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  • 01.12.2014
  • von Peer Straube und Sabine Schicketanz

Auf der Brücke des Kalten Kriegs

von Peer Straube und Sabine Schicketanz

Blick vom Babelsberger Park. Die Glienicker Brücke wurde sogar von der Babelsberger Seite aus mit 16 Scheinwerfern angestrahlt. Foto: Manfred Thomas

Wie Hollywood Potsdam in Atem hielt – und wer neben Bundeskanzlerin Angela Merkel die spektakuläre Sperrzone auf der Glienicker Brücke betreten durfte

Gewaltig, gigantisch, unglaublich“ – auch einen Tag nach dem Besuch an Steven Spielbergs Filmset an der Glienicker Brücke sprudeln die Superlative nur so aus Jann Jakobs heraus. Was Hollywood aufgefahren hat, um an der einstigen Nahtstelle zwischen Ost und West den Eisernen Vorhang wiederauferstehen zu lassen, hat den SPD-Oberbürgermeister spürbar beeindruckt. „Ich habe ja schon vieles gesehen, aber so etwas noch nicht“, sagt Jakobs freimütig.

Zweieinhalb Stunden darf der Rathauschef am Samstagabend bei den Dreharbeiten für Spielbergs Agententhriller mit dem Arbeitstitel „St. James Place“ zusehen, auf Einladung der Babelsberger Filmstudios. Dabei wird er Zeuge der wichtigsten Szenen des Films, der die Geschichte des ersten Agentenaustauschs auf der Glienicker Brücke am 10. Februar 1962 erzählt. Damals war der von den Sowjets abgeschossene US-Pilot Gary Powers gegen den von Amerikanern gefangen gehaltenen KGB-Meisterspion Rudolf Abel ausgetauscht worden. Eingefädelt hatte die Aktion Abels Anwalt James Donovan, der im Film von Tom Hanks gespielt wird.

Jakobs schaut zu, wie Hanks, mit schwarzem Hut und in einen dicken grauen Wollmantel gehüllt, „bedeutungsschwer guckt“ und mit den anderen Darstellern durch den Kunstschnee auf die Brücke stapft. Das papierne Requisit habe die ohnehin beißende Kälte gefühlsmäßig noch verstärkt, erzählt der Oberbürgermeister. Zehn Minuten soll die Sequenz des Agentenaustauschs im fertigen Film dauern – es ist der Höhepunkt der Geschichte. Trotz der zeitlichen Enge – die Brücke ist nur gut drei Tage für die Dreharbeiten gesperrt – herrsche am Set eine bemerkenswerte Entspanntheit. „Wie ein General“ dirigiere Spielberg „mit brennender Zigarre“ seine Crew und obwohl es so bitter kalt war, „hat man gemerkt, die haben Spaß an der Sache“. Vor allem Hanks sei ein „echt witziger Typ“, sagt Jakobs. Gesprochen habe er zwar nicht mit ihm, aber mitbekommen, wie sich der 58-jährige Oscarpreisträger sich einmal mehr für deutsche Besonderheiten erwärmte – in diesem Fall Bratwurst, die das Catering frisch vom Bauchgrill lieferte. Hanks habe dann amüsiert die Geräusche imitiert, vor allem das „Flutsch“, mit dem der Senf auf die Wurst gespritzt wurde.

Hanks’ Humor bekommt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu spüren. Sie besucht die Dreharbeiten bereits am Freitagabend. „Ich würde gerne ihre Papiere sehen“, witzelt der Star zur Begrüßung – eine Anspielung auf die Zeit des Kalten Kriegs, in der der Film spielt und in der Personenkontrollen vor allem im Ostblock üblich waren. Merkel trifft um 21 Uhr ein, sie kommt direkt vom Flughafen, in Wiesbaden hat sie zuvor einen Preis erhalten. Die Atmosphäre am Filmset gefällt ihr offenkundig: Sie sei anderthalb Stunden geblieben, sehr viel länger als erwartet, sagt Studiosprecher Eike Wolf. Prompt gerät der Drehplan durcheinander: Bis 3.30 Uhr in der Nacht muss die Crew „nachsitzen“. Merkel habe sich mit Spielberg unterhalten, er habe ihr im Regie-Quartier vom Inhalt des Films berichtet, so Wolf. Vor den Kameras auf der Brücke habe Merkel Tom Hanks begrüßt, sich das Set zeigen lassen und beim Dreh zugesehen. Doch die Kanzlerin habe sich nicht allein für die Stars interessiert, sondern auch mit vielen Crewmitgliedern gesprochen und gefragt, wie und wo der künstliche Schnee hergestellt werde, und sei mit Komparsen ins Gespräch gekommen. „Sie war sehr interessiert, wollte verstehen, wie solch ein Film gemacht wird.“

Merkel ist einer Einladung von Studio Babelsberg gefolgt – das erste Mal überhaupt, obwohl in Potsdam schon zahlreiche namhafte Regisseure gedreht haben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die beabsichtigte Kürzung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) könnte der Besuch auch als politische Geste verstanden werden – gegen eine Kürzung der Mittel. Dazu wollte Wolf sich nicht positionieren, er versicherte jedoch, dass Studio Babelsberg-Chef Carl L. Woebcken und Henning Molfenter, Produzent und Chef von Studio Babelsberg Motion Pictures, ihren Protest geäußert haben. Ohne das Geld, so die Botschaft, würde ein solcher Film künftig nicht mehr in Deutschland gedreht, da andere Länder attraktivere Förderungen anböten. Der Fonds, der bisher 60 Millionen Euro umfasst, soll um zehn Millionen Euro gekürzt werden. Damit wäre nicht mehr genügend Geld da, um Hollywood-Produktionen an den Standort zu holen, warnten Studiochefs und Produzenten in der Vergangenheit mehrfach. Zum Schaden nicht nur der Filmindustrie, heißt es. Denn eine Million Euro Filmförderung bringe mehr als 1,8 Millionen Euro Steuereinnahmen und schaffe Arbeitsplätze. Brandenburg will die Kürzungs-Entscheidung des Haushaltsausschusses des Bundestags per Bundesratsinitiative rückgängig machen, hatte Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) angekündigt.

Das ganze Wochenende über treibt es Schaulustige an das Set – nicht nur zur Villa Schöningen, wo die Absperrungen am ehesten einen Blick auf den Dreh erlauben. Auch der Panoramablick vom Schloss Babelsberg ist beliebter Sammelpunkt für Erinnerungsfotos. Am heutigen Montag um 14 Uhr soll die Glienicker Brücke wieder freigegeben werden, am Vormittag werden alle Kulissen abgebaut. Am 16. Oktober 2015 soll die Produktion, die nach PNN-Informationen weniger als 100 Millionen Dollar kostet, in die US-Kinos kommen. Jakobs freut sich schon. „Eine bessere Imagewerbung“, sagt er, „können wir uns gar nicht wünschen.“

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