• 30.01.2010

Entschädigung – sofort, unverzüglich

Spontan mal auf den Zug aufspringen, das ist ja in Zeiten des Internets einfach geworden. Und wer eine Bahncard hat, bucht weitgehend risikofrei, falls sich die Pläne erneut ändern sollten. Ermäßigter Preis, keine Zugbindung, und oben drauf noch Bonuspunkte. Bisher klappte auch immer alles prima. Bis zum 14. Januar.

Der ICE Berlin–Bielefeld musste es sein, Abfahrt Freitag um 7 Uhr 05 ab Bahnhof Spandau. Rückfahrt am Sonntagfrüh. Am späten Donnerstag also – tip-tip-tip im Internet, fertig, Bestellung abschicken. Oh! „Ihr Reservierungswunsch konnte nur zum Teil erfüllt werden.“ Ahh ja? Kein Sitzplatz auf der Hinfahrt? Nun gut, so früh wird schon noch ein Plätzchen zu finden sein.

7 Uhr, Bahnsteig Spandau. Bitterkalt. Unangenehm. Dann die Durchsage: ICE 644 verkehrt nur als halber Zug. Halber Zug heißt ja wohl auch halbe Sitzplatzkapazität. Sehr unangenehm, und der Bahnsteig ist gut bevölkert. Außerdem sind am Ost- sowie am Hauptbahnhof bereits die ersten Fahrgäste eingestiegen. Ein Blick auf den Wagenstandanzeiger. Okay, der Speisewagen hält im Bereich C. Der ICE naht (pünktlich!), hält; rein ins Bordrestaurant – gesteckt voll mit Frühstückern.

Weiter zum nächsten Wagen der 2. Klasse – das Chaos dort ist bereits perfekt. Das war’s dann wohl. Also ab ins Bordbistro, Koffer abgestellt, Zeitung ausgepackt und an einem von zwei Stehtischen ausgebreitet. Na dann, zwei Stunden 15 Minuten Haltung bewahren.

Doch es dauert nicht lange, Zugchef Müller meldet sich über den Bordlautsprecher. Er begrüßt zunächst alle in Spandau neu zugestiegenen Fahrgäste, entschuldigt sich für den halben Zug und bittet „die Gäste, die in der 2. Klasse keinen Sitzplatz gefunden haben, doch in der 1. Klasse Platz zu nehmen“. Ein Hörfehler? Nein, die Ansage war eindeutig. Also, Zeitung gefaltet, Koffer geschnappt, vorbei an den Frühstückern, rein ins 1. Klasse-Abteil. Himmlische Ruhe, freie Plätze, „möchten Sie eine Zeitung?“, „Danke, hab’ schon“. Gute Reise!

Der darauf folgende Sonntagvormittag. Bahnsteig in Bielefeld. Heute kann nichts schiefgehen, ein Platz ist reserviert. Wagen 22, Zugmitte, Abschnitt D. Dann die Durchsage: Wegen technischer Schwierigkeiten... der Zug fährt ein, der halbe. Wo ist denn bloß Wagen 22? Wurscht, erstmal einsteigen.

Ach, ein 1. Klasse-Wagen. Also, die können mich jetzt mal. Hinsetzen und später den Schaffner fragen, wo der reservierte Platz ist. Kaum rollt der Zug wieder, kommt der Kontrolleur. Ja, ich weiß, falsches Abteil, wo muss ich hin? „Sind Sie ein friedlicher Mensch?“, fragt der Schaffner. Bruchteile von Sekunden zögert der genervte Fahrgast, bevor er Zustimmung nickt. „Na, dann: gute Fahrt.“ Knipst und geht weiter. Tja, so funktioniert es eben auch mal bei der Deutschen Bahn: Entschädigung für kurze Züge – sofort, unverzüglich. gws

  • Erschienen am 30.01.2010 auf Seite 23

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