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  • 05.03.2018
  • von Peter Könnicke und Tobias Gutsche

Potsdam und die Olympischen Winterspiele 2018: Nach dem Schulterklopfen

von Peter Könnicke und Tobias Gutsche

Sie stehen für Erfolg. Potsdams Bob-Olympioniken Lisa Buckwitz, Kevin Kuske (r.) und Christian Poser machen Brandenburg zur Freude von Ministerpräsident Dietmar Woidke zu einem erfolgreichen Wintersportland. Foto: Nestor Bachmann/dpa

Mit einem großen Empfang wurden die drei Brandenburger Olympia-Bobanschieber Lisa Buckwitz, Kevin Kuske und Christian Poser in Potsdam geehrt. Der Jubel wird sich legen, der Kampf um Unterstützung bleibt. Sich als Bobsportler zu finanzieren, ist eine Herausforderung.

Alle waren sie gekommen. Ministerpräsident Dietmar Woidke und Sportministerin Britta Ernst, Oberbürgermeister Jann Jakobs (alle SPD), Potsdams Sportbeigeordnete Noosha Aubel (parteilos), ihr Kollege aus dem Sozialressort und OB-Kandidat Mike Schubert (SPD), weitere Landes- und Stadtpolitiker, Sportfunktionäre, Referenten. Irgendwann platzierte sich auch noch CDU-Oberbürgermeister-Kandidat Götz Friedrich in die hintere Ecke der Genusswerkstatt des Potsdamer Filmmuseums. Ganz vorn glänzten die Medaillen von Bob-Olympiasiegerin Lisa Buckwitz und Kevin Kuske, der vor einer Woche in Pyeongchang im Vierer-Wettbewerb die Silbermedaille gewann und damit zum erfolgreichsten olympischen Bobsportler der Welt aufstieg. „Ein Brandenburger“, schwärmte Landesvater Woidke, „eine riesengroße Ehre.“

Woidke: „Wir brauchen Vorbilder“

Es sei Brandenburg nicht in die Wiege gelegt, im Wintersport erfolgreich zu sein, sagte Woidke. Umso mehr genoss die politische Entourage am vergangenen Freitag den Erfolg von Buckwitz, Kuske und auch Christian Poser – Vierter und Achter in Südkorea. „Wir brauchen Vorbilder, die zeigen, dass man erfolgreich sein kann“, so Woidke und bekannte in der Stunde des Erfolges: „Wir werden auch in Zukunft alles dafür tun, den Spitzensport im Land zu verbessern.“

Gerade für den Bobsport wird das nötig sein. Denn wenn nicht gerade Olympische Spiele sind, bleiben die Potsdamer Anschieber eher außerhalb des Radars. Die Erfolgsbilanz der Potsdamer Anschieberschule geht zwar in die 1970er Jahre zurück, doch genießen die Bob-Athleten bei weitem nicht die dauerhafte Aufmerksamkeit wie etwa Potsdams Bundesliga-Volleyballerinnen, Turbine-Fußballerinnen, Nulldrei-Kicker oder Kanuten vom Luftschiffhafen. Sie bleiben Exoten im Sportland Brandenburg. Daher werden sie Woidkes Zusage für Unterstützung aufmerksam vernommen haben.

Immer im Schatten der Piloten

Denn Bobsport in Brandenburg zu betreiben, ist teuer – oder besser: war in den vergangenen Jahren teurer als nötig. Eine Anschubstrecke in Potsdam fehlte seit geraumer Zeit, sodass die Athleten für das wichtige Anschubtraining einmal pro Woche nach Oberhof oder Altenberg reisen müssen. „Da kommen eine Menge Spritkosten zusammen“, sagte Christian Poser. Bezahlt aus eigener Tasche, die ohnehin nicht prall gefüllt ist: „Es ist nicht so, dass ich mir jeden Monat viel Geld zurücklegen kann. Ich komme bei plus minus null raus“, gab Poser offen Einblick.

Aktuell stemmt er seinen Lebensunterhalt und seinen Sport mit Anwärterbezügen der Landesfeuerwehr, der Förderung durch die Sporthilfe Brandenburg und einen Zuschuss aus dem Finanztopf seines Piloten Nico Walther. Vom SC Potsdam, seinem Verein, „habe ich leider seit vier Jahren keine individuelle Unterstützung mehr bekommen. Scheinbar liegen die Prioritäten da anders – vor allem auf der Frauenvolleyball-Bundesliga“, sagte Poser. „Ich weiß, dass es für einen Verein nicht leicht ist, immer genügend Sponsoren zu finden. Aber ich hätte mir schon mehr Hilfe gewünscht und hoffe für uns Bobsportler, dass sich in Zukunft wieder etwas ändert.“ Als Anschieber sei es zudem ziemlich schwierig, eigene Sponsoren zu finden, weil sie keine repräsentativen Werbeflächen bieten können. „Wir stehen immer im Schatten des Piloten, werden häufig nicht einmal im Fernsehen erwähnt. Aber darüber muss man sich von Anfang an bewusst sein, wenn man diesen Sport macht“, so Poser. Tatsächlich waren bei den olympischen Rennen in Pyeongchang lediglich die Namen der Piloten eingeblendet – selbst bei den Siegerehrungen tauchten im Bildtext die Crewmitglieder nicht auf.

Kostspieliger Job an den Lenkseilen

150.000 Euro für einen Olympiasieg wie in Kanada oder eine lebenslange Rente wie in Polen sind Prämien, von denen Lisa Buckwitz nur träumen kann. Deutschland honoriert seine Goldmedaillengewinner mit 20.000 Euro. Das Geld wird die 24-jährige Anschieberin gut gebrauchen können, wenn sie künftig in die Gilde der Pilotinnen wechselt. Denn der Job an den Lenkseilen wird ein teures Unterfangen. Den Bobschlitten stellt der nationale Verband, aber Kufen, mechanisches Material, die Crew, Trainingslager und ein Transportfahrzeug zahlen die Piloten aus eigener Tasche. Bislang bekommt Buckwitz Unterstützung von der Brandenburger Sporthilfe und bezieht ihren Sold als Sportsoldatin von der Bundeswehr. Rückhalt, den sie – wie Poser und Kuske – außerordentlich zu schätzen weiß. Doch werden für eine erfolgreiche Karriere als Bobpilotin weitaus mehr finanzielle Ressourcen notwendig sein. Ob der SC Potsdam diese aufbringen kann und will, ist fraglich. Schon einmal versuchte Brandenburgs größter Sportverein, eine eigene Bobcrew an den Start zu bringen – mit dem Piloten Manuel Machata, Weltmeister von 2011. Letztlich erwies sich das Unterfangen als zu teuer. „Ich werde zunächst beim SC Potsdam bleiben“, sagte Buckwitz und betonte zugleich, dass sie sich individuell – auch mit Unterstützung ihrer Eltern – auf Sponsorensuche begeben wird.

Die heimische Förderung wird materieller Art sein. Für 406.000 Euro wird in diesem Jahr im Sportpark Luftschiffhafen eine neue Anschubstrecke gebaut, die wettkampfnahen Kriterien gerecht wird, das nationale Trainingszentrum für Bobanschieber aufwertet und teure Trainingsfahrten nach Thüringen oder Sachsen erübrigt. Und wenn auch noch ein Büro für Athletikstützpunkttrainer Jörg Weber möglich ist, würde die von Ministerpräsident Woidke angekündigte Unterstützung für die aktuell umjubelten Bobsportler zumindest einen Mindeststandard erfüllen. Seit 2008 ist Weber verantwortlicher Potsdamer Anschiebercoach und der Mann im Hintergrund olympischer und weltmeisterlicher Erfolge. Trainingspläne für seine Athleten, Protokolle und Korrespondenzen schreibt Weber in der Mensa oder in der Sporthalle.

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