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Potsdamer Talente

  • 15.07.2015
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Talente: Gewichtheben als Gefühl von Freiheit

von Tobias Gutsche

Deutsche Vizemeisterin. Amely Fuchs gewann Silber in der Schülerwertung. Foto: tog

Tanzen, Judo und Schwimmen waren nichts für Amely Fuchs. Dann kam sie zum AC Potsdam und fand ihr Glück an der Hantel. Die 13-Jährige, der eine große sportliche Perspektive attestiert wird, faszinierte es von Beginn an, den Widerstand zu überwinden und die vielen Kilos zu bewegen.

Auf einer orangenen Sportmatte rutscht Amely Fuchs unruhig hin und her. Vor und zurück, von links nach rechts. Währenddessen plaudert sie mit einigen Vereinskollegen, die gerade eine Pause zwischen ihren Übungen machen. Der 13-Jährigen ist anzumerken, dass es bei ihr in den Fingern juckt. Auch sie möchte in diesem Moment gerne ran an die Hanteln. Lieber in Sportkluft Gewichte stemmen, statt in Straßenkleidung auf der Matte lümmeln. Doch die Gewichtheberin des AC Potsdam soll eine kleine Regenerationspause einlegen und hat deshalb an diesem Tag trainingsfrei bekommen.

Aber das hält sie eben noch lange nicht davon ab, trotzdem hinunterzukommen in den Keller des Brauhausberg-Bades. Dorthin, wo die Potsdamer Schwerathleten ans Eisen gehen. „Der Verein“, erzählt Amely Fuchs, „ist wie eine Familie für mich. Daher verbringe ich meine Freizeit am liebsten hier.“ Die tageslichtarmen und stickigen Räumlichkeiten sind ihre persönliche Wohlfühloase.

Um die 60 Kilogramm bringt das Energiebündel bereits zur Hochstrecke

Diese hat die Schülerin vor eineinhalb Jahren für sich entdeckt. Ihre Halbgeschwister Patrick und Gina Guzda waren bereits ACP-Mitglieder und animierten sie, sich beim Gewichtheben auszuprobieren. „Als ich dann das erste Mal eine Hantel in der Hand hatte, wusste ich sofort: Das ist mein Sport“, erinnert sich Amely Fuchs, die ihren Drang zur sportlichen Betätigung zuvor bereits beim Tanzen, Judo und Schwimmen ausgelebt hatte. „Aber das war einfach nicht das Richtige.“

Erst beim Gewichtheben fand sie ihre Bestimmung. In diesem Sport kann das athletische Mädchen ihre Kräfte perfekt in Szene setzen. „Wenn ich die Stange zur Hochstrecke bringe, ist das für mich ein Gefühl von Freiheit“, beschreibt Amely Fuchs. Es fasziniere sie, den Widerstand zu überwinden, die vielen Kilogramm zu bewegen. Um die 60 schafft sie bereits in den Disziplinen Reißen und Stoßen.

Trainer Andreas Anker: "So ein großes Talent habe ich noch nicht erlebt"

Bei der Deutschen Schülermeisterschaft am letzten Juni-Wochenende dieses Jahres kam es für sie allerdings nicht nur auf hohe Lasten an. In die Bewertung ging auch die technische Ausführung mit ein. Zudem wurde in dem Mehrkampf über 30 Meter gesprintet, Schlussdreisprung durchgeführt und mit einer drei Kilo schweren Kugel rückwärts über den Kopf hinweg geschockt. Am Ende des Wettbewerbs hing die Silbermedaille um den Hals der Potsdamerin.

Die rasante Entwicklung, die Amely Fuchs genommen hat, sorgt bei Andreas Anker für wahre Begeisterungsstürme. Mit großem Enthusiasmus spricht er über sie: „Seit 20 Jahren bin ich Trainer beim Gewichtheben – aber so ein großes Talent habe ich noch nicht erlebt.“ Voll des Lobes berichtet der Coach von der großen Disziplin, die sein Schützling an den Tag lege. „Außerdem hat Amely einen wahnsinnigen Ehrgeiz. Das ist eine Sache, die man nicht antrainieren kann. Das hast du oder eben nicht.“ Und das Potsdamer Energiebündel hat es. Sogar mit einer Extraportion davon.

Zum neuen Schuljahr wechselt sie auf die Sportschule in Frankfurt (Oder)

Dass in der Landeshauptstadt ein solcher Rohdiamant funkelt, ist auch den Verantwortlichen des in Brandenburg für Gewichtheben zuständigen Olympia-Stützpunktes Frankfurt (Oder) nicht entgangen. Sie haben die Noch-Siebtklässlerin an die Sportschule der deutsch-polnischen Grenzstadt gelotst und wollen ihr dort ab dem kommenden Schuljahr den nötigen Schliff verpassen.

Scheu vor dem Weggang aus dem vertrauten Umfeld habe sie nur bedingt. „Ich kenne bereits viele Leute an der Schule, mein Bruder Patrick ist zum Beispiel dort. Das Leben im Internat, weit weg von der Familie, ist für mich kein Problem, denke ich. Aber meinen jetzigen Trainer werde ich dann sehr vermissen – und vor allem meinen Heimatverein.“ Denn dieser ist für Amely Fuchs zu einem zentralen Anlaufpunkt in ihrem Leben geworden. Und sei es nur zum Lümmeln auf der orangenen Sportmatte. 

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