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  • 18.11.2013
  • von Lars Spannagel, Sotschi

Planieren unter Palmen

von Lars Spannagel, Sotschi

Als die Münchner gegen Olympia stimmten, meinten sie auch Sotschi. Der russische Kurort, der komplett umgebaut wird, ist der Inbegriff des Gigantismus. Ein Besuch beim Bau

Von Schnee ist noch keine Spur zu sehen, die Lawine rollt aber schon lange. Jeden Tag schleppt sie sich noch vor Sonnenaufgang den Berg hinauf. Stoßstange an Stoßstange quälen sich Autos, Busse und Lastwagen vom Schwarzen Meer zu den Gipfeln des Kaukasus empor. Scheinwerfer erhellen die Nacht, Motoren vertreiben die Stille, Dieselabgase verpesten die Bergluft. Gut 80 Tage werden noch vergehen, bis die Olympischen Winterspiele 2014 eröffnet werden, bis dahin ist noch viel zu tun. Aber in Sotschi und Umgebung ist Olympia schon seit Jahren unterwegs, unaufhörlich, unaufhaltsam.

Seitdem Sotschi im Sommer 2007 den Zuschlag für die Winterspiele bekam, gilt die südrussische Stadt als das wohl abschreckendste Beispiel dafür, was aus der olympischen Idee geworden ist. Als vor einer Woche die Bürger von München, Garmisch-Partenkirchen, Traunstein und Berchtesgaden gegen eine Bewerbung für Olympia 2022 votierten, hatten sie auch Sotschi im Kopf. Und all jene Auswüchse des modernen Sports, die man in Deutschland mit dem Namen der 450 000-Einwohner-Stadt verbindet: Gigantismus, Korruption, Umweltzerstörung, Propaganda. Allein Sotschis Lage in den Subtropen und der Traum der russischen Organisatoren von „Winterspielen unter Palmen“ ließ viele fassungslos den Kopf schütteln.

In Sotschi lebt dieser Traum, er ist überall sichtbar. Auf riesigen Plakaten wirbt das Foto einer blonden Snowboarderin für die Spiele, im Bikini und mit Fellmütze auf dem Kopf saust sie einen schneebedeckten Hang hinab, einem Palmenstrand entgegen. Hinter den Plakaten ist meist eine Baustelle verborgen. Das Stadtbild wird dominiert von Absperrungen, Staub und Lärm. An der Schranke zum Olympischen Dorf, ein paar Meter vom Schwarzmeerstrand, stauen sich LKW, Baumaschinen und Busse, die Beton, Rollrasen und Arbeiter anliefern. Gleich hinter den Unterkünften der Athleten soll ein Yachthafen entstehen, eine Planierraupe kippt Felsbrocken ins Wasser. 24 Stunden am Tag wächst der Kai ins Meer, auch in finsterer Nacht. Angesichts der Umwälzung erscheint es unglaublich, dass in Sotschi Einigkeit herrscht: Jetzt, so kurz vor den Spielen, sei alles schon viel erträglicher. In den vergangenen Jahren seien die Bauarbeiten noch viel schlimmer gewesen. Die ganze Stadt stand im Stau, drei Stunden benötigte man für die 25 Kilometer lange Fahrt zwischen dem Zentrum und dem Ortsteil Adler, wo heute der Olympia-Park mit vielen Sportstätten steht.

Schon 2007 konnte man erahnen, was auf Sotschi zukommen würde. Die Bewerbung der Russen wurde damals von der Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees deutlich schlechter eingeschätzt als die Konkurrenten Salzburg und Pyeongchang. Sotschi konnte keine einzige olympiataugliche Sportstätte vorweisen, den Zuschlag erhielt die Stadt trotzdem. Seitdem sind 14 neue Sportstätten errichtet worden, ein Flughafen, eine Bahnstrecke, vier Ski-Orte, 150 Pisten, mehr als 40 Hotels mit 40 000 Betten, unzählige Kilometer an Straßen und Stromleitungen. Hinzu kommen eine Formel-1-Strecke und ein gigantischer Freizeitpark, beides direkt neben dem Olympiagelände.

Die Kosten für all das sind auf schätzungsweise 40 Milliarden Euro geklettert, damit werden die Winterspiele von Sotschi rund zehnmal so teuer sein wie die 2010 in Vancouver. Die 17 Wettkampftage und 98 zu vergebenen Goldmedaillen sind allerdings nur Anlass für Sotschis Verwandlung – und nicht ihr Hauptbeweggrund. Aus dem traditionellen Kurort und beliebtesten Sommerreiseziel der Russen soll ein modernes Urlaubsparadies für alle Jahreszeiten werden.

Bei den Olympia-Organisatoren macht man aus diesem Antrieb auch überhaupt keinen Hehl. „Das Konzept der Stadt hat sich verändert“, sagt Zhanna Grigorjewa, die im Rathaus von Sotschi die Direktion Realisierung der Olympischen Spiele leitet. „Jetzt entspricht Sotschi dem modernen Menschen und dem modernen Russland.“ Die Direktorin hat auch neueste Umfragewerte parat: Demnach sollen 62 Prozent der Bevölkerung die Spiele positiv bewerten. Laut Grigorjewa werden sich die restlichen 38 Prozent sicher der Mehrheit anschließen, sobald die Bauarbeiten beendet sind. Ob das stimmt, lässt sich kaum nachprüfen: Wer im Rathaus nach Kritik, Korruption oder Umweltzerstörung fragt, darf nicht auf erhellende Antworten hoffen. Für die ablehnende Haltung der Münchner hat Zhanna Grigorjewa jedenfalls nur wenig Verständnis: „Die Bewohner von Sotschi hätten so etwas nie getan.“

Während sich die Bayern Olympia eindeutig verweigern, ist die Stimmung am Schwarzen Meer schwerer zu deuten. Die anfängliche Begeisterung ist einer gewissen Ermüdung gewichen. Man ist stolz darauf, dass die ganze Welt bald nach Sotschi schaut, hofft auf wirtschaftlichen Aufschwung – und ist gleichzeitig frustriert, weil sieben Jahre Bauarbeiten jede Stadt zermürben und die neuen Hochhäuser den Charakter des Kurorts zerstören.

Alexander Walow, der den einflussreichsten Blog der Stadt betreibt, hat verfolgt, wie sich die Stimmung entwickelt hat: „Der Enthusiasmus ist geschrumpft. Niemand hat damit gerechnet, dass es so viele Baustellen geben würde, dass es so schwierig sein könnte.“ Der 29-Jährige trägt beim Treffen in der Innenstadt zwar ein knallbuntes T-Shirt aus der offiziellen „Sotschi 2014“-Kollektion, in seinen Blogeinträgen setzt er sich aber kritisch mit den Olympischen Spielen auseinander. Er ist sich sicher: „Die Menschen in Sotschi verstehen jetzt, dass diese Spiele nicht für sie stattfinden. Es sind Spiele für Wladimir Putin und irgendwelche Leute, die damit Geld verdienen.“

Noch lässt sich nicht absehen, ob die Bürger Sotschis nicht doch von Olympia profitieren werden. Es gibt etliche neue Jobs in den Hotels und den in die Berge gestampften Ski-Orten Krasnaja Poljana und Rosa Khutor, wo Biathleten, Bobfahrer und Snowboarder um Medaillen kämpfen werden. Der Boom soll zum Dauerzustand werden, es wird alles dafür getan, russische Touristen auch nach Olympia in die Region zu locken. Deshalb werden auch die Zimmer im Olympischen Dorf nach den Spielen in Ferienapartments umgewandelt. Die Musterwohnung kann man schon jetzt besichtigten, komplett mit Kinderzimmer, gedecktem Esstisch und Terrasse mit Meerblick. Für rund 3500 Euro pro Quadratmeter kann der Traum von Wintersport und Palmenstrand wahr werden: Mit dem Flugzeug braucht man von Moskau zwei Stunden nach Sotschi, die neue Bahnstrecke wird die Touristen in 30 Minuten vom Meer zum Skilift befördern.

Aber was passiert mit Sotschi wirklich nach den Spielen? Wer wird in all den Hotelbetten schlafen? Ist die Natur des Kaukasus irreparabel zerstört? Wie man sich diesen Fragen nähert, kommt auch auf die Perspektive an. Um die olympischen Sportstätten zu besichtigen, muss man sich einer offiziellen Bus-Tour des Organisationskomitees anschließen. Die alte Straße in die Berge, wo sich morgens die LKW stauen, verläuft parallel zu einem Flusstal, durch das die noch nicht ganz fertige neue Schnellstraße und die Bahntrasse getrieben wurden. Die Betonpfeiler sind in das Flussbett gerammt, wie es hier früher aussah, ist nicht mal mehr im Ansatz zu erkennen. „Wenn sie auf der rechten Seite aus dem Fenster schauen, sehen sie unsere neue Eisenbahnbrücke“, erklärt einer der jungen Mitarbeiter des Organisationskomitees. „Wunderschön.“

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