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  • 16.03.2015
  • von Stefan Engelbrecht

HPI stellt Anti-Epidemien-App auf der Cebit vor

von Stefan Engelbrecht

Potsdamer Forscherin Cindy Fähnrich entwickelte ein Programm für den Einsatz vor Ort. Erste Tests in Nigeria laufen bereits

Es ist immer ein Kampf gegen die Zeit. Bei schweren Epidemien wie etwa Ebola im vergangenen Jahr zählt jeder Tag und jede Stunde, um Menschenleben zu retten. Eine simple Anwendung für das Handy könnte die Seuchenbekämpfung künftig deutlich beschleunigen. Davon geht das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut aus, das an der Entwicklung der neuen Anwendung maßgeblich beteiligt ist.

Die App wurde entwickelt, um das sogenannte Contact Tracing – das Auffinden und Befragen von Kontaktpersonen infizierter Menschen – zu vereinfachen und zu systematisieren, wie HPI-Doktorandin Cindy Fähnrich am gestrigen Sonntag den PNN sagte. Bislang sei dies kompliziert mit viel Papier und der späteren umständlichen Eingabe in Datenbanken geschehen. Die Potsdamerin entwickelte die Anwendung, die Teil eines ganzen IT-Systems ist. Es wurde durch ein Forschungskonsortium aus Wissenschaftlern des Potsdamer HPI, des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, des Berliner Robert-Koch-Instituts, des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin und Forschern aus Nigeria entwickelt. „Surveillance and Outbreak Response Management System“ (Sormas) nennt es sich und kombiniert Big-Data-Technologien mit mobilen Anwendungen. Am heutigen Montag will sich auch Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf der Cebit in Hannover über das IT-Projekt informieren.

Mit kompakten Smartphones und Tablet-Computern könnten medizinische Helfer infizierte Personen und deren Kontakte systematisch erfassen, sagte die 26-jährige Fähnrich, die derzeit an ihrem Doktortitel arbeitet. Die Potsdamerin, die in Babelsberg geboren wurde und dort weiterhin wohnt, forscht im Bereich Genom-Datenanalyse, der Datenauswertung des menschlichen Erbgutes. Seuchen sind eigentlich nicht ihr Themenschwerpunkt. Bereits seit 2007 ist sie am HPI tätig. Dort erhielt sie auch ihren Bachelor- und Master-Abschluss. In den kommenden drei Jahren will sie ihren Doktortitel erworben haben.

„Die App entstand erst nach der Ebola-Epidemie in Westafrika“, sagte Fähnrich – quasi als Folge der Schwierigkeiten in der Bekämpfung. Im Februar und März seien erste Tests angelaufen, eine „Generalprobe“ folgt Ende April. Dann seien 100 Mitarbeiter mit entsprechenden Endgeräten in Nigeria im Einsatz, fügte sie hinzu.

Ein Beispiel zeigt, welche immensen Daten bei Epidemien möglichst schnell gesammelt, ausgewertet und bewertet müssen, um zeitnah auf eine weitere Ausbreitung des Virus reagieren zu können. Auslöser war der Fall eines Schwerkranken am 20. Juli 2014 in der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Der Mann erbrach sich im Flugzeug, am Flughafen und gleich noch einmal in einem Auto – ein Alptraum. Ebola war in Lagos angekommen, der chaotischen 21-Millionen-Metropole, der Stadt voller Slums. Der Mann steckte Ärzte an und Krankenschwestern. Bald musste die Gesundheit von fast 1000 Kontaktpersonen überwacht werden. 21 Tage lang, 18 500 Besuche.

Ein Mitarbeiter der nigerianischen Seuchenschutzbehörde NCDC alarmierte Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und fragte um Rat. Seit dem letzten Herbst leitet Krause nun das Projekt, das mit rund 700 000 Euro vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Informationen in Echtzeit sollen geliefert werden, durch die Smartphones der medizinischen Helfer vor Ort. Damit sollen auch Übermittlungsfehler ausgeschlossen werden. Auf den Handys und Tablets werden etwaige Auffälligkeiten erfasst und in das zentrale Datenbanksystem eingespielt. So kann direkt reagiert und Betroffenen schneller geholfen werden – ohne Papier und zeitfressende Mails, ohne Verzögerungen, Dopplungen und andere Fehlerquellen. Für Helfer, teils eilig geschult und in unterschiedlichsten Funktionen unterwegs, haben die Forscher eine leicht verständliche App entwickelt, die selbst im Funkloch funktioniert und die gesammelten Informationen später bei nächster Gelegenheit an die Cloud übermittelt. Im Hintergrund operiert eine SAP-Hochleistungsdatenbank, die den Lagezentren sofort interaktive Analysen und Simulationen ermöglicht. Auch die Kommunikation über die App ist keine Einbahnstraße.

Bei der Feldstudie im April wird es aber nicht um Ebola gehen. Seit Oktober gab es in Nigeria keine Erkrankungen mehr, es blieb bei 20 Fällen. Vielmehr geht es um die Einsatzmöglichkeiten und den Zeitgewinn von Sormas bei Masern, Cholera und der Vogelgrippe. Auch Ebola könnte wieder aktuell werden. Schließlich wütet der Virus weiterhin in einigen Ländern Westafrikas – wie beispielsweise in Sierra Leone, Liberia oder Guinea.

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