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  • 19.06.2017
  • von Tobias Gutsche

Potsdamer Schwimmsport: Anspruchsvolle Filterung im Wasser

von Tobias Gutsche

Mit 15 Jahren deutsche Meisterin in der Schimm-Königsdisziplin. Die Potsdamer Sportschülerin Isabel Gose holte sich den Titel über 200 Meter Freistil. Außerdem kraulte sie zur Bronzemedaille auf den 400 Metern. Foto: imago/Camera 4

Bei der deutschen Schwimm-Meisterschaft erfüllte kein Potsdamer die harten Normen für die Weltmeisterschaft. Aber eine 15-Jährige vom Luftschiffhafen setzte gute Akzente. Indes wurde viel debattiert - zum Beispiel über die Bundesstützpunkt-Frage.

Henning Lambertz ist bekannt für seine Entschlossenheit und Prinzipientreue. Im Zuge der deutschen Spitzensportreform möchte der Schwimm-Chefbundestrainer seinen nationalen Fachverband, den DSV, umstrukturieren und fährt dabei mitunter eine harte Linie. Behält er diese auch bezüglich der Nominierung für die diesjährige Weltmeisterschaft bei, dann finden die Titelkämpfe der Beckenschwimmer vom 23. bis 30. Juli in Budapest ohne Potsdamer Beteiligung statt.

Bei der in den vergangenen Tagen im Berliner Europasportpark ausgerichteten deutschen Meisterschaft, die der einzige WM-Qualifikationswettkampf war, gewannen Athleten vom Luftschiffhafen sieben Medaillen, darunter zwei goldene – doch die Vorgaben für Budapest wurden nicht erfüllt. Allerdings war es generell nur wenigen gelungen, einen Haken hinter die Einzelstrecken-Nominierungskriterien zu setzen: Drei Aktive schafften es in der offenen Klasse, vier weitere über die U23-Regelung. Vorab hatte Lambertz mit 15 bis 20 Qualifikanten gerechnet. Letztlich erwiesen sich die von ihm verschärften Normen als zu hart für die meisten. Selbst ein Top-Mann wie Christian Diener hielt der anspruchsvollen Filterung im Wasser nicht stand.

Diener: "Hätte eine Hammer-Zeit schwimmen müssen"

Das Rücken-Ass des Potsdamer SV hatte voriges Jahr bei den Olympischen Spielen mit seinem siebten Platz über 200 Meter und persönlichen Rekord von 1:56,27 Minute überzeugt. Um nun auch das WM-Ticket zu buchen, hätte er mindestens die Zeit des Olympia-Achten – Ryosuke Irie aus Japan hatte damals nach 1:56,36 angeschlagen – erbringen müssen. Dies verpasste der 24-Jährige am Samstag deutlich, indem ihm als deutschen Meister 1,14 Sekunden fehlten. Zur Einordnung: Seine 1:57,51 waren nicht schlecht – für Olympia in Rio hatte er sich mit einer ähnlichen Leistung qualifiziert und dann sein Niveau zum Saisonhöhepunkt perfekt zugespitzt. Dass es nicht mit der WM-Normerfüllung geklappt habe, sei „schade“, sagte Christian Diener, der zudem über 100 Meter Rücken Dritter wurde. „Aber dazu hätte ich auch eine Hammer-Zeit schwimmen müssen.“

Der andere Potsdamer Rio-Schwimmer, Johannes Hintze, blieb auf der 200- und 400-Meter-Lagendistanz ebenfalls klar über den festgelegten Werten. Nach einem Jahr mit gesundheitlichen Problemen erreichte der 17-Jährige nicht ansatzweise sein Level der Vorsaison.

Sportschülerin Isabel Gose holt je einmal Gold und Bronze

Dafür setzte ein weiblicher Youngster aus Brandenburgs Landeshauptstadt gute Akzente. Isabel Gose, die bereits Ende 2016 mit dem 400-Meter-Freistil-Triumph bei der deutschen Kurzbahn-Meisterschaft aufhorchen ließ, schwamm jetzt zu ihren ersten nationalen Erwachsenen-Podestplätzen im 50-Meter-Pool. Gold holte die Sportschülerin über 200 Meter Freistil, gerne als Königsdisziplin des Schwimmsports tituliert. Mit 15 Jahren bereits deutsche Meisterin zu werden, „ist etwas ganz Besonderes“, sagte Gose, nachdem sie sich in einem spannenden Rennen durchgesetzt hatte. „Die letzten 50 Meter habe ich einfach noch einmal alles gegeben und wollte unbedingt an den anderen vorbei.“ In Bestzeit (1:58,86) schob sie sich vor Leonie Kullmann (Berlin/1:58,89), Sarah Köhler (Frankfurt am Main/1:58,99) und Johanna Friedrich (1:59,08). Jedoch kamen diese Vier nicht an die WM-Staffelvorgabe heran, sodass in Budapest wohl keine deutschen Frauen über 4x200 Meter Freistil starten werden. Kein Einzelphänomen: Lediglich für den Wettbewerb 4x100 Meter Lagen der Männer konnte sich ein Quartett den Forderungen entsprechend empfehlen.

Auch auf den 400 Metern Freistil, wo sie Dritte wurde, passte es für Isabel Gose nicht richtig mit der Norm. Als Nachwuchssportlerin hätte ihr Weg zum Welt-Championat über den etwas moderater gestalteten U23-Zielwert geführt. In glatt 4:10,00 Minuten erreichte sie diesen im Finale zwar, doch musste er bei dieser Strecke laut Statut schon im Vorlauf abgeliefert werden, was ihr nicht gelungen war. Daher wird sich das PSV-Talent diese Saison ausschließlich auf die Junioren-Weltmeisterschaft Ende August in Indianapolis vorbereiten – hierfür hatte Isabel Gose unlängst bei der deutschen Jahrgangs- und Juniorenmeisterschaft ihren Platz im Nationalteam gesichert – wie ihre Vereinskollegen Josha Salchow, Eric Friese und Wassili Kuhn. Letzterer sorgte bei den nationalen Titelkämpfen der offenen Klasse für eine beachtliche Leistung: Er knackte den deutschen Altersklassenrekord der 18-Jährigen über 50 Meter Brust.

Chefbundestrainer Lambertz verteidigt seine Reformpläne

Medaillen gab es für den Standort Potsdam derweil noch durch Sonnele Öztürk (Wasserfreunde Spandau/Silber 200 Meter Rücken), Carl Louis Schwarz (Silber 50 Meter Rücken) und Tim-Thorben Suck (beide PSV/Bronze 50 Meter Freistil). Die Edelmetall-Ausbeute war oftmals schon deutlich besser. Aber vor allem angesichts der fehlenden WM-Qualifikationen ist es ein eher enttäuschendes Potsdamer Gesamtabschneiden im Rahmen der deutschen Meisterschaft.

Während jenes Treffens der nationalen Schwimmelite brandeten auch zahlreiche Diskussionen über die DSV-Reformpläne am Beckenrand auf. Chefbundestrainer Henning Lambertz verteidigte dabei seine Ideen und bekam Rückendeckung von Verbandspräsidentin Gabi Dörries. Neben den härteren Normen setzt Lambertz auf ein verbindliches Krafttrainingskonzept zur Steigerung der Maximalkraft – und, wie es der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium generell für Spitzensport-Deutschland verlangen, auf eine Zentralisierung der Trainingsarbeit an weniger Bundesstützpunkten als bisher. Die Beckenschwimmer sollen, so die Vision, ihren Schliff künftig in fünf Zentren erhalten: Essen, Hamburg, Berlin und Heidelberg sind bereits fix – der weitere Standort ist offen.

"Keine Ergebnisse" zum Thema Bundesstützpunkt

Zunächst war Potsdam vorgesehen. Doch wegen eines Machtkampfes zwischen dem brandenburgischen Landesschwimmverband und dem DSV – es geht um die Personalie Jörg Hoffmann als leitenden Stützpunktcoach – droht der Verlust des Zuschlages. Magdeburg sowie Halle/Saale hoffen darauf, stattdessen ins Boot geholt zu werden. Am vergangenen Mittwoch, einen Tag vor Beginn der deutschen Meisterschaft, hatte der DSV mit dem DOSB eine Vorabkonsultation zur Reformumsetzung, ehe Anfang Juli das große Verbandsgespräch folgt. „Ergebnisse hat es nicht gegeben“, sagte DSV-Chefin Gabi Dörries über die Mittwochszusammenkunft. Und auch im Juli werden voraussichtlich noch keine zu verzeichnen sein. Da bislang unter anderem nicht konkret geregelt ist, wie Deutschlands Spitzensport-Neuformierung finanziert wird, stockt der Prozess.

Somit bleibt die Zukunft des Potsdamer Stützpunktes in der Schwebe. Aber es bleibt eben auch noch Zeit, um die Lage vom märkischen Schwimmsport nochmals kritisch zu reflektieren und sich am Ende doch den Vorhaben des DSV und dessen Cheftrainer Henning Lambertz anzuschließen. Das der von seiner Überzeugung abrückt, ist kaum zu erwarten. Dafür erscheint er zu konsequent.

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