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  • 04.10.2014

„Hier tanzt niemand aus der Reihe“

Christian Schönwälder (27) kam im Sommer vom Regionalliga-Rivalen Neustrelitz nach Babelsberg und führt Nulldrei. Der Innenverteidiger und Kapitän spielte bislang jede Regionalliga für den SVB. Beim morgigen Auswärtsspiel gegen den FC Viktoria 89 Berlin (13.30 Uhr) ist sein Einsatz aufgrund einer Muskelverletzung indes fraglich. In seinen bisherigen Auswärtsspielen blieb der SVB ohne Sieg.

Nulldrei-Kapitän Christian Schönwälder über den Regionalligastart, Potenziale und Perspektiven

Herr Schönwälder, es heißt, dass man nach sieben, acht Spielen einen nachhaltigen Eindruck bekommen hat, wie eine Mannschaft spielt und die Saison laufen könnte. Was sagen Sie nach dem 8. Spieltag der Regionalliga zum SV Babelsberg?

Naja, unsere Auswärtsbilanz ist natürlich nicht erfreulich. Wir haben gute Spiele gemacht und gezeigt, dass wir ein Spiel auch bestimmen können, auch wenn es mitunter nur eine Halbzeit wirklich überzeugend war. Auswärts konnten wir das leider nicht mit Toren belohnen. Mein Anspruch ist immer, oben mitzuspielen – und das Potenzial haben wir auch. Daher finde ich es schade, dass wir derzeit auf Rang zehn stehen.

Was braucht es, um dieses Potenzial abzurufen und auszuschöpfen?

Vielleicht eine Siegesserie. Wir können jetzt damit anfangen. Man spielt sich dann, so was es zumindest in Neustrelitz in der letzten Saison so, in einen Rausch und schwimmt auf einer Welle, die einen auch lange tragen kann. In Neustrelitz waren es 13 Siege hintereinander. Davon haben wir viel gelebt. Es war nicht unbedingt die individuelle Klasse, sondern die Gemeinschaft. Und die haben wir hier in Babelsberg auch, das stimmt durch und durch. Dafür, dass wir hier neu zusammengewürfelt sind, zeigen wir echt attraktiven Fußball.

Sie haben schon zu Saisonbeginn die Mentalität der Mannschaft gelobt, den Zusammenhalt und den guten Charakter. Woran machen Sie das fest – vielleicht auch verglichen mit Ihren Erfahrungen, die sie mit anderen Mannschaften gemacht haben?

Ich vergleiche es etwas mit meiner Zeit in Siegen, wo ich zwei Jahre gespielt habe. Dort wurde eine Mannschaft zusammengekauft und überhaupt nicht darauf geachtet, wie die Spieler miteinander harmonieren. Auch in der Folge wurde darauf kein Wert gelegt. Da hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht – und so haben wir auch Fußball gespielt. Von den 25 Spielern, die im Kader waren, habe ich heute noch zu einem Kontakt, das sagt viel aus. Hier in Babelsberg ist das komplett anders. Ich hatte vorher durchaus meine Gedankenspiele: Ich komme aus jetzt Neustrelitz, wo wir eine meisterliche Saison gespielt haben, ich selbst aber keine einfache Zeit hatte, weil ich nur wenig Einsätze bekam. Da war ich mir nicht sicher, wie ich hier aufgenommen werde, auch wenn das vom Vorstand und der sportlichen Leitung alles sehr positiv war. Aber entscheidend ist, wie einem in der Kabine begegnet wird. Und da hat mich keiner nach meiner letzten Saison beurteilt. Die Kollegen haben sich einen Eindruck auf dem Platz geholt. Hier ist kein Spinner dabei. Es gibt keine Störfaktoren, dass jemand zu spät zum Training kommt oder aus der Reihe tanzt. Das hat mich von Anfang an extrem begeistert. Hier sind junge Leute, die ernsthaft an sich arbeiten, um vielleicht einen weiteren Schritt zu gehen. Erst Mittwoch gab es eine witzige Situation. Da gingen die Leute raus zum Training – eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Beginn und ein Mitspieler meinte: „Ey, letzte Saison hätten sie mich noch für bescheuert erklärt, eine halbe Stunde vorm Training schon rauszugehen."

Als Verteidiger erleben Sie das Spiel meist vor und neben sich. Wo denken Sie: Hey, gut so!" Und was lässt Sie eher fluchen?

Läuferisch kann ich keinem unserer Spieler was streitig machen. Und die Defenisivarbeit der gesamten Mannschaft ist sehr gut. Was wir bei eigenen Ballbesitz machen, das Passspiel und die kreative Spielgestaltung, hat schon eine gute Qualität. Mitunter will der eine oder andere Spieler noch zu viel, was auch zu taktischen Undiszipliniertheiten führt. Natürlich muss unsere Abschlussstärke noch besser werden, aber das beginnt schon beim Kreieren von Chancen. Wir müssen uns noch mehr einfallen lassen, um wirkliche Torchancen herauszuspielen.

Sie selbst haben die letzten Spiele trotz einer Muskelverletzung gespielt. Was ist das als Sportler für ein Abwägen und dann trotzdem aufzulaufen - vielleicht auch gegen die Vernunft ?

Mein Ziel ist immer, so viele Spiele wie möglich über 90 Minuten zu bestreiten. Ich will schlicht die meisten Einsatzminuten haben – weil ich die Leistung gebracht habe und weil ich fit war. In einer Situation wie jetzt, ist das natürlich nicht vernünftig. Wenn man die Diagnose eines Muskelfaserrisses bekommt, sollte man dem ärztlichen Rat nach einer Pause folgen. Aber das ist nicht einfach, wenn man mir zu spüren gibt, dass man auf mich baut und mich braucht, vor allem, weil ich genau dieses im letzten Jahr nicht hatte. Das hat man bei der Abwägung durchaus im Kopf. Und ich weiß, dass ich mit meiner Art und Lautstärke der Mannschaft helfen kann.

Sie sind mit 27 Jahren so etwas wie einer Fußball-Reisender; Babelsberg ist im Männerbereich Ihre achte Station …

… ja, es sind schon einige, was nicht immer zur Zufriedenheit geführt hat …

… und was vermutlich nicht an Ihrer Reiselust und Neugierde auf neue Städte liegt?

Nein, das war es natürlich nicht. Man will irgendwann den Sprung schaffen und auch irgendwo zu Hause sein. Wenn man jung ist, versucht man alles aus sich rauszuholen. Ich hab es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft … obwohl: Es ist ja schon ein Privileg, in der Regionalliga zu spielen. Aber der große Sprung ist halt nicht gelungen. Ich hatte mir in der A-Jugend bei Tennis Borussia den Knöchel gebrochen und fiel acht Monate aus. Damals hatte ich Anfragen von Stuttgart, Hamburg und Rostock, die sich mit der Verletzung aber erledigt hatten.

Sie haben in Babelsberg einen Zwei-Jahresvertrag. Wie groß ist die Chance, dass der SVB Ihre fußballerische Heimat wird?

Das ist definitiv in meinem Hinterkopf. Ich denke, dass Babelsberg ein Verein ist, der mittelfristig die Perspektive hat, wieder höherklassig zu spielen. Wenn man die Möglichkeit, die man hier hat, nicht besser nutzt … welcher Verein will es dann machen: Meuselwitz? Halberstadt? Aber Babelsberg! Ich freue mich, wieder in meiner alten Heimat zu sein, ich bin ja gebürtiger Berliner. Ich weiß nicht, ob ich mit 27 Jahren noch einmal so stark in den Fokus anderer, höherklassiger Vereine rücken werde. Die Hoffnung habe ich natürlich, das wird immer mein Traum bleiben. Aber Babelsberg ist eine super Adresse, die irgendwann wieder in der Dritten Liga zu finden sein wird.

Das Gespräch führte Peter Könnicke

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