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  • 26.07.2014

„Ich wollte nicht mehr nur dabei sein“

180 Kilometer Rad: 4:15:16 Stunden.

Die Triathlon-Karriere von Nils Frommhold begann in Potsdam. Nach seinem zweiten Platz beim Klassiker in Roth ist er in der Weltspitze angekommen, beim Ironman auf Hawaii zählt er zu den Favoriten. Dabei schien seine Laufbahn schon fast beendet

Herr Frommhold, „Wie geht's?“ ist ja oft leicht dahingefragt, aber es ist völlig ernst gemeint: Wie geht es Ihnen sechs Tage nach dem Ironman in Roth, einem der härtesten Triathlonwettkämpfe der Welt und nach acht Stunden Höchstleistung unter glühender Sonne?

Relativ gut. Klar, die ersten zwei, drei Tage hatte ich schon kräftigen Muskelkater. Und als ich am späten Dienstagabend nach Hause und endlich zur Ruhe kam, hat am nächsten Tag mein Körper gestreikt. Da habe ich dann schon gemerkt, dass die letzte Woche nicht nur physisch, sondern auch psychisch ganz schön anstrengend war. Da habe ich dann den ganzen Tag nichts machen können, weil es mir tatsächlich schlecht ging. Inzwischen geht es mir wieder sehr gut. Der Körper braucht noch seine Zeit und ich gebe mir noch eine Woche, bevor ich wieder mit dem Training beginne.


Nils Frommhold (27) wurde in Berlin geboren und lernte das Triathlon-Abc in Potsdam. 2008 wurde er 7. bei den U23-Weltmeisterschaften auf der Kurzdistanz. Seit 2012 ist Frommhold auf der Langstrecke unterwegs, gewann im gleichen Jahr den Ironman in Arizona und in diesem Jahr in Südafrika und landete bei stark besetzten Rennen über die Mitteldistanz in den USA, Mexiko oder Luxemburg auf dem Podest. Zuhause ist der Profi inzwischen in Freiburg. Am vergangenen Sonntag wurde er bei dem mit Weltklasse-Triathleten besetzten Ironman in Roth in einer Zeit von 8:00:39 Stunden Zweiter.


Also ist jetzt Zeit, um ein paar Dinge nachzuholen, die in der langen Vorbereitungszeit vernachlässigt wurden?

Ja, das gehört dann auch einfach dazu. Am Dienstag gab es in Roth die bekannte Helfer-Party, bei der man sich auch mal zwei, drei Bier gönnt. Gerade Dinge, die ich in den Wochen vor Roth nicht gemacht habe, hole ich jetzt nach: Freunde treffen, ausschlafen, beim Essen auch mal sündigen.

Sachen, die man nicht macht, ist ein gutes Stichwort: Freizeitsportlern wird empfohlen, sich bei Hitze nicht zu viel zu bewegen. Sie sind in Roth unter glühender Sonne 3,8 Kilometer geschwommen, 180 Kilometer Rad gefahren und einen Marathon gelaufen – in einem Tempo, wie es nur wenige Triathleten auf der Welt können. Wie funktioniert das? Warum können Sie das?

Es kommt bei uns Triathleten ja häufiger vor, dass wir unter solchen Bedingungen trainieren und Wettkämpfe bestreiten. Aber man muss dafür schon eine Strategie entwickeln und sich vorher mit der Frage beschäftigen, wie man den Körper runterkühlt. Gerade bei den Langdistanzen wie bei einem Ironman ist das ein wichtiges Thema. In Roth hatte ich ein Helferteam an der Strecke, das mir alle zwei bis vier Kilometer Eiswürfel gegeben hat, die ich unter meine Mütze stecken konnte. Das war eine unglaubliche logistische Leistung des Teams, wofür ich sehr dankbar bin. Zudem hatte ich eine Mütze, die die Feuchtigkeit länger speichern und somit auch länger kühlen kann. Und klar, ich habe viel getrunken, mich ständig mit Wasser übergossen. Manchmal bekommt man das aber auch nicht so gut hin, dann ist es zu viel und überfordert einen. In Roth aber hat es geklappt, dass ich mich immer in meiner Wohlfühlzone bewegt habe.

Das ist natürlich schwer zu vermitteln, wo beim Ironman die Wohlfühlzone ist ...

... in der es dennoch ganz schön weh tut.

Woran und wann haben Sie in Roth gemerkt, dass es ein richtig guter Tag ist und Sie etwas riskieren können?

Eigentlich habe ich es schon zehn Tage vor dem Wettkampf gespürt. Ich bin auf dem Rad die letzte Trainingseinheit gefahren – drei Stunden im Wettkampftempo mit 42km/h. Da habe ich gemerkt, dass im Vergleich zu meinem letzten Ironman im April in Südafrika, den ich gewinnen konnte, noch einmal was passiert ist und ich noch einmal auf einem neuen Niveau bin. Da wusste ich, dass ich auf dem Rad was riskieren kann. Und im Rennen war es tatsächlich so, dass es mir schnell supergut ging und ich bei Kilometer 50 ohne Probleme eine Lücke zu einem Ausreißer zufahren konnte. In dem Moment stand nur noch die Frage, wann ich angreife. Ich dachte, das letzte Drittel ist das interessanteste, weil da die meisten energetisch Probleme bekommen und sich die Spreu vom Weizen trennt. Daher war es eine Attacke, die von langer Hand geplant war. Nicht geplant war, dass ich es allein mache.

Bis elf Kilometer vor dem Ziel lagen Sie allein in Führung. Was ging in Ihnen vor, als Sie kurz vor Schluss vom späteren Sieger Timo Bracht noch überholt wurden?

Wenn man vier Stunden an den Sieg glaubt und denkt, man kann es wirklich schaffen, dann ist es natürlich brutal. Auf der Laufstrecke war bis zum Halbmarathon alles im grünen Bereich. Nach Kilometer 25 hatte ich einen kleinen Hänger und den hat Timo richtig ausgenutzt. Da kurz bevor er mich überholt hat ein Wendepunkt war und ich ihn gesehen habe, konnte ich mich schon etwas darauf vorbereiten. Er war zu dem Zeitpunkt einfach stärker. Am Ende kann ich gut mit dem zweiten Platz leben. Ich habe damit viele überrascht und es wäre vielleicht zu perfekt gewesen, wenn ich gewonnen hätte. Ich werde von der Erfahrung profitieren: Gerade da, wo es richtig hart wird, muss ich noch an mir arbeiten, um am Ende zu gewinnen.

Sie hatten in Roth die beste Schwimmzeit, sind also auch im Wasser einer der Stärksten. Das war nicht unbedingt abzusehen, nachdem Sie als Kind Ihre Seepferdchenprüfung wiederholen mussten?

(lacht) Es ist ja heute zu sehen, wozu es gut war, dass ich mich anstrengen und es mehrmals versuchen musste. Ich habe ja dennoch Gefallen am Schwimmen gefunden, habe als Kind beim Zehlendorfer TSV einige Jahre Schwimmen trainiert. Das hilft mir heute beim Triathlon natürlich ungemein.

Sie waren von 2006 bis 2010 beim Triathlon Potsdam e.V. Welche Bedeutung hat diese Station innerhalb Ihrer Karriere?

Potsdam ist mein Ursprung, hier sind meine Triathlon-Wurzeln. Unter Ron Schmidt als Trainer habe ich erlebt, was es heißt, professionell Sport zu treiben, das Training aufzubauen und Wettkämpfe vorzubereiten. Gerade weil ich in Potsdam auf der Kurzdistanz den internationalen Durchbruch und den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft habe, ist das eine Zeit, auf die ich immer wieder gern zurückblicke. Und es ist eine Zeit, in der ich viel gelernt habe, aus der ich mein Rüstzeug mitbringe und die mich prägt. Ich bin sehr dankbar dafür und deshalb ist der Triathlon Potsdam e.V. nach wie vor mein Verein, für den ich starte.

2011 war wegen eines komplizierten Schienbeinbruchs kein gutes Jahr für Sie. Doch kann die Zeit einer Verletzung viele Erkenntnisse und Erfahrungen bringen. Welche waren das für Sie?

2011 ist für mich so etwas wie ein Wendepunkt. Bis dahin war es mein Wunsch, in der Nationalmannschaft dabei zu sein und im Hinterkopf war natürlich der Traum von Olympia. Doch wenn man nicht mehr das machen kann, was man unbedingt will und Ärzte dir abraten, weiter so intensiv Sport zu machen, weil sie daran zweifeln, dass du überhaupt noch professionell Sport treiben kannst, ist es ein unglaubliches Gefühl, wieder zurückzukommen. Ich war voller Dankbarkeit, wieder das zu machen, wozu ich am meisten Lust habe. Andererseits spürte ich nach der Verletzung, dass ich was Neues, eine andere Herausforderung brauchte, die ich auf der Langdistanz dann auch gefunden habe. Mit dem Wechsel ist auch in mir etwas passiert. Wenn ich früher nur dabei sein wollte – in der Nationalmannschaft, in der WM-Serie – war das nun anders. Mit meinem ersten Ironman in Arizona, den ich gleich gewinnen konnte, änderte sich das: Ich wollte vorne mit dabei sein, möglichst gewinnen. Seitdem trägt mich das. Ich bin in Rennen vielmehr bereit, ein Risiko einzugehen und aktiver meine Chancen zu suchen. Frührer hätte ich bei einem Rennen wie in Roth abgewartet, vielleicht zu lange, und dann wäre am Ende nicht das Maximum rausgekommen. Jetzt kann ich sagen, dass ich alles reinlegt habe, was ich hatte, dass ich ein cooles Rennen gemacht und von einem Stärkeren geschlagen wurde.

Die Ironman-Krönung sind die World Championships auf Hawaii. Im Oktober sind Sie zum ersten Mal dabei und nach Roth heißt es nun: Ob Nils Frommhold will oder nicht – er gehört dort zum engeren Favoritenkreis. Die Rolle haben Sie sich gewünscht, oder?

Ja, klar. Roth zählt ja zu den ein, zwei Rennen, die nach Hawaii mit der absoluten Weltklasse besetzt sind. Wenn man viele von den Top-Athleten hinter sich lässt, ist man kein Unbekannter mehr. Aber ich sehe Hawaii als das Rennen, mit dem ich wachsen will. Das wird kein Selbstläufer, dort herrschen noch einmal ganz andere Bedingungen und ein ganz anderes Flair. Und damit muss ich erst einmal zurechtkommen. Man kann nicht einmal nach Hawaii fahren und die Sache abschließen. Man muss viele Male wieder kommen, um dann vielleicht ein optimales Rennen zu machen. Das ist genau die Aufgabe, die ich mir für die nächsten Jahre stellen will.

 

Das Gespräch führte Peter Könnicke

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