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  • 24.10.2013
  • von Ria Weber

Kampf dem Chaos

von Ria Weber

Carsten Fuchs (l.) und Jens Irrgang vertreten das Unternehmen ng4T, das Landessieger Berlin des Wettbewerbs „KfW-Award GründerChampions 2013“ geworden ist. Foto: Georg Moritz

Von Siemensstadt aus bringt ng4T Ordnung in Handynetze – und wird dafür jetzt ausgezeichnet

Das gelbe Laub schwebt an den großen Fenstern des mehr als 80 Jahre alten Baus, des Wernerwerk-Hochhauses von Siemensstadt am Berliner Siemensdamm vorbei. Es ist ein goldener Herbsttag im Oktober und das Rot des Backsteins leuchtet in der Sonne. Das Licht streift im Erdgeschoss den Schreibtisch von Carsten Fuchs, ein gedrungener Mann im Alter von 45 Jahren. Mit breiten Schultern sitzt er da in seinem weißen Hemd mit der kleinen Aufschrift „Communication & Computing“. Vor ihm stehen zwei große Flatscreen-Monitore, hinter ihm grinst ein Alf-Plüschtier von der Fensterbank. „Wenn ich mal unterwegs bin, sitzt der hier. Dann wissen alle, dass ich nicht im Büro bin“, erklärt Fuchs und setzt Alf demonstrativ auf seinen Stuhl. Alf begleite ihn seit ungefähr zehn Jahren, sagt er und lacht.

Sein Kollege, ein recht schmaler, großer Mann mit einer zurückhaltenden Art, ist Jens Irrgang. Die Beiden kennen sich schon seit knapp 20 Jahren. Fuchs ist einer von insgesamt sieben Gründern des Unternehmens ng4T. Der Mann ist COO – Chief Operating Officer. Irrgang, der noch recht neu im Team ist, ist Director Sales & Marketing. Das ng im Firmennamen steht für „next generation“ und 4T für vier Worte, die mit dem Buchstaben „T“ beginnen: Telecommunication Technology Testing Tools. Das Unternehmen bietet ein eigens entwickeltes Softwareprodukt zum Testen von Telekommunikationsnetzwerken an.

„Es ist ja heute so: Sie kommen irgendwo hin und Sie erwarten einfach, dass Ihr Handy funktioniert. Sie erwarten, dass Sie E-Mails abrufen können, und dass Ihre WhatsApp-Nachrichten ankommen und nicht verloren gehen“, erläutert Fuchs langsam und geduldig. Damit diese Erwartungshaltung erfüllt werden kann, auch wenn neue Netzelemente oder Dienste eingeführt werden, wie zum Beispiel der Mobilfunkstandard LTE, muss vorher mit Netzemulatoren (Netz-Nachahmern) auf Stabilität und Zuverlässigkeit getestet werden. Diese liefert ng4T. „Wenn das Protokoll (das ist die Sprache zwischen den Systemen) fehlerhaft ist, wird es Probleme geben: Die SMS kommt nicht an, das Gespräch bricht ab“, erklärt Irrgang.

Die Software von ng4T soll also noch bevor ein (neuer) Service in Betrieb geht, das Telekommunikationsnetzwerk testen, indem es dieses Netzwerk nachempfindet. Damit kann Kommunikations- chaos vermieden werden, zum Beispiel an Silvester, wenn zum selben Zeitpunkt am nahezu gleichen Ort tausende Handynutzer telefonieren: „Rechnen Sie sich mal aus, wenn fünf Millionen Menschen eine SMS schicken wollen – jede zehnte geht verloren, und jetzt rechnen Sie das wiederum um, auf den Preis von neun Cent“, erläutert Fuchs. Die Verluste für den Betreiber seien immens hoch. Aber auch für die moderne Volkswirtschaft sind Telekommunikationsdienste von zentraler Bedeutung. Daher ist ihr Schutz wichtig. Mit dem Software können die Gründer von ng4T in ihrem recht engen, leicht chaotischen Büro eine Last erzeugen, die einer Stadt wie London oder München entspricht.

So richtig scheinen Carsten Fuchs und Jens Irrgang es trotzdem nicht fassen zu können, dass sie Landessieger für Berlin beim KfW-Award Gründer Champions 2013 geworden sind. Und auch nicht, dass sie die Chance haben, am 24. Oktober Bundessieger in der Kategorie „Innovation“ zu werden.

Schließlich hätten sie nur durch Zufall von dem Gründer-Champion-Wettbewerb erfahren, und zwar am letzten Abgabetag. An dem haben sie schnell noch ein Exposee eingereicht. Sie haben nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Über die Gründe, die ausschlaggebend für das Gewinnen war, können sie nur spekulieren: „Es gibt in diesem Bereich sehr, sehr wenige Unternehmen, die etwas Ähnliches machen wie wir. Ich würde mal sagen, in Europa gibt es keine zweite Firma“, sagt Irrgang mit ein wenig Stolz.

Das selbstfinanzierte Unternehmen existiert jetzt seit 2009 und schreibt seit 2011 schwarze Zahlen. Sie zählen bisher 14 Kunden weltweit, in den USA, Indien, Taiwan, aber auch in Deutschland – und sie betreuen diese hauptsächlich von Berlin aus. Das junge Unternehmen besteht aktuell aus 13 Mitarbeitern, soll insgesamt jedoch schmal bleiben, um in seiner Nische Geld zu verdienen.

Um das Problem der Zeitverschiebung im Kontakt mit Kunden zu beheben, haben sie seit August 2012 einen weiteren Firmensitz in Seattle im Nordwesten der USA. Wachsen wollen sie im Bereich Netzwerkvirtualisierung, Cloud Communications und Netzwerksicherheit. Alles spannende Forschungsgebiete, bei denen bestimmt auch Alf noch mit am Start sein wird. MY BOO]

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