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  • 08.01.2015
  • von Grit Weirauch

Hilfe für Potsdamer Flüchtlinge: Aufnahmestopp für Kleiderspenden

von Grit Weirauch

„Wir sind von Sachspenden überflutet“, sagt Maré Partel. Die 26-jährige Kulturwissenschaftlerin koordiniert die Begegnungsarbeit mit Flüchtlingen im Stadtteilnetzwerk Potsdam-West. Seit Ende vergangenen Jahres arbeitet sie in der neuen Anlaufstelle des Stadtteilnetzwerkes „Austausch am Kanal“. Foto: Andreas Klaer

Die Bereitschaft, Flüchtlingen zu helfen, ist auch nach der Weihnachtszeit ungebrochen hoch. Mehr als Sachspenden werden allerdings ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht

Die Willkommenskultur für Flüchtlinge in Potsdam füllt ganze Räume: Kisten, Säcke voller Kleidung, Spielzeug stapeln sich in der Gemeinschaftswohnung im Wohnverbund Haeckelstraße. Eigentlich sind die Räume dafür gedacht, dass Begegnungen zwischen den neuangekommenen Bewohnern und den Alteingesessenen stattfinden. Doch das ist seit Beginn der Weihnachtszeit kaum möglich. „Es ist wirklich voll“, sagt Frederike Hoffmann, Teamleiterin des Internationalen Bundes als Träger der Flüchtlingswohnungen. „Im Moment kommen wahnsinnig viele Anfragen und Angebote.“

In der neuen Anlaufstelle „Austausch am Kanal“ in der Straße Am Kanal 57 sieht es ähnlich aus: Eine Ecke in dem großen Raum der früheren Videothek, den das Stadtteilnetzwerk und der Künstlerverbund Kulturlobby bis Ende Februar nutzen, ist für Spenden eingerichtet. Fahrräder, Umzugskisten mit Winterkleidung, Duplo-Bausteine für Kinder warten darauf, weitergereicht zu werden. „Wir sind von Sachspenden überflutet“, sagt Maré Partel, im Stadtteilnetzwerk für die Begegnungen mit Flüchtlingen zuständig. Inzwischen gebe es einen Aufnahmestopp für Textilspenden, sagt sie. „Es hilft ja auch keinem, wenn die Kisten herumstehen“, sagt auch Frederike Hoffmann.

In der Dortustraße ist der Bedarf an Kleidung ebenfalls gedeckt. Das erst kürzlich eröffnete Flüchtlingsheim für 23 Menschen wird auch vom Internationalen Bund getragen. „Wir haben von Anfang an schnell den Bedarf geklärt“, sagt Hoffmann. Kleidungsgrößen wurden abgefragt, per E-Mail-Verteiler konkrete Sachspenden erbeten. Was jetzt noch fehle, seien Schul- und Schreibsachen.

Generell raten Hoffmann und Partel: Nicht wahllos drauflos spenden, sondern fragen, was gebraucht wird. Denn Sachen loszuwerden mit einem guten Gefühl, geht an dem Bedarf der Flüchtlinge vorbei – und behindert eher, als dass es hilft.

Und was wird derzeit gebraucht? Fahrräder für jedes Alter, sagt Partel. Damit sich die Asylbewerber auch von entfernteren Unterkünften in die Innenstadt bewegen können, ohne jedes Mal ein Busticket zu lösen. Seit Beginn dieses Jahres kommen einmal wöchentlich Schüler der Montessori-Oberschule in die Anlaufstelle unweit der Landesbibliothek, um Fahrräder zu reparieren. Ob nun für Flüchtlinge oder Potsdamer. Jeder könne hier sein Fahrrad mithilfe der Schüler und zwei Fahrradmechaniker auf Vordermann bringen. Die Idee dahinter: Ein echter Austausch soll stattfinden. „Es ist doch viel attraktiver“, sagt Maré Partel, „sich das eigene Fahrrad zu reparieren, anstatt nur eins geschenkt zu bekommen.“ Und gut erhaltene Teppiche könnten abgegeben werden. „Generell macht ein Teppich ein Zimmer erst wohnlich“, sagt Partel. Vor allem in einem Container, wo, wie demnächst an der Pirschheide, Menschen wohnen werden, mache das „wahnsinnig viel aus“.

Bislang gibt es in Potsdam vier Heime und Wohnverbünde für Flüchtlinge. Ende des Jahres 2015 sollen es angesichts des Zustroms von Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen insgesamt 14 Einrichtungen sein. Der Bedarf an Spenden und Engagement wird also nicht abreißen. Allerdings, meint Maré Partel: „Das Engagement muss von der Stadt oder den Trägern in die richtigen Kanäle geleitet werden.“ Eigentlich bräuchte es jemanden, der die Spenden und die Hilfsangebote stadtweit koordiniere. „So eine Spendenkoordination ist sehr, sehr zeitaufwendig. Und das in einer ehrenamtlichen Struktur zu leisten, das haben wir nicht geschafft zu meistern.“

Vielmehr als Sachspenden wird deshalb ehrenamtliches Engagement gebraucht. Für Mithilfe bei der Koordinierung, Deutschunterricht oder Patenschaften für die Flüchtlinge. „Dazu braucht es noch mehr Mumm“, sagt Maré Partel. Schließlich gehe es darum, die Flüchtlinge bei Behördengängen zu begleiten, moralische und sprachliche Unterstützung zu leisten und Präsenz zu zeigen.

Ute Naber hat diesen Mumm. Die pensionierte Lehrerin betritt die Anlaufstelle und will Maré Partel ihre Hilfe als Deutschlehrerin und Patin für Flüchtlinge anbieten. Ihr Sohn habe ihr eine Postkarte gegeben, die das Stadtteilnetzwerk entworfen hat und derzeit in der Stadt verteilt. Interessierte Bürger können darauf ankreuzen, an welcher Art Austausch sie sich beteiligen wollen – sei es an der Freizeitgestaltung für Kinder, bei Deutsch-Nachhilfe oder bei der Koordinierung der Spenden. Für die Neu-Potsdamerin ist es eine Möglichkeit, sich einzubringen. Sie wolle aber auch ein Signal setzen, sagt Naber. „Je schneller die Leute Deutsch lernen, desto besser, dann finden sie auch schneller Arbeit.“ Einmal die Woche könne sie Unterricht geben. Partel nimmt das Angebot dankend an. In den vergangenen zwei Tagen sind bereits sechs solcher Postkarten ausgefüllt bei ihr gelandet.

www.kulturlobby.de

 



HINTERGRUND

Koordinierte Hilfe für Flüchtlinge

Insgesamt 14 Einrichtungen für Flüchtlinge soll es in Potsdam bis Ende dieses Jahres geben. Bislang sind es vier. An den Standorten Feuerwache und Pirschheide werden temporär Container aufgestellt und als Wohnraum genutzt. Im vergangenen Jahr wurden nach derzeitigem Stand etwa 300 Flüchtlinge in der Landeshauptstadt aufgenommen (im Jahr 2013 waren es 195). Auch 2015 werden mehr Menschen, die vor Krieg, Zerstörung und Verfolgung in ihrem Land fliehen müssen, erwartet.

Die Stadtverwaltung hatte deshalb bereits im Herbst Jörg Bindheim als Koordinator für Flüchtlingsunterkünfte im Herbst ernannt. Als Pendant dazu soll es auch für die Zivilgesellschaft künftig eine zentrale Anlaufstelle für Flüchtlingsfragen geben. Das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West sei in Gesprächen mit der Stadt, so dessen Geschäftsführer Daniel Zeller. „Es geht nicht nur darum, Spenden zu sammeln und zu koordinieren, sondern auch Informationen auszutauschen, die Arbeit der Ehrenamtlichen zu koordinieren und etwa auch Supervision für die Helfer zu organisieren.“ Die dafür eingesetzten Mittel seien gut angelegt, um die vorhandene Hilfsbereitschaft zu stärken. (PNN)


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