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  • 11.02.2014
  • von Sebastian Stier, Paderborn

Auf der Flucht in ein neues Leben

von Sebastian Stier, Paderborn

Neues Dress, neues Umfeld, Neuanfang: Der Ex-Babelsberger Sülyeman Koc feierte am vergangenen Sonntag mit dem SC Paderborn sein Zweitliga-Debüt. Foto: Imago

Süleyman Koc hat im Gefängnis gesessen – wechselte im Winter von Babelsberg zum Zweitligisten Paderborn und sucht seine Chance

In sein neues Leben konnte es für Süleyman Koc gar nicht schnell genug gehen. Mit 210 Stundenkilometern brettern er und ein Freund über die Autobahn Richtung Paderborn. Das Gaspedal stets am Anschlag. Bloß weg aus Berlin. 400 Kilometer in zweieinhalb Stunden. Wie auf der Flucht.

Geschwindigkeit hat immer schon eine Rolle gespielt im Leben von Süleyman Koc. Auf dem Fußballplatz ist sie sein großer Trumpf. Mit 1,75 Metern ist er den meisten Gegenspielern trotz seiner kräftigen Statur körperlich unterlegen. Wenn Koc, 24 Jahre alt, allerdings zum Tempodribbling ansetzt, können sie ihn nicht stoppen. Im Privatleben war Geschwindigkeit noch wichtiger. Als Fahrer einer kriminellen Bande ging es um Sekunden. Dann musste Koc mit dem Fluchtauto noch schneller weg sein als auf dem Rasen.

Zwei Monate lang ging das so, dann wurden Koc und die anderen eines Morgens von der Polizei überrascht. Ende 2011 folgte die Verurteilung. Wegen schweren Raubes wurde Koc zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Elf Monate saß er in Untersuchungshaft, im März 2012 kam er gegen Kaution frei. Anschließend ging es in den offenen Vollzug. Bei der Verhandlung erfuhr die Öffentlichkeit, mit welcher Brutalität die Angeklagten vorgegangen waren, als sie Anfang 2011 in Moabit und Wedding Cafés und Spielcasinos überfielen. Angestellte wurden mit Eisenstangen, Samuraischwertern oder Macheten bedroht. Einem Kellner wurde der Kopf mit einem schweren Aschenbecher aus Glas blutig geschlagen. Der Boulevard taufte die Gruppe „Machetenbande“. Neben Koc war auch Guido Kocer dabei, der inzwischen für Erzgebirge Aue spielt. Kocer entging einer Verurteilung. Koc nicht. Der war im Gegensatz zu Kocer nicht nur ein Mal, sondern sieben Mal als Fahrer an den Überfällen beteiligt.

Kein Wunder, dass Koc mit dieser Vergangenheit ein starkes Medieninteresse hervorruft, als er im Januar beim SC Paderborn vorgestellt wird. Seit dem 1. Januar ist er offiziell aus der Haft entlassen. Fußball spielt er schon länger wieder. Nun steht der junge Mann in den Katakomben der Paderborner Arena. Äußerlich versucht er locker zu wirken, aber sein kindliches Gesicht mit den weichen Konturen und die braunen Augen verraten Anspannung. Koc muss sich fühlen, als würden hundert Messer in seiner Brust stecken.

Gut 30 Journalisten warten auf ihn. Radio- und Fernsehanstalten haben ihre Mitarbeiter gesandt. Ungewöhnlich viel Rummel für einen, der aus der vierten Liga vom SV Babelsberg kommt und nur 65 000 Euro Ablöse gekostet hat. Aber um Sportliches geht es nur am Rande.

Koc, kurze schwarze Haare, schwarzes Sweatshirt, blaue Jeansjacke, blaue Jeanshose, soll sich erklären. Er soll über seine Vergangenheit sprechen, sagen, dass ihm das alles leidtut und er jetzt ein neuer Mensch ist. Einer, der nach vorn blickt.

Bei Koc verursacht die Situation Unwohlsein. Er wird in seinem Stuhl immer kleiner, lässt die Schultern hängen und erzählt etwas davon, dass Paderborn eine schöne Stadt sei und er die Chance als Profifußballer nutzen wolle. Sätze, die wie auswendig gelernt klingen. Während er spricht, schaut er meist geradeaus. Sein Blick ist leer, seine Augen suchen Halt an den weißen Wänden. Doch da ist kein Halt. „Das ist gar nicht mein Ding“, sagt er hinterher mit leiser Stimme und ruhigem Tonfall. So spricht Süleyman Koc. Leute, die ihn kennen, beschreiben ihn als stets höflichen, zurückhaltenden Mann.

Ob das Profigeschäft und die überdrehte Medienwelt womöglich auch nicht sein Ding sind? „Ich will es hier schaffen“, sagt Koc.

Paderborn ist für ihn die Chance, sein Leben in den Griff zu kriegen. Zum ersten Mal ist er richtig weg aus Berlin. Weg von seiner Familie, seinen Freunden und seiner Freundin, die in Potsdam studiert. „Das ist gut, dann kann ich mich nur auf Fußball konzentrieren“, sagt Koc. In Berlin ging das nicht.

Um sein Leben in Berlin zu verstehen, muss man mit Süleyman Koc durch Moabit fahren. Ein Jahr ist das jetzt her. Koc spielt noch für Babelsberg. Das Auto hat ihm ein Mitspieler geliehen. Die Mannschaft befindet sich im Trainingslager in der Türkei, aber Koc darf nicht mit. Er muss sich jeden Abend in der Justizvollzugsanstalt melden. Es ist dunkel, auf den Straßen wimmelt es von Menschen, Autos drängeln sich durch den Feierabendverkehr. „Ich mag das, hier ist immer was los“, sagt Koc. An einer Ampel hält er neben einem schwarzen Mercedes mit verdunkelten Scheiben. Draußen sind Minusgrade, Koc trägt eine dicke Jacke und eine schwarze Wollmütze, aber der Fahrer im Auto neben ihm ist nur im T-Shirt unterwegs. Seine muskulösen Oberarme und der Goldschmuck am Hals und an den Unterarmen kommen so besser zur Geltung. „Siehst du den Typen?“, fragt Koc. „Der ist Drogendealer.“ Minuten später, ähnliche Situation, ähnlicher Typ im Auto. „Der verdient sein Geld mit Mädchen.“

Koc kennt rund um die Turmstraße ziemlich viele Leute. Was nicht immer von Vorteil ist. „Hey Sülo“, grüßt einer beim anschließenden Spaziergang. In einem Döner-Imbiss begrüßt er die gesamte Belegschaft mit einem Küsschen. Der Laden gehört einem seiner Onkel. Hierher kommt er oft zum Essen. So wie früher, wenn er mit seinen Kumpels auf der Straße gekickt hat.

Da war er der King. Sein schneller Antritt, sein Spielverständnis und sein beneidenswertes Gefühl in den Beinen unterscheiden ihn schon früh von seinen Freunden. Noch heute sind seine auf der Straße erworbenen Fähigkeiten zu erkennen. Wenn er den Ball mit der Sohle mitnimmt oder einen Gegenspieler per Übersteiger ausspielt. Später wird er beim Berliner AK und bei Türkiyemspor Berlin zu einem offensiven Mittelfeldspieler ausgebildet. Vier bis fünf Trainingseinheiten pro Woche halten ihn davon ab, Dummheiten zu machen. Koc will immer Fußballprofi werden. Was erreichen im Leben. Etwas, worauf er stolz sein kann. Aus seinem Umfeld hat niemand diesen Willen. Erst recht nicht Sedat, sein jüngerer Bruder. „Ein talentierterer Fußballer als ich“, sagt Süleyman Koc. „Aber er hat das Training nie so ernst genommen. Irgendwann hat er nur noch mit seinen Freunden rumgehangen.“

Und irgendwann hängt diese Meute bei Süleyman Koc in der Wohnung in Potsdam herum. Wenn er morgens zum Training fährt, kommen sein Bruder und dessen Kumpels nach Hause. Geht er abends ins Bett, ziehen die anderen los. Er ahnt, dass sie krumme Dinger drehen. Sagen will er nichts, auch wenn ihn ihre ständige Anwesenheit nervt.

Er hätte dafür „nein“ sagen müssen. Und: „Ich will euch hier nicht haben.“ Einfach nur: „nein“. Aber Süleyman Koc hat nie gelernt, Nein zu sagen. In seiner Familie hatte er keine eigene Stimme. Koc hat in seinem autoritären Elternhaus nur gelernt, zu allem Ja zu sagen. Gerade zu seinem strengen Vater. Von dem gab es auch mal Schläge. Trotzdem vergöttert er seinen Vater. Auf Süleymans Unterarm ist dessen Name eintätowiert: Yasar.

Hat er die Bande nur deshalb nicht rausgeschmissen weil er so streng erzogen wurde und nicht Nein sagen konnte? „Es ging nicht. Mein Bruder war zu Hause rausgeflogen, er hatte ständig Krach mit meinem Vater und keine Bleibe. Sollte ich ihn auf die Straße setzen?“, fragt Koc. Für ihn eine rhetorische Frage. Nie hätte er Sedat wegschicken können. Sedat pumpte Süleyman oft um Geld an. Als das nicht mehr reichte, kamen Sedats Freunde. Sie fragten ihn, ob er nicht mal mitkommen wolle, wenn sie abends loszögen. Als Süleyman ablehnte, sagten sie: „Du willst doch auch, dass es deinem Bruder gut geht. Dass er Geld hat und nicht auf der Straße sitzt. Es kommt auch niemand zu Schaden.“ Koc sagte nicht Nein.

Anfangs kam auch niemand zu Schaden. Zumindest nicht körperlich. Koc wartete im Auto, wenn die Bande Geld in Casinos und Spielhallen erbeutete, und fuhr los, sobald alle zurück waren. Insgesamt kamen in zwei Monaten rund 50 000 Euro zusammen. Seinen Anteil gab er stets seinem Bruder. Koc hatte genug Geld, in Babelsberg verdiente er zwischen 2000 bis 3000 Euro netto. Er ahnte nicht, dass sie längst überwacht wurden. Eines Morgens stand die Polizei vor der Tür. Die Bande wanderte in Untersuchungshaft, und Süleyman Koc ging mit. Sein Traum vom Fußballprofi löste sich in diesem Moment in Luft auf.

Aber daran dachte er nicht. Er dachte nur, was wohl sein Vater sagen würde.

Diese Schande.

Tatsächlich tut sich der Vater anfangs mit der Situation schwer, am Ende aber hält er zu seinem Sohn, genau wie der Rest der Familie. Im Knast helfen Süleyman die Kontakte seiner Familie. Insassen, die seine Onkel und seinen Vater kennen, schützen ihn vor Übergriffen. Vor sich selbst können sie Süleyman aber nicht schützen. Aus Frust stopft der alles in sich rein, was er kriegen kann. Nach einem halben Jahr ist aus dem Modellathleten ein übergewichtiger Kloß mit 106 Kilogramm Körpergewicht geworden. Dazu schluckt er Schlaftabletten. Essen, schlafen, Liegestütze – so sieht sein Tag aus.

Als Koc Freigänger wird, muss er zuerst die überflüssigen Pfunde loswerden, ehe er wieder beim SV Babelsberg einsteigen kann. Kocs Verurteilung ist für den Klub kein Grund, ihn rauszuschmeißen. Babelsberg kann im Abstiegskampf der Dritten Liga nicht auf ihn verzichten. In Paderborn ist das anders, aber Koc könnte sich für den Klub noch als Schnäppchen erweisen.

Wilfried Finke wird ganz euphorisch, wenn er über Koc spricht. Der Präsident des SC Paderborn sagt, dass es sich um „einen sehr netten, ausgeglichenen Menschen handelt, der in der Vergangenheit Dummheiten gemacht hat“. Dummheiten klingt niedlich. Wie ein Lausbubenstreich. „Ich sehe die Aufgabe eines Fußballklubs auch darin, Menschen, die einen Fehler gemacht haben, eine zweite Chance zu geben“, sagt Finke.

Als Koc im Gefängnis saß, haben Mitspieler ihm Briefe geschrieben. Darin stand, wie sehr sie ihn vermissten. Das tat gut. Seine Psyche bereitete Koc trotzdem Probleme. Bei Auswärtsspielen riefen die gegnerischen Fans: „Da ist der Räuber“, Koc wollte hinschmeißen. Der Babelsberger Trainer, seine Familie und ein Psychologe stimmten ihn um. Koc hatte sich schon während seiner Inhaftierung in professionelle Hilfe begeben. Er wollte vor allem lernen, Nein zu sagen. „Das ist mir gelungen. Ich habe jetzt viel mehr Selbstbewusstsein“, sagt er nach der Pressekonferenz in Paderborn. Dann erzählt er die Geschichte von der Hinfahrt. Dass sie geblitzt worden sind und er zum Glück nicht gefahren ist. Süleyman Koc wusste, dass die Raserei eine Dummheit ist. Nein gesagt hat er dazu nicht.

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