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  • 12.02.2016
  • von Peter Könnicke

Wie der VfL Potsdam von der Handball-EM profitiert: Der Welpenschutz ist weg

von Peter Könnicke

Yannik Münchberger gilt als hoffnungsvolles Talent beim VfL Potsdam. Foto: J. Frick

Potsdams Handball-Hoffnung Yannik Münchberger und der Co-Trainer der Nationalmannschaft, Alexander Haase, sprechen im PNN-Interview über Vorbilder und Aufgaben nach dem sensationellen Gewinn der Europameisterschaft in Polen.

Herr Münchberger, vor knapp zwei Wochen ist Deutschland Handball-Europameister geworden. Wo spüren Sie als aktiver Handballer Euphorie?

MÜNCHBERGER: Während der EM war die Euphorie schon zu sehen und zu spüren. Vor allem auch in meinem Heimatort, in Rangsdorf, wo ja auch Tobias Reichmann (deutscher EM-Spieler, Anm. d. R.) herkommt. Ich wurde im Ort angesprochen, ob ich da auch mal hin möchte. Hier in Potsdam an der Sportschule haben sich plötzlich Leichtathleten, Judoka, Kanuten, die sich vorher recht wenig mit Handball beschäftigt haben, in der Mensa die Spiele angeschaut. Und man hat es auch bei unserem Spiel gegen Bernburg in der dritten Liga gemerkt, das ja während der EM stattfand, dass da mehr Zuschauer in der Halle waren.

Gibt es ein sportliches Ereignis aus Ihrer Kindheit oder Jugend, das Sie nachhaltig animiert und inspiriert hat und Sie sagen ließ: Wow, das will ich auch mal schaffen?

MÜNCHBERGER: Natürlich die Handball-WM 2007 im eigenen Land, wo ich selbst zweimal in der Halle war. Da habe ich schon zu den Spielern aufgeschaut, nach dem Spiel hinter der Max-Schmeling-Halle gewartet und gehofft, dass die Spieler kommen, um vielleicht ein Autogramm oder Schweißband abgreifen zu können.

Haben Sie noch Autogramme?

MÜNCHBERGER: Ja, ich habe zu Hause meine Schränke voll mit verschiedenen Autogrammen – vom Fußball, Basketball bis zum Handball.

Herr Haase, es ist in den vergangenen Tagen viel diskutiert und geschrieben worden, wie sich dieser EM-Erfolg konservieren lässt, um den deutschen Handball nachhaltig in der Weltspitze zu etablieren und in Deutschland dauerhaft noch populärer zu machen. Wie kann das Ihrer Sicht nach gelingen?

HAASE: Ich denke, dass das auf verschiedenen Ebenen geschehen muss. Zunächst ist die Nationalmannschaft selbst verantwortlich, den Erfolg mit weiterhin guten Leistungen zu untermauern, sodass das Spitzenprodukt des deutschen Handballs in aller Munde bleibt. Mit dem EM-Titel haben wir ja den schönen Nebeneffekt erreicht, dass wir bei den Olympischen Spielen und der nächsten Weltmeisterschaft dabei sind und somit eine nachhaltige Präsenz haben.

Typen wie Torwart Andreas Wolff haben enormes Begeisterungspotenzial. Wie lässt sich das nutzen?

HAASE: Es gibt den sehr spannenden Fall, dass nach dem WM-Titel 2007 zwei jetzige Europameister zu einem Verein in ihrer Region gegangen sind und gesagt haben: Ich möchte Handballer werden. Und das ist genau jetzt unsere Aufgabe: die Euphorie als Chance zu begreifen, die Basis zu verbreitern und zu vergrößern und dauerhaft ins Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen zu gelangen. Dadurch, dass Handball nicht zum Pflichtprogramm des Sportunterrichts gehört, sind wir bei den ganz Kleinen ein wenig aus dem Fokus gerückt. Das ist gar nicht so sehr die Aufgabe des Deutschen Handballbundes, sondern jedes einzelnen Vereins, Kinder und Jugendliche, die jetzt vielleicht angestachelt sind, abzuholen und zum Handballspielen in die Vereine zu bringen.

Gerade Handball hat früher im Sportunterricht Spaß gemacht. Warum ist das heute anders?

HAASE: Ich denke, dass wir neue Konzepte für den Grundschul-Handball brauchen, die unser jetziges Spiel ein bisschen vereinfachen und Schüler spielerisch und freudbetont an den Handball heranführen.

Was macht der VfL Potsdam als Verein, um in Schulen oder anderswo für den Handballsport zu werben, ihn vorzustellen und um Interesse zu wecken?

HAASE: Wir haben vor einem guten halben Jahr sehr konzentriert und gewissenhaft ein Grundschulprojekt gestartet. Wir sind derzeit in vier Potsdamer Grundschulen und führen dort zweimal in der Woche eine Ballschule – ab der vierten Klasse ist es dann eine Handball-AG – durch. Bis zum Jahr 2020 wollen wir das auf vielleicht zehn Schulen ausbauen, die dann durchaus auch im Umland sein können. Ein zweiter Schritt, den ich auch mit dem Handballverband besprochen habe, ist eine Fortbildung für Grundschullehrer, wo gezeigt wird, wie der Unterricht aussehen könnte. Es muss gelingen, dass Handball in der Schule wieder eine größere Rolle spielt.

Yannik Münchberger, Ihre Schulzeit liegt noch nicht so lange zurück, um vielleicht einschätzen zu können, wie begeisterungsfähig Schüler für Handball sind. Was meinen Sie?

MÜNCHBERGER: An meiner Schule gab es ab der vierten, fünften Klasse eine Handball-AG. Die war ganz gut besucht, nicht nur von Schülern, die bereits Handball im Verein gespielt haben. Die AG wurde damals direkt von Lok Rangsdorf geführt, sodass auch die Nähe zum Verein da war. Vier Leute haben sich dann sogar aus der AG beim Verein angemeldet. Es funktioniert also schon. Es gibt sicher Schulen, an denen es vielleicht mit Fußball besser klappt. Aber da, wo es Anfänge gibt und Freunde dann ihre Freunde mitbringen, kann das erfolgreich sein.

Herr Haase, mit einem Erfolg wie jetzt in Polen entstehen auch Erwartungshaltungen und die Fallhöhe wird größer. Warum gibt es keinen unsanften Aufprall oder eine Durststrecke, wie es sie 2007 nach dem WM-Gewinn gab?

HAASE: Das ist natürlich schwierig zu prognostizieren. Ich glaube, wir waren bei der EM deshalb erfolgreich, weil wir uns sehr pragmatisch und in kleinen Schritten von Spiel zu Spiel vorbereitet und dann versucht haben, so gut wie möglich diese Spiele zu gestalten. Und so machen wir das weiter. Natürlich ist das kein Garant, nur weil es jetzt geklappt hat, dass wir in Rio die Goldmedaille um den Hals haben werden. Ich glaube sogar, dass die Leute nicht böse gewesen wären, wenn wir in Polen am Ende Fünfter oder Sechster geworden wären. In der Tat ist die Fallhöhe nach einem Titel immer größer. Aber ich glaube, dass kontinuierliche Arbeit und auch kontinuierliche Medienpräsenz auf diese bislang sehr sympathische Art und Weise uns dabei hilft, dass die Fallhöhe gering bleibt, auch wenn wir in Rio Sechster, Achter oder Zehnter werden. Das kann natürlich passieren bei einem Turnier mit zwölf Top-Mannschaften.

Yannik Münchberger, haben Sie bei den EM-Spielen Dinge aus Ihrem täglichem Trainings- und Wettkampfalltag wiedererkannt, sodass Sie erklären können, warum die Nationalmannschaft so gut war?

MÜNCHBERGER: So gut kenne ich die Spieler nicht, dass ich da wirklich reinschauen und es genau beurteilen kann. Aber es war schon zu sehen, dass das Spiel einfach gehalten wurde und dies ein Mittel zum Erfolg war. Und natürlich waren die Abwehrleistung und die Geschlossenheit bemerkenswert, über die das deutsche Team kam.

Sind dieser Kampfgeist und die mannschaftliche Geschlossenheit eine Tugend des deutschen Handballs, die Sie auch hier in Potsdam und mit dem VfL aktuell in der dritten Liga erfahren?

MÜNCHBERGER: Ja klar, diese Geschlossenheit muss es einfach geben. Ich glaube, in diesem Jahr passt das bei uns in Potsdam auch besser. Deshalb sind wir auch erfolgreicher. Nur über das kann man kommen, nur mit Talent wird es keinen Erfolg geben.

HAASE: Das ist eines der sehr speziellen Phänomene der Nationalmannschaft. Man hat ihr wirklich nicht viel zugetraut, aber sie hat gezeigt, was mit Geschlossenheit zu erreichen ist. Hatte ein Spieler einen schwächeren Tag, hat ein anderer es ausgeglichen. Jeder war bereit, alles in einen Topf einzuzahlen. Das kann ein Beispiel für vieles sein – nicht nur für Handball oder den Sport.

Von welchen Erfahrungen und Erlebnissen, die Sie mit der Nationalmannschaft machen, kann der VfL Potsdam profitieren?

HAASE: Eines muss man auf alle Fälle mitnehmen: Es ist immer alles möglich. Das finde ich nach wie vor das wirklich Spannende. Es gibt durchaus diesen puren Sport, diesen Zweikampf, der zu führen und diesen Ball, der zu werfen ist. Ich finde, die Jungs, mit denen ich die letzten fünf Wochen verbringen durfte, haben eine sehr große Natürlichkeit. Aber wenn es zum Training geht, ist jeder bereit, das bestmögliche und maximale Investment zu bringen. Und das kann man auch auf unseren VfL übertragen. Denn auch hier muss klar sein: Es geht nur zusammen und jeder Einzelne muss erstmal investieren. Am Ende auch für sich, denn wenn es darum geht, dass ein A-Jugendspieler den Weg nach vielleicht ganz oben schafft, dann macht er das für sich. Und das ist auch völlig legitim. Aber er muss eben auch immer bereit sein, in die Mannschaft zu investieren, in der er gerade aktiv ist.

Yannik Münchberger, Sie waren vor einigen Wochen bei einem Lehrgang des DHB-Nachwuchses, haben also reingeschnuppert in eine Nationalmannschaft. Einige Spieler, die nun Europameister sind, sind nur ein, zwei Jahre älter als Sie. Warum sind die weiter?

MÜNCHBERGER: Sie sind einfach größer als ich, körperlich weiter. Und sie haben vielleicht früher begonnen, nachzudenken, wie man alles richtig macht. Ich war bis zur zehnten Klasse eher so drauf, dass ich gesagt habe: Ich spiele Handball und mache das gerne, aber ich habe nicht wirklich alles investiert. Das ist jetzt anders, aber noch nicht bei 100 Prozent. Die alles geben, sind jetzt da und Europameister, und ich bin hier.

Herr Haase, was muss Yannik machen, um es zu schaffen?

HAASE: Ich kenne Yannik ja schon eine ganze Weile und weiß, dass er in der Lage ist, in einem Spiel acht bis zehn Tore zu werfen. Aber ich habe in der Vergangenheit auch gesehen, wie er in der Abwehr steht. Sein Fokus lag zu sehr auf dem Angriff statt auf der Abwehr. Für ihn persönlich hat sich einiges geändert, was seine eigene Einstellung zum Handball und zum Sport an sich angeht. Das war ein langer Prozess. Das Talent hätte ich ihm schon vor drei oder vier Jahren bescheinigen können. Aber irgendwann spielt Talent keine Rolle mehr und es ist nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das klingt so profan, aber genau so ist es. Das hat sicher anderthalb Jahre gedauert, in denen es Schritt für Schritt nach vorn ging. Und das in vielen Bereichen: beim Krafttraining, bei der Regeneration, beim Schlaf, bei der Ernährung, auch die Schule gehört dazu. Das Umfeld ist dabei nur Mittel zum Zweck. Machen müssen es die Jungs allein, keiner kann es für sie tun. Wir können mal an Stellschrauben drehen, mal schieben, mal bremsen. Ich traue Yannik einiges zu in der Zukunft.

Wie lange kann Potsdam auf einem solchem Weg für hoffnungsvolle Handballer eine Station sein? Oder wird Potsdam in Zukunft eine Handball-Stadt mit eigenen Nationalspielern?

HAASE: Ich finde, dass wir als VfL Potsdam unseren Anteil daran haben, dass unser ehemalige Sportschüler Fabian Wiede jetzt Europameister geworden ist und Fabian Böhm im vergangenen Jahr im WM-Kader war und in Katar den siebten Platz belegt hat. Davon bin ich fest überzeugt. Ich bin aber auch davon fest überzeugt, dass sie diesen Weg nicht gemacht hätten, wenn sie hiergeblieben wären. Zum anderen bin ich sicher, dass wir den Weg in die zweite Liga schaffen und wir uns dort dauerhaft halten können. Dazu ist aber natürlich nicht nur Sportliches notwendig, sondern eine ganze Menge drumherum – vielleicht mehr als die sportliche Qualifikation. Es ist ein sehr lohnenswertes Ziel, wenn wir in Zusammenarbeit mit unserem Kooperationspartner Füchse Berlin und im geografischen Umfeld mit dem SC Magdeburg und des SC DHfK Leipzig hier in Potsdam einen sehr guten Zweitligisten etablieren, in dem die Hälfte des Kaders Jungs der Potsdamer Sportschule sind. Das wäre ein überragendes Ergebnis.

Yannik Münchberger, sehen Sie es auf Ihrem weiteren Entwicklungsweg und zum aktuellen Zeitpunkt der Saison als Chance, dass mit dem überraschenden Weggang von Spielmacher Philipp Reuter Sie noch mehr in den Fokus rücken und mehr Verantwortung übernehmen müssen?

MÜNCHBERGER: Ja, auf jeden Fall. Der Weggang ist natürlich schade, für mich aber auch eine Chance, mehr zu spielen. Aber natürlich muss die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden. Für mich wird es mehr Druck geben, dem ich mich stelle. Der Welpenschutz ist nun sicher weg.

HAASE: Da ist die Parallele zur EM deutlich zu sehen. Da ist eben ein Spieler weg und die anderen müssen in die Bresche springen, die Mannschaft einfach enger zusammenrücken.

Das Gespräch führte Peter Könnicke.

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