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  • 27.11.2014

„Forderungen sind vor allem ein Alarmsignal“ Assistierten Suizid zur „Dienstleistung“ werden zu lassen, wäre eine Kapitulation, meint Annalena Baerbock (Grüne)

Annalena Baerbock. Foto: promo

Was es für jeden Einzelnen bedeutet, in Würde und selbstbestimmt zu sterben, ist so unterschiedlich wie die Natur des Menschen selbst. Trotzdem gibt es einen Trend, der aus meiner Sicht in den Mittelpunkt der Debatte gehört, wenn wir aktuell darüber diskutieren, ob die Beihilfe zum Suizid ausgeweitet oder auf der anderen Seite unter Strafe gestellt werden soll: So geben Menschen über 60 Jahre als Gründe für ihren Sterbewunsch neben der Angst vor Schmerzen und Abhängigkeit von Apparatemedizin vor allem an, Angst davor zu haben, jemandem zur Last zu fallen oder einsam zu sein. Zudem gibt es klare Hinweise darauf, dass gerade bei älteren Menschen depressive Erkrankungen nicht ausreichend diagnostiziert und behandelt werden. Forderungen nach einer Lockerung der Sterbehilfe sind eine Reaktion auf diese Ängste – vor allem aber ein Alarmsignal! Darauf nun damit zu reagieren, die bereits heute nicht verbotene passive und indirekte Sterbehilfe von einer absoluten Ausnahmehandlung zu einer alltäglicheren „Dienstleistung“ im gesundheitlich-pflegerischen Versorgungsgeschehen werden zu lassen – indem wir die ärztlich assistierte Beihilfe zum Suizid weiter institutionalisieren oder gar Vereine zur organisierten Beihilfe zum Suizid zulassen – wäre für mich keine Förderung der individuellen Selbstbestimmung, sondern eine Kapitulation. Eine Kapitulation davor, die eigentlich viel dringendere Frage anzugehen: den längst überfälligen Umbau des Pflegesystems, den weiteren massiven Ausbau palliativer Versorgungsangebote und die Verbesserung der psychiatrischen Versorgung und der Suizidprävention.

Zugleich gibt es Situationen, in denen die Schmerzlinderung eben nicht mehr ausreicht, wo Ärzte oder Nahestehende und Sterbende spüren, dass es nicht mehr weitergeht und dass die Kraft nicht reicht. Wann dieser Moment gekommen ist, werden wir nicht allgemeinverbindlich und mit letzter Rechtssicherheit regeln können. Um Schwerstleidende und ihre nahestehenden Personen in einer solch individuellen Notsituation zu unterstützen, müssen wir die Sterbehilfe nicht weiter ausweiten und institutionalisieren, sondern bestehende Hürden, wie etwa im Arzneimittelrecht, abbauen.

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