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  • 02.06.2015
  • von Rita Orschiedt

Motorrad-Queen aus Potsdam: Dem Herzen auf zwei Rädern folgen

von Rita Orschiedt

Motorrad-Queen Aileen Günther liebte alte Motorräder und ferne Länder. Foto: Scott Goldsbury

Die Potsdamerin Aileen Günther war sechs Jahre lang in der Welt unterwegs - meist mit dem Motorrad. Angekommen ist sie aber noch lange nicht.

Potsdam - Aileen Günther ist Potsdamerin und durch ihre Abenteuer für viele eine Inspiration. Mit dem Motorrad legte sie in den letzten sechs Jahren weite Strecken zurück: Durch Australien, das indonesische Bali, durch Lombok und Java. Auf ihrem Blog "The Moto Quest" hält sie ihre Eindrücke fest. „Ich weiß, was es heißt, zu kämpfen, Grenzen zu überschreiten und ein Ziel zu erreichen“, sagt Aileen, und sie scheint zu wissen, wovon sie spricht. Über Jahre verbrachte sie früher viele Monate im Krankenhaus, konnte die Schule oft nicht besuchen – schon seit ihrer Kindheit leidet sie an einer schweren Darmkrankheit, zwischenzeitlich saß sie im Rollstuhl. Ihr Zustand war mehr als einmal lebensbedrohlich.

Nach dem Abitur machte sich die heute 30-Jährige als Personal-Coach selbstständig, als 19-Jährige stand sie vor Unternehmern auf der Bühne und hielt Reden über Produktvermarktung und Kundenbindung. Trotz ihres junges Alters nahm man sie ernst, die Arbeit lief gut: Sie hatte eine Wohnung und genug Geld. „Viele dachten, in ein paar Jahren fahre ich mit einem großen Auto durch die Stadt und habe es geschafft.“

Von Australien unfreiwillig ins nächste Abenteuer

Aber Aileen wollte etwas anderes, nämlich weit weg. Nach einem Fotografieauftrag konnte sie sich – auf den Cent genau – ein One-Way-Ticket nach Australien leisten. Mit 300 Euro und kaum einem Wort Englisch in petto strandete sie im Februar 2009 in Melbourne und lebte dort viereinhalb Jahre lang. Sie hielt sich mit Jobs in einem brasilianischen Nachtclub, als Babysitterin und als Make-up-Artist über Wasser, später arbeitete sie in einem Fitnessclub. Mit einem Job, einem Freund und einem sozialen Netzwerk wollte sie dort die nächsten Jahre verbringen, ein Haus kaufen und Familie gründen, aber es kam anders: Von den Behörden wurde sie ausgewiesen, hatte zwei Wochen Zeit, den Kontinent zu verlassen. Die Arbeit als Selbstständige war für eine permanente Aufenthaltserlaubnis zu unsicher, die rettende Hochzeit mit ihrem australischen Freund platzte.

Widerwillig steuerte sie das nächstgelegene Ziel an: die indonesische Insel Bali. Das Abenteuer ging weiter. Dort erholte sie sich über ein halbes Jahr von dem Ausreiseschock und einem gebrochenen Herzen. Nach Deutschland zurück wollte sie nicht. Stattdessen nutzte sie die Zeit für spirituelle Experimente, lernte, sich und ihrer Gesundheit Gutes zu tun und ein Leben in aller Einfachheit zu schätzen.

Erlebtes hält sie auf ihrem Blog fest - und inspiriert Tausende

Irgendwann aber trieb es sie weiter, sie möbelte ein altes Motorrad auf – ihres stand noch in Melbourne –, gewann Honda Indonesia als Sponsor und düste los: durch Bali, nach Lombok und durch Java in Indonesien. Anderthalb Jahre war sie dort insgesamt unterwegs. Was sie erlebte, hielt sie auf ihrem Blog und in sozialen Netzwerken fest und inspiriert Tausende – nicht nur Motorradliebhaber, auch Menschen und Sinnsucher weltweit.

2014 rettet ihr der Blog sogar das Leben: Als sie mit Denguefieber, einer tropischen Krankheit, infiziert wird, landet sie nach langer mühsamer Fahrt in einem balinesischen Krankenhaus. Die Krankheit verlief ungewöhnlich schwer und lange, dann verweigert ihre Auslandskrankenversicherung auch noch die Zahlung ihrer 6000 Euro teuren Krankenhausrechnung. Das Kleingedruckte sah alle zwei Monate einen Aufenthalt in Deutschland vor, was sie übersah. Noch im Krankenhaus wurde sie inhaftiert, ein Sicherheitsmann wachte vor ihrem Zimmer, bis die Rechnung beglichen wurde.

Als letzten Ausweg entschied sie sich schließlich für einen Spendenaufruf auf ihrem Blog. Wenn nur jeder zweite der 15 000 Follower einen Eure spende, so der Gedanke, gelinge die Aktion. Keine zwei Tage später rettete die Community sie aus der brenzligen Lage, kaufte sie frei. Die Erfahrung sei für sie, neben allen Herausforderungen auf der Reise, die intensivste gewesen.

Ohne Plan dem Herzen folgen

Nach ihrer Genesung reiste sie noch einmal nach Australien, verkaufte und verschenkte dort alles, was noch liegen geblieben war, und kehrte dann am 12. März 2015 nach sechs Jahren Reise nach Potsdam zurück.

Aileen ist ein besonderer Typ – nicht nur wegen ihren knallorangenen Haaren, sondern weil sie so ungekünstelt wirkt. Heute sitzt sie in einem Potsdamer Café in der Innenstadt, aber es ist spürbar, dass sie sich unwohl fühlt in dieser oberflächlichen „Plastikwelt“, wie sie sie nennt. Angekommen ist sie längst nicht, sie geht schon wieder auf die Suche nach Sponsoren, „wenn man mir morgen ein Motorrad vor die Tür stellt, bin ich wieder weg“, sagt sie. Vielleicht lasse sie sich einmal in Potsdam nieder. Vielleicht habe sie hier wie ihre Freundinnen einmal Familie. Irgendwann. Nun aber soll es weitergehen, die Idee bleibt die gleiche: Ohne genauen Plan und Route ihrem Herzen zu folgen und zu schauen, wo es sie hinverschlägt und wem sie begegnet. 

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