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  • 11.04.2013
  • von Peter Könnicke

In Babelsberg ist der Ball bunt, die Welt offen und ein Platz voller Träume

von Peter Könnicke

Heiße Stimmung. Beim Testspiel im vergangenen Jahr gegen den befreundeten FC St. Pauli wurde auch wieder einmal Pyrotechnik gezündet. Die Fans beider Vereine verstehen sich gut – vor allem in politischen Belangen. Foto: Jan Kuppert

Kiez-Verein und Karl-Liebknecht, David gegen Goliath, Werte und Kommerz: Warum Fußball beim SV Babelsberg 03 etwas von Kult hat

Kultvereine gibt es scheinbar wie Sand am Meer. Von der Bundesliga bis in die Niederungen des deutschen Fußballs schmückt das Kult-Label Klubs und Vereine. Fußball schlechthin ist Kult: Trotz seiner gigantischen Kommerzialisierung lebt der Fußball von der weltweiten Verehrung seiner Anhänger – für das Spiel im Allgemeinen und für Spieler, Trainer, Manager, Schiedsrichter, Stadien, Reporter, Derbys, Klassiker, Vereine im Besonderen.

Auch Fußball in Babelsberg ist Kult, heißt es. Gern wird der SV Babelsberg 03 mit dem FC St. Pauli verglichen, der für ein Lebensgefühl voller Leidenschaft, Rebellion und Weltoffenheit und politisch links steht. 2005 posierten St.-Pauli-Spieler während eines Trainingslagers in Havanna vor dem Denkmal des kubanischen Revolutionsführers Che Guevara. Das nährte den Kultstatus des Hamburger Kiezklubs.

In Babelsberg ist es Karl Liebknecht, der zumindest über den Köpfen weht: Der einstige Arbeiterführer ist noch immer Namenspatron des Stadions. Mag sein, dass sich bislang nur noch kein Sponsor gefunden hat, der die Namensrechte am Stadion kauft. Aber dass das „Karli“ seinen Anteil daran hat, wenn man dem Fußball in Babelsberg Kultstatus verleiht, sollte bei allen Kauf- und Verkaufsideen klar sein.

Es ist sicher kein Merkmal eines Kultvereins, dass dessen Heimat in einem Kiezteil einer größeren Stadt ist. Berlin hat Köpenick, Hamburg hat St. Pauli und Potsdam hat Babelsberg. Doch stärkt der lokale Umstand zumindest das Bild vom „Kleinen“, der gern mal die „Großen“ ärgert. Und die Legende von „David gegen Goliath“ hat sich auf dem grünen Rasen rund um den Globus unzählige Male abgespielt. Auch in Babelsberg: Zweimal schlug der SVB als vermeintlicher Underdog den 1. FC Union Berlin nach Rückständen mit 3:2. Seither rufen die Fans, liegt der SVB 0:2 zurück: „Dreizuzwei, dreizuzwei.“ Ein Schlachtgesang im besten Wortsinn, eine Kampfeslosung für die Spieler. Ein immer wiederkehrendes Ritual, weitergegeben von einer Fan-Generation an die nächste. Und die, da damals dabei waren, lächeln selig.

Nun ist Babelsberg nicht St. Pauli und Potsdam nicht Hamburg. Es gibt mehr Unterschiede als Havel und Elbe. Und Kultstatus lässt sich nicht transportieren oder kopieren. Dort ein Fußballklub in einem Vergnügungsviertel und mit Totenkopf-Konterfei. Hier ein Verein in einem Stadtteil mit all den Umbrüchen der deutsch-deutschen Geschichte. Allein die Genese des Babelsberger Vereinsnamens dokumentiert die wechselvolle Geschichte des Fußballs in dem einst selbständigen Nowawes: Namen wie SC Jugendkraft 03, SV Nowawes, Rotation und Motor markieren Stationen des Vereins, ehe er 1991 endgültig zum SV Babelsberg 03 wurde. Der Wechsel hatte Tradition.

Auf St. Pauli leuchtet das Milieu im Rotlicht, Babelsberg galt Ende des 19. Jahrhunderts als roter Proletarierbezirk, war ein Industrie- und Gewerbestandort mit Arbeiterwohnungen. Durch seinen Aufschwung als Filmstadt wurde Babelsberg auch reich an Villen, aber bis heute sind in dem Kiez Handwerk und Gewerbe zu Hause und meist wird in Babelsberg Fußball mehr gearbeitet als gespielt und schon gar nicht inszeniert. Wenig Geld, aber viel Herz, eher dreckige Siege als glanzvolle Triumphe – das sind die Attribute von Nulldrei, wenn man so will ein immer währender Opferkult.

Die neue Vorstandsriege hat sich auf die Agenda geschrieben, den „Kultstatus“ des SV Babelsberg 03 besser zu vermarkten. Besonders herausgefordert fühlt sich dabei Regula Bathelt, Markenexpertin mit einer eigenen Werbeagentur. „Allein das Stadion hat einen besonderen Charakter“, befindet Bathelt. Tatsächlich sorgt die Lage direkt am Babelsberger Park für eine besondere Atmosphäre. Wer im späten Frühjahr von den Stehplätzen auf das frische Grün der Bäume schaut oder im Herbst auf die bunte Laubkulisse blickt, erfährt ein anderes Fußballerlebnis als etwa vor der schwarz-gelben Wand im Dortmunder Signal-Iduna-Park.

„Die Fans“, sagt Regula Bathelt, „sind anders in Babelsberg.“ Engagiert, politisch und gesellschaftlich interessiert, werteorientiert mit einem hohen Identifikationsgrad für ihren Verein. Zwar sieht Bathelt den SVB als einen „modernen Verein im Hier und Jetzt“, aber eben auch mit einem Umfeld mit und für viel Idealismus. „Daraus lässt sich ein Markenmodell entwickeln“, ist Bathelt überzeugt. Für die Unterstützung des Vereins ließen sich ihrer Meinung nach Unternehmen finden, die genauso werteorientiert agieren, die wirtschaftlich arbeiten, aber nicht ausschließlich kommerziell auftreten. „Es gibt die“, sagt Bathelt.

Zum Fußball ins „Karli“ gehen heißt auch: Über Handwerk und Geschäfte reden, über Freunde und Nachbarn, über Bekannte und Verwandte, über Arbeit und Studium, über Freude und Sorgen. 90 Minuten am Babelsberger Park sind auch immer Bier-Plausch und Kaffee-Klatsch, ein Stammtisch-Treff an der Fußballwiese. Ein Besuch am Babelsberger Park ist immer eine Mischung aus Hoffen und Bangen, Zweckoptimismus und überraschender Furore, aus Familientreff und ein bisschen französischer Revolution a la „Allez les bleus". Der Fußballplatz in Babelsberg ist auch immer ein Platz zum Träumen. Das hat zumindest Atmosphäre.

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