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  • 20.04.2015
  • von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Gefährliche Plaudereien

von Isabel Fannrich-Lautenschläger

„Rolle der IM nicht überbetonen“: Diskussion über das Buch „Die Indiskrete Gesellschaft“ in der Gedenkstätte Lindenstraße

Innenstadt - In den 1950er-Jahren erließ Erich Mielke die Anweisung, keinem IM den Decknamen „Judas“ zu geben. Denn welcher Spitzel wolle schon nach einem Verräter benannt werden? Dennoch: Mehr Menschen als bislang angenommen waren in der DDR bereit, Informationen über ihre Familie, Freunde und Nachbarn an den Staat weiterzugeben. Mit dieser These stellten die Autoren Helmut Müller-Enbergs und Christian Booß kürzlich in der Gedenkstätte Lindenstraße ihr Buch „Die indiskrete Gesellschaft“ vor. Mit ihren „Studien zum Denunziationskomplex und zu inoffiziellen Mitarbeitern“ liefern die beiden Wissenschaftler der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde einen weiteren Baustein in der ohnehin kontroversen Diskussion.

Sie weiten den Blick auf unterschiedliche Formen von Zuträgerschaft in der DDR-Gesellschaft. „Der Fokus darf nicht auf die Inoffiziellen Mitarbeiter gelegt werden“, sagt Müller-Enbergs. War doch die Bereitschaft, der Staatssicherheit zuzuarbeiten, begrenzt: „Der Großteil der IM war männlich, zwischen 30 und 45 Jahre alt und Mitglied in der SED.“ Der Frauenanteil betrug nur 17 Prozent, und schätzungsweise 1500 Minderjährige wurden als Zuträger missbraucht, erklärt der promovierte Politologe. „Die IM bilden nicht die Gesellschaft ab.“

Dass die Stasi auf andere Informationsquellen in der Bevölkerung zurückgriff, führen beide Forscher darauf zurück, dass MfS-Chef Erich Mielke zwischen 1957 und 1989 alles andere als zufrieden war mit der Qualität der IM-Berichte. Gleich zu Beginn von Mielkes Dienstzeit ergab eine interne Analyse, dass 90 Prozent davon nicht genug hergaben, um die Verfolgung von Staatsfeinden zu rechtfertigen. Auch in den 70er-Jahren galt die „mangelnde operative Relevanz“ in den Augen der Staatssicherheit als problematisch, sprich: Die IM produzierten Masse – und nicht Qualität. Und das blieb so bis zuletzt, fertigten die Führungsoffiziere doch häufig erst zeitlich versetzt ein Gedächtnisprotokoll darüber an, was ihre Zulieferer erzählten. Dieses war zwangsläufig subjektiv gefärbt.

Dass 1957 nur ein Drittel der von der Stasi veranlassten Verhaftungen auf IM-Berichte zurückzuführen waren, hatte die beiden BStU-Forscher herausgefordert: Welche sonstigen Auskünfte legte der DDR-Geheimdienst dem Großteil der Verhaftungen zugrunde?

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) fuhr ihren Recherchen nach zweigleisig. Einerseits erhöhte es die Zahl seiner Informanten und verdoppelte diese in den 1980er-Jahren sogar. Andererseits bediente es sich einer besonderen Taktik, um auch den nicht angeworbenen DDR-Bürgern so manche Auskunft zu entlocken. Unter dem Vorwand, als Mitarbeiter der Stadtverwaltung, von Polizei oder Zoll eine Auskunft einholen zu wollen, klopften hauptamtliche MfS-Mitarbeiter getarnt an die Tür. Mit der Begründung etwa, nach einer Amnestie auf der Suche nach Bewährungshelfern zu sein, befragten sie ihr Gegenüber über den Alkoholkonsum des Nachbarn, sein Verhältnis zu Frauen und zum Westen, ob er am 1. Mai die Fahne hisste, und wie er oder sie es mit der Sauberkeit hielt.

Die Stasi führte die sogenannten Auskunftspersonen, kurz AKP, auf besonderen Karteikarten. Müller-Enbergs und Booß berichten, dass beispielsweise im Thüringer Kreis Saalfeld 5,7 Prozent der Bürger auf mehr als 3300 solcher Karteikarten erfasst waren. Im Vergleich dazu betätigte sich dort nicht einmal ein Prozent als IM. „Im Kreis Saalfeld waren deutlich mehr Menschen als IM bereit, Auskunft zu geben“, unterstreicht Müller-Enbergs. Für die Bezirksverwaltung Rostock spricht Christian Booß von 18 Prozent der Bevölkerung, die „inklusive Karteileichen“ als „AKP“ erfasst waren. Und im früheren Karl-Marx-Stadt zeigte die Stasi sich so unzufrieden mit der Leistung ihrer Mitarbeiter, dass sie ab 1973 den „GM“ als neuen Zuträger einführte: den „Guten Menschen“. Nach damaliger Auskunft der MfS-Kreisdienststelle lieferten diese ein Drittel aller Informationen, erzählt Müller-Enbergs. Allerdings müsse dies noch genau erforscht werden.

Was kein leichtes Unterfangen ist, liefern die Karteikarten doch nur den Namen, Wohnort und Beruf, wie das Beispiel der 225 Auskunftspersonen in der Saalfelder Wilhelm-Pieck-Straße zeigt. Notiert war darauf aber auch, ob jemand auskunftsbereit war oder Verdacht schöpfte.

Wer waren die Menschen, die teils einmal, teils mehrfach Privates ausplauderten? Wider Erwarten seien nur wenige Rentner darunter gewesen, erzählen die Wissenschaftler. Überwiegend drehte es sich um die leitenden Mitarbeiter von Institutionen wie Volkspolizei und Zollverwaltung. Aber auch viele Lehrer und Schuldirektoren, Mitglieder von Massenorganisationen und SED waren dabei.

Was sie im Einzelnen berichteten, lässt sich kaum rekonstruieren. Die Stasi hat keine Einzeldossiers hinterlassen, sondern Personeneinschätzungen, in die die Auskünfte mehrerer Quellen eingeflossen sind. Vielleicht handelte es sich nicht nur um negative, denunziatorische Berichte, wandte Ulrike Poppe ein, die als Brandenburger Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur die Debatte moderierte: „In meinem Haus wurden alle befragt und auch die Nachbarn meiner Eltern“, erzählt die frühere Oppositionelle. „Und alle erzählten nur das Beste und nicht die Wahrheit.“

Die maskierten Befragungen an der Tür, auf der Straße oder am Arbeitsplatz führten nicht zu Verhaftungen. Im Vordergrund stand, künftige IM und Betriebschefs auf ihre Vertrauenswürdigkeit hin abzuklopfen oder über Staatsfeinde zusätzliche Informationen einzuholen. „Trotz ihrer unangenehmen Geschwätzigkeit waren es keine belanglosen Berichte“, gibt Christian Booß zu bedenken: „Sie konnten Details liefern, die in eine Strafermittlung einflossen.“ Es handle sich nicht um Denunziation, wenn über Legenden Geschichten abgeschöpft würden, sagt Helmut Müller-Enbergs. Und dennoch stelle sich die Frage, warum sich viele Menschen gesprächig zeigten: „Was gehen diese Geschichten den Staat oder die Geheimpolizei an?“

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