlich auch darum gebeten, dass wir aus Bilbao weggehen – obwohl ich unheimlich gerne bei Athletic gearbeitet habe. Das war eine ganz wichtige Station für meine Weiterentwicklung, als Trainer und als Mensch.

Und es war okay, dass Sie Spanisch gesprochen haben, nicht Baskisch?

Es ist schon mal vorgekommen, dass ein Präsidiumsmitglied zu mir gesagt hat, Jupp, du musst auch mal ein paar Worte auf Baskisch sprechen. Eskerrik asko. Danke. Agur! Auf Wiedersehen. So etwas. Aber das habe ich selten gemacht. Das ist auch respektiert worden. Für uns hört sich Baskisch wie Finnisch an, das lernt man nicht so einfach. Ich weiß noch: Bei meinem ersten Besuch in Bilbao habe ich den Fernseher eingeschaltet, und dann höre ich eine vollkommen fremde Sprache. „Wenn das Spanisch sein soll, werde ich das nie lernen“, habe ich zum meiner Frau gesagt. Es war Baskisch.

 

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!