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SV Babelsberg 03

  • 23.05.2018
  • von Peter Könnicke und Tobias Gutsche

Nach dem Finaleklat des SV Babelsberg 03: Brandschaden in der Babelsberger Seele

von Peter Könnicke und Tobias Gutsche

Wiederholungstäter. Regelmäßig fallen Fans des SV Babelsberg 03, so wie hier beim Landespokalfinale am Montag, negativ durch das verbotene Abbrennen von Feuerwerkskörpern auf. Die Strafsumme steigt, das Ansehen schwindet. Fotos: Jan Kuppert, imago/Matthias Koch

Die Fan-Randale mit Pyrotechnik im Rahmen des Landespokalfinales stellt vieles beim SV Babelsberg 03 in Frage. Kritik gibt es aus den eigenen Reihen, von der nachdenklichen Klubführung und aus der Politik. Ministerpräsident Dietmar Woidke regt Debatte über Bestrafung von "Fußball-Rowdies" an.

Da ist etwas kaputt gegangen an diesem Abend. Vielleicht mehr, als sie glauben, mehr, als sie befürchten – in Babelsberg. Als nach der 0:1 (0:0)-Niederlage des SV Babelsberg 03 im Fußball-Landespokalfinale gegen Energie Cottbus Böller und Rauchbomben auf den Rasen flogen, wurde ein Tabu gebrochen. Der Rasen galt bislang als heilig. „Hört auf mit dem Scheiß“, rief Stadionsprecher Thoralf Hintze. Doch Dummheit ist nicht empfänglich für Vernunft.

Binnen zehn Minuten explodierten die eigenen Werte

Die Chaoten in der Nordkurve verhinderten die Siegerehrung und ein würdiges Ende eines sportlichen Wettbewerbs. Der Fußball, Anstand und Respekt, Fairness und Toleranz – alles, wofür der SVB steht, wurde mit Füßen getreten. Die Regenbogenfahne, die hinter der Nordkurve im Wind wehte, wurde zur Makulatur. „Wir haben heute nicht nur ein Pokalfinale verloren, sondern unser Gesicht, unsere Sympathie, unsere Glaubwürdigkeit“, illustriert ein Beitrag im Nulldrei-Fanforum die ganze Tragweite.

Die Brandlöcher auf dem Rasen des Karl-Liebknecht-Stadions werden verwachsen. Der Brandschaden der Babelsberger Seele wird nicht so schnell verheilen. Binnen zehn Minuten explodierten Werte und Haltung des SVB, die der Kiezklub für sich beansprucht und für die er vor Monaten deutschlandweit Respekt bekam. Von einem internationalen Medienecho begleitet warb der SVB für Vielfalt und Toleranz, als er sich mit dem Nordostdeutschen Fußballverband wegen dessen zu leichtfertigen Umgang mit rechtsradikalen Umtrieben in Fußballstadien anlegte. Die Aktion „Nazis raus aus den Stadien“ kam ins Rollen. Auslöser war auch die Partie zwischen Nulldrei und Energie – im April 2017 hatte es im Cottbus-Block Nazi-Krawalle gegeben.

Beschämende Bilder gingen raus in die Bundesrepublik

Nun trugen am Pfingstmontag Babelsberger Chaoten ihre Interpretation von friedlichem, respektvollem Miteinander vor, die alles Tun der vergangenen Monate in Frage stellt. Nein, die Böller und Raketen flogen nicht aus Enttäuschung über ein verlorenes Pokalendspiel. Es war eine geplante Inszenierung. Die anfängliche Choreografie mit dem Schriftzug „Rekordpokalsieger aus dem Kiez – Wiederholungstäter SVB 03“ wurde später für die erste Pyroeinlage des Tages zweitverwertet. Es brannte und rauchte hinter dem Banner „Wiederholungstäter“. Das sind die Babelsberger. Immer wieder auffällig mit verbotenem Feuerwerk im Stadion. Vorgestern besonders schlimm, als es nach Spielschluss Richtung Energie-Spieler und -Fans geworfen wurde. Es war ein ganz bewusster Missbrauch eines Fußballspiels im Schutz der großen Kulisse dieses Finales mit 9012 Zuschauern. Erst zum fünften Mal war das „Karli“ offiziell ausverkauft und erlebte das besucherreichste Landespokalmatch in Brandenburg aller Zeiten. Dokumentiert in einer deutschlandweiten Fernsehkonferenzschaltung der ARD. Beschämende Bilder gingen raus in die Bundesrepublik. Aus Babelsberg. Von Babelsberg.

Im Stadion hielt sich der Aufschrei der Anständigen zu sehr in Grenzen. Einige wenige auf Höhe der Mittellinie taten ihren Unmut vehement kund. Viele waren auf der Gegentribüne aber beschäftigt, mit ihren Smartphones das unwürdige Treiben zu filmen, zu fotografieren und zu posten. Social Media rief. Der Protest der Stadiongesellschaft blieb nahezu stumm. Für SVB-Präsident Archibald Horlitz ist das schwer erträglich. „Wenn das, was nach dem Spiel passiert ist, von der Mehrheit der Zuschauer toleriert und gewollt wird, stehe ich nicht dafür“, sagte er am Montagabend dem rbb-Fernsehen und sinnierte: „Vielleicht muss ich persönliche Konsequenzen ziehen.“ Seinen Vorstandskollegen geht es ähnlich.

Das Schlimmste für Almedin Civa ist das Wegschauen

Und Almedin Civa auch. Der Trainer des SVB leidet. „Ist das noch mein Verein?“, fragt sich der 46-Jährige, der seit 1999 am Babelsberger Park ist, so viele Spiele wie niemand sonst für Nulldrei gemacht hat, auf- und abgestiegen ist, nach dem Sturz in die Regionalliga und der Fast-Pleite den Neuanfang gestemmt hat, sich seit einem Jahr in Doppelfunktion als Coach und sportlicher Leiter aufreibt. Das Schlimmste für ihn ist das Wegschauen. „Nein“, muss er an diesem Abend immer wieder korrigieren, „das waren nicht nur 25 oder 30 vermummte Chaoten. Da standen 30 dahinter, die gejubelt haben und nochmal 40, die sich amüsiert haben.“ Das seien alles keine Nulldreier, mit ihnen wolle er nichts zu tun haben. Civa, dessen Ende Juni auslaufender Trainervertrag noch nicht verlängert ist, kündigte an, sich intensiv Gedanken zu machen. „Wenn solche Menschen den Fußball kaputt machen können, dann überlegt man sich auch, ob man überhaupt mit diesem Geschäft zu tun haben möchte.“

Es sind „solche Menschen“, die keine Rücksicht nehmen. Sie sind eine Gefahr für andere. Aus Angst weinende Kinder wollten die Ränge am Montag nur noch schnell verlassen – und die Eltern ernteten sogar noch Kritik, wie ein Augenzeuge berichtet. Ihnen sei gesagt worden: „Was kommt ihr mit den Kleinen auch zu so einem Spiel in die Nordkurve?“

"Das war pure Militanz durch einen vermummten Mob"

Dort stehen die Babelsberger Ultras, der harte Kern der SVB-Fanszene. Schon lange gibt es Differenzen in der Kurve, weil die Altvorderen nicht mehr einverstanden damit sind, wie sich die junge Generation verhält. Vorgestern jedoch wurde buchstäblich eine Grenze überschritten: Die Nordkurve wurde besetzt von jugendlichen Krawallmachern und der gewaltbereiten Fangruppierung „Sportlich Elegant“. Ein Augenzeuge beschrieb es später so: „Alteingesessene Zuschauer in der Nordkurve bekommen Fausthiebe von Leuten ins Gesicht, die ich noch nie zuvor im Stadion gesehen habe. Das war pure Militanz. Da steht auf Höhe der Mittellinie ein vermummter Mob und schlägt denen noch eins in die Fresse, die sich jahrelang für den Verein hingeben.“

Siegfried Kirschen ist 74 Jahre alt. Im Fußball hat er viel erlebt. Er war Fifa-Schiedsrichter und ist seit 1990 Präsident des Brandenburger Verbandes (FLB). Dieses Jahr wird Kirschen sein Amt niederlegen. Das „absolut skandalöse“ Pokalfinale hinterlässt bei ihm ein bedrückendes Gefühl und die Frage: „Wie lange müssen wir uns das noch gefallen lassen?“ Beantworten können das keine Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen, meinte er. „Sondern das müssen diejenigen, die in unserem Staat dafür die entsprechenden Rechte besitzen, sie leider aber nicht wahrnehmen.“ Ein Hilferuf.

Droht womöglich der SVB-Ausschluss aus dem Pokal?

Bei Dietmar Woidke (SPD) ist er angekommen. Der Ministerpräsident, der am Montag im „Karli“ war und für die Pokalzeremonie bereit stand, sagte gestern den PNN auch mit Verweis auf die Pyrotechnikvorfälle beim DFB-Pokalfinale in Berlin: „Ich denke, dass wir gut beraten sind, über den juristischen Rahmen nochmal nachzudenken. Gemeinsam mit der Bundesebene, mit dem Bundesjustizminister, mit dem Bundesinnenminister.“ Es sei momentan sehr schwierig für die Justiz, adäquate Strafen für „Fußball-Rowdies“ auszusprechen, „selbst wenn sie dingfest gemacht werden“.

Vor dem Sportgericht des FLB wird sich wieder der SV Babelsberg 03 verantworten müssen. Schon wegen des Pyrotechnikeinsatzes durch SVB-Fans beim Landespokalhalbfinale in Neuruppin gab es ein Verfahren. Das Urteil wurde erst vergangene Woche verkündet: eine Geldbuße in Höhe von 2500 Euro. Was folgt als nächstes? Nach diesem Eklat-Finale! Womöglich nicht nur eine Strafzahlung, sondern gar ein Ausschluss des Vereins vom märkischen Cup-Wettbewerb in der nächsten Saison, wie es vergleichsweise Dynamo Dresden im DFB-Pokal 2013/14 aufgrund von Fanausschreitungen widerfuhr. Ihm stehe ohnehin schon bloß ein Mini-Etat zur Verfügung, sagte Almedin Civa. Leistungen werden erwartet, doch „woher sollen wir denn das Geld nehmen, wenn die Strafen raufkommen?“

"Dieser Riesen-Imageschaden trifft auch die Landeshauptstadt"

Der Schaden wird immens sein – für den Ruf und die stets angespannte finanzielle Situation des SVB. Alle, die ihn als linksradikalen Chaotenverein sehen, fühlen sich bestätigt und werden so argumentieren – auch in der Stadtpolitik. Das Band, das zwischen dem Rathaus und den Nulldreiern für die Entschuldung des Kiezklubs gewebt wurde, war ohnehin nicht reißfest. Ob es hält, wenn die Kritiker und Skeptiker aus dem politischen Raum das Engagement der Stadt und der kommunalen Wirtschaft argwöhnisch ankreiden, ist nicht sicher. Die Randalierer hätten dem SV Babelsberg 03 „einen Bärendienst“ erwiesen, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) den PNN. „Sie haben die sehr gute Arbeit des Vereins mit Füßen getreten – auch was die Glaubwürdigkeit angeht. Dieser Riesen-Imageschaden trifft auch die Landeshauptstadt.“

Als erste Reaktion nach außen blieb dem SVB nichts anderes übrig, als sich zu entschuldigen. Bei Energie Cottbus, dem Verband, der AOK Nordost als Pokalpartner und den friedlichen Zuschauern. Almedin Civa bedauerte aber auch seine eigene Mannschaft, die nach einer starken Saison dermaßen durch das eigene Fanlager um eine angemessene Ehrung gebracht wurde. „Es ist schade, dass die Saison so zu Ende geht“, sagte Mike Eglseder. Der Innenverteidiger war einer der wenigen Spieler, die noch etwas länger den Abend im VIP-Raum des Stadions verbrachten. Andere seiner Mannschaftskollegen waren schnell verschwunden. „Von einigen konnte ich mich gar nicht verabschieden“, so Almedin Civa. Dessen Gespräche mit Spielern über eine Verlängerung ihrer Verträge beim SVB werden nunmehr auch unter dem Eindruck der Fanausschreitungen stehen.

Fanszene muss sich klar gegen Unruhestifter positionieren

Für zahlreiche Mitglieder war die Frage nach ihrer Zukunft beim SVB bereits schnell beantwortet: „Ich habe keine Lust mehr drauf, die Strafen durch meinen Beitrag mit zu bezahlen und meine Mitgliedschaft gekündigt“, schrieb ein frustrierter Anhänger im Fanforum. Andere kündigten Widerstand an: „Hab mir ganz fest vorgenommen, die Spacken nächstes Mal höchstpersönlich vom Zaun zu holen. Ich dulde diese Scheiße einfach nicht mehr!“ Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den negativen Entwicklungen sind innerhalb der Babelsberger Szene dringend nötig. Ein Treffen der Fans wird dafür gefordert. Es braucht künftig eine klare Positionierung gegen die Unruhestifter. „Wie können wir von Cottbusser Fans noch verlangen, sich gegen rechte Kickboxer, Martial-Arts-Kämpfer etc. zur Wehr zu setzen und sie aus deren Kurve zu drängen, wenn wir das mit unserem antifaschistisch, antihooliganistischem Anspruch nicht schaffen? Wir werden doch nur noch wie Heuchler wahrgenommen“, heißt es im Fanforum mahnend.

Der 21. Mai 2018 wird Spuren beim SV Babelsberg 03 hinterlassen. „Traurig, traurig. Für unsere Gesellschaft. Traurig, traurig“, stammelte Almedin Civa fassungslos angesichts der Missachtung der von Nulldrei selbst auferlegten Werte. „Ein Jahr haben wir uns unterhalten über die andere Scheiße“, sagte er bezogen auf das Skandalderby gegen Cottbus im April 2017. „Und jetzt fängt das wieder an.“ Diesmal mit anderem Ansatz. Nicht nur Nazis müssen raus aus den Stadien. mit thm

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