Alles Handarbeit von der Formgebung bis zum Aufmalen der Schwerter. Dank Alchemist Johann Friedrich Böttger (unten) steht Meißen für Porzellan. Fotos: Volkmar Heinz
Vor 300 Jahren wurde die Meissner Porzellanmanufaktur gegründet. Eine Ausstellung in Meißen huldigt der kostbaren Marke
Unter den leichten Schwüngen des Pinsels erblüht eine zarte Blume, schmale Halme umwinden einander, Tau funkelt, Schatten fallen ... Es sieht alles so einfach aus, wenn Kursleiterin Sabine Decker das Malen demonstriert. Danach mache ich mich ans Werk, vorsichtshalber erst mit einem Übungsteller. Die Kunst beginnt jedoch schon damit, die richtige Position einzunehmen: Der rechte Unterarm ruht auf einem kleinen Podest, die rechte Hand führt den Pinsel, die linke dirigiert das Porzellanstück. Den Teller ruhig halten, den Pinsel steil. Nicht zittern. Vorsichtig ziehe ich eine Linie. Aber statt einer filigranen Ranke entsteht ein knorriger Ast. Na gut, ich bin schließlich nur Schülerin. Bei einem Mal- und Kreativseminar der Manufaktur Meissen, die in den kommenden Monaten ihr 300-jähriges Firmenjubiläum groß feiert, dürfen auch Amateure mal ran.
Erst seit Mitte der neunziger Jahre existieren die Kurse für Hobbykünstler in der ältesten Porzellanmanufaktur Europas. Zu groß waren die Bedenken, dass durch Amateurmalereien der kostbare Markenname Schaden nähme. Doch die Anfragen häuften sich. Schließlich wurde ein Extra-Atelier eingerichtet. Von allen Kontinenten reisten fortan die Hobbymaler an.
Natürlich können die Hobbyschöpfungen nicht durch die weltbekannten „Blauen Schwerter“ geadelt werden. Ein anderes, modifiziertes Emblem schmückt deshalb die Kunst der Laien. Zwar zeigt es auch die Schwerter, doch der Zusatz „Hobby-Collection“ dokumentiert, dass hier kein Profi am Werk war.
Das Stück, das ich nach all den pinselnden Stolpereien auf dem Übungsteller jetzt unter den Fingern habe, hebt sich sowieso eklatant von Meissner Originalware ab. Weil ich lediglich einen zweistündigen „Schnupperkurs“ absolviere, die absolute Minimalvariante im Seminarprogramm, ist nur ein schlichtes Ginkoblatt gewachsen. Und: Die Konturen waren mithilfe einer durchgedrückten Vorlage auf das Schälchen gelangt.
Aber selbst die angestellten Porzellanmalerinnen, die Tag für Tag das Zwiebelmuster entstehen lassen, arbeiten teilweise mit Schablone. Das ist in der Schauwerkstatt der Manufaktur zu verfolgen. Besucher sehen, was der Mann an seiner Töpferscheibe formt und wie die Bossiererin einzelne Porzellanteile zusammenfügt und verziert. Und natürlich dürfen sie die Aufglasurmalerin dabei beobachten, wie sie Blumen, Früchte oder asiatische Dekors auf die Gegenstände zaubert.
Das berühmte Zwiebelmuster ist eine Unterglasurmalerei. Sabine Decker, die sich auf dieses Dekor spezialisiert hat, demonstriert ihre Arbeit in der Schauwerkstatt. Ein Leben mit der Zwiebel – die eigentlich keine Zwiebel ist: Vorbild für dieses Muster waren nämlich Granatäpfel. Doch weil die Sachsen solch exotisches Gewächs anno 1730 nicht kannten, haben sie sich ihre eigene Interpretation zusammengereimt und den Manufakturisten die seltsamen „Zwiebeln“ nachgesehen.
Ist das Muster fertig, dreht Sabine Decker den Teller um. Auf das unglasierte, noch hellgraue Porzellan malt sie eine knapp zentimeterlange, gebogene Linie, eine zweite quert sie und zwei kurze Striche markieren dann den unteren Teil des Kreuzes. „Schwertern“ heißt dieser wohl kürzeste Arbeitsgang bei der Herstellung der Kostbarkeiten. Seit 1722, nachdem ein um das Geheimnis wissender Mitarbeiter nach Wien entschwand und dort die Konkurrenz entfachte, nutzen die Meissener dieses Warenzeichen. Es ist weltweit eines der ersten. Manufakturinspektor Johann Melchior Steinbrück machte damals den Vorschlag: „... ein Stückgen aus dem Chursächsischen Wapen als etwa die Chur-Schwerter zur Markirung zu nehmen“, denn „daraus hätten die frembden Nationes gesehen, daß die damit gezeichneten Waren im Churfürstenthumb Sachßen fabriciret wurden“.
Weil die Porzellanmanufaktur ein für ihre Zeit hochmoderner Großbetrieb war, wurde jedes Geschehen säuberlich vermerkt, und so mangelt es den heutigen PR-Leuten nicht an eventträchtigen Daten. Neben den runden Geburtstagen solcher Künstler wie des Gestalters Kaendler oder des Malers Höroldt werden auch die Jubiläen aller bekannten Dekors und Erfindungen begangen. Vor dreihundert Jahren hatte alles begonnen: Am 23. Januar 1710 vermeldete die Hofkanzlei von August dem Starken in einem „allerhöchsten Dekret“ in lateinischer, französischer, deutscher und holländischer Sprache die Erfindung des europäischen Hartporzellans und die Gründung einer Porzellanmanufaktur.
Warum gerade in Meißen? Der Grund ist simpel: Die Albrechtsburg stand leer, seitdem die Wettiner mit Sack und Pack und Kasse nach Dresden umgezogen waren. Außerdem schien das technologische Geheimnis in der Burg auf einem Felssporn hoch über der Elbe sicher, sicher vor Spionen – und vor dem Ausbrechen der Experten. Denn eigentlich waren auch die wichtigsten Akteure nur Gefangene des porzellanverrückten August: der Alchemist Johann Friedrich Böttger und sein (oft vergessenes) Forscherteam.
Den Meißnern waren ihre neuen, vom Landesherrn herbefohlenen Mitbürger auf der Burg – die Manufakturisten – suspekt. Und die wiederum, so ist in einem langen Beschwerdebrief zu lesen, fühlten sich schlecht behandelt und beklagten „Das verächtliche Bezeigen gegen uns und unsere Gering-Achtung“. Erst als es 1773 auf der Burg brannte und die Meißner Einwohner zum Löschen eilten, kam man sich näher. Die Töchter der Stadt und die zugereisten Burschen trugen das Ihre zur Verbindung der beiden Welten bei.
Seitdem lebt man miteinander und voneinander. In guten wie in schlechten Tagen. Die Arbeitsplätze wurden seit 1989 auf weniger als die Hälfte reduziert. Aktuell sind 30 Prozent der insgesamt 800 Mitarbeiter von Kurzarbeit betroffen.
Dennoch, Meißen steht für Porzellan, seit dreihundert Jahren. Auch außerhalb der Manufaktur. Am Turm der Frauenkirche erklingt ein Porzellanglockenspiel; in einem kleinen Park beim Betrieb wachsen seit eh und je seltene Pflanzen, damit die Porzellanmaler sich dort Anregungen holen können; die Nikolaikirche birgt eine ganz aus Porzellan gestaltete Gedächtnisstätte für die Opfer der Kriege. Meißen ist Porzellan, seit dreihundert Jahren – was gelegentliche Missstimmungen einschließt. So ging einmal das Gerücht durch die Stadt, „die in der Manufaktur“ wollten das 300-Jährige in Dresden zelebrieren. Das war allerdings schnell wieder vom Tisch. Das Jubiläum findet natürlich in und um Meißen statt, mit Ausstellungen in der Manufaktur, auf der Burg und im Stadtmuseum, mit zahllosen Vorträgen und Festen, mit Stadtrundgängen und Konzerten, mit einem speziell ausgetüftelten „Menü auf Weißem Gold“ in zwölf Gaststätten
>Ein bisschen Zoff gibt es gelegentlich auch um die Orthografie, wenn es um „Meißen“ und „Meissen“ geht. Eigentlich gilt die Regel: Das Doppel-S gehört allein der Manufaktur. Das „ß“ steht immer dann, wenn es um die schlichteren Dinge geht. Selbst der monumentale Dom und der exklusive Wein dürfen nicht nach dem Doppel-S greifen. Wer sich mal verschreibt, versehentlich oder um von der renommierten Variante zu profitieren, der bekommt Ärger mit den Manufakturisten.
Und dann wäre da noch die Sache mit dem Porzellan aus Meißen, das nicht automatisch Meissener ist. In der Stadt formen, malen und brennen schließlich noch andere (ganz legale) Werkstätten. Daher sollte man sogar in den Antiquitätengeschäften die Objekte der Begierde immer auch von unten betrachten.
Wer das Berühmte haben will, der schaue sich am besten direkt in den Shops der Manufaktur um. Die wurden für den erhofften Besucheransturm reichlich bestückt. Von günstigen Angeboten mit winzigen Mängeln bis zur makellosen Premiumware, vom barocken Prunkstück bis zum modernen Sushi-Set, vom günstigen Mitbringsel bis zum 100 000-Euro-Kronleuchter gibt es alles. Rund 200 000 Produkte stellen die Meissner Porzellankünstler inzwischen her.
Mein Schälchen mit dem Ginkoblatt brilliert außer der Reihe. Aber fern der professionellen Konkurrenz betrachtet, ist es doch das bemerkenswerteste Stück Meissner, das ich je in der Hand hatte. Oder doch vorsichtshalber nur Meißner?
Für die Entscheidung zum Potsdamer Badneubau ist ein Bürgerbeteiligungsverfahren mit verschiedenen Arbeitsgruppen erarbeitet worden. Halten Sie den Aufwand für gerechtfertigt?