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  • 04.05.2015
  • von Henri Kramer

Volkshochschule Potsdam: Als Dozent knapp über Hartz IV

von Henri Kramer

Weil die Arbeit als Dozent an der Volkshochschule schlecht bezahlt ist, wandern Dozenten zunehmend ab. Foto: Manfred Thomas

Die freiberuflichen Dozenten an der Volkshochschule klagen trotz Erhöhung über zu wenig Lohn. Denn das zusätzlich geplante Honorar reicht nicht aus. Und das hat Folgen.

Potsdam - Es ist ein Hilfeschrei – und ein Problem, das Folgen für die Integration von Flüchtlingen haben könnte. Trotz einer Erhöhung ihrer Bezüge seit Anfang des Jahres machen die mehr als 100 freiberufliche Dozenten der kommunalen Volkshochschule (VHS) einmal mehr auf ihre prekäre Arbeitssituation aufmerksam: zu wenig Lohn, mangelhafte Altervorsorge, kaum Planungssicherheit, Existenzangst. Eine Auswirkung: Die Freiberufler sehen sich nach neuen Jobs um – und damit gehen auch jene Lehrkräfte verloren, die der wachsenden Zahl von Flüchtlingen in Potsdam eigentlich Deutsch beibringen sollen. „Wir erleben schmerzhaft, dass uns Dozenten verlassen“, sagte VHS-Chefin Roswitha Voigtländer den PNN. Die Koordinatorin für Alphabetisierung – auch für Flüchtlinge –, Anja Haendel, sagte: „Wir würden gern noch mehr Kurse machen, finden aber keine Dozenten mehr.“

Rückblick: Schon im vergangenen Jahr hatten die freiberufliche Kursleiter wie berichtet auf ihre schwierigen Situation aufmerksam gemacht. Danach hatten die Stadtverordneten auf Antrag der Fraktion Die Andere mit knapper Mehrheit eine schrittweise Anhebung des Brutto-Stundenhonorars für die Dozenten von 22,50 auf 30 Euro ab dem Jahr 2017 beschlossen. Bereits seit dem 1. Januar ist der Stundensatz auf 25 Euro gestiegen. Dafür müssen Nutzer der VHS künftig mehr Geld zahlen. Unter anderem werden pro Unterrichtsstunde ab August vier Euro fällig – bisher waren es 3,50 Euro. Die Erhöhung sollen die Stadtverordneten am Mittwoch beschließen (PNN berichteten).

Das Zusatz-Honorar reicht nicht

Doch nach einer den PNN vorliegenden Beispielrechnung von VHS-Kursleitern reicht das zusätzliche Honorar längst nicht aus. Denn nach Abzug der Einkommenssteuer sowie der Beiträge für die gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung bleiben noch 13,34 Euro – vorher waren es etwas mehr als 12 Euro pro Stunde. „Doch zusätzlich fällt zum Beispiel noch die Unterrichtsvorbereitung an, die nicht gezahlt wird. Und Urlaub oder Verdienstausfall wegen Ferien oder Krankheit oder Besprechungen werden ebenfalls nicht abgegolten“, erklärte die Dozentin Gudrun Spaan. Bei üblicherweise 20 Stunden pro Woche blieben von brutto 2000 Euro noch 1067 Euro übrig. Dazu kommen drei Monate VHS-Ferien, in denen kein Honorar gezahlt wird. „Wenn man in dieser Zeit keine anderen Verdienste findet, landet man bei rund 9600 Euro Jahreseinkommen – also pro Monat rund 800 Euro. Und da darf man nicht krank sein“, sagt Spaan. Das Niveau liege knapp über dem Hartz-IV-Satz, manche Kollegen – etwa mit einer empfehlenswerten Unfallversicherung – müssten sogar bei der Arbeitsagentur „aufstocken“. Andere Dozenten hätten sich bei der Rentenversicherung verschuldet. An Urlaubstage sei angesichts der Lage kaum zu denken. Ähnliche prekäre Verhältnisse gebe es zwar auch bei privaten Bildungsträgern, so Spaan: „Aber eine kommunale Einrichtung wie die Potsdamer Volkshochschule trägt doch auch eine besondere Verantwortung gegenüber Mitarbeitern.“

Arbeit kaum noch attraktiv

Die niedrige Bezahlungen habe jedenfalls Folgen, schildert Spaan – psychische Belastung, die Sorgen vor einer Familiengründung, die Angst vor Altersarmut. „Eigentlich müsste das Honorar je nach Berufserfahrung bei 40 bis 60 Euro pro Stunde liegen“, sagt die Dozentin unter Berufung auf Berechnungen der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Da diese Summe nicht erreicht werde, würde die Arbeit als Dozent immer weniger attraktiv – auch für die Lehrkräfte der Deutschkurse für Ausländer. Das bestätigt auch Stadtsprecher Jan Brunzlow: „Es ist bekannt, dass die VHS zunehmend das Problem hat, dass freiberuflich tätige Kursleitende ‚abwandern‘, weil sie Festanstellungen anstreben.“ Bislang habe man zwar noch allen Flüchtlingen einen Deutschkurs anbieten können. Die Volkshochschule führe aber Bewerbungsgespräche durch, um neue Sprachdozenten für den Deutschunterricht zu finden, so Brunzlow. Und: „Untersucht wird gegenwärtig auch die Frage, ob die Stadt Kursleitende zeitlich befristet anstellen wird.“ Auf diese unverbindliche Aussage wollen sich Gudrun Spaan und ihre Kollegen aber nicht verlassen. Sie fordern wegen ihrer Lage generell höhere Zuschüsse der Stadt. Inzwischen haben sie sich auch an die Fraktionen im Landtag gewandt, um auch von dort Unterstützung zu bekommen. „Wir können nicht von der Hand im Mund leben“, sagte die VHS-Dozentin Spann.

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