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  • 20.11.2014

„Ich werde häufig unterschätzt“

„Für kein Geld der Welt wollen die Leute in diesen Aufsichtsrat“ Potsdams IHK-Präsidentin Beate Fernengel über ihr erstes halbes Jahr im Amt, die Aufarbeitung der Stimming-Affäre, Gegenwind aus den eigenen Reihen, ihr Ende als Hotel-Chefin und den Stellenwert der Wirtschaft in der Potsdamer Politik

Frau Fernengel, seit einem halben Jahr sind Sie Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK). Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit?

Es ist mittlerweile eigentlich schon ein Jahr, denn ich war zuvor bereits ein halbes Jahr kommissarische Präsidentin. Natürlich wusste ich nicht genau, was auf mich zukommt. Ich nehme aber gern Herausforderungen an und springe auch mal ins kalte Wasser. Wir haben viele emotionale Momente erlebt. Dazu gehört auch, dass ich den ehemaligen Hauptgeschäftsführer suspendieren musste. Außerdem bin ich massiv persönlich angegriffen worden. Da habe ich mich schon gefragt, warum man nicht froh ist, dass ich als Präsidentin im Ehrenamt die Kammer jetzt wieder in sicheres Fahrwasser bringe.

Ist die IHK nach den Affären um den ehemaligen Präsidenten Victor Stimming, um Verschwendung und Vetternwirtschaft, tatsächlich in ruhiges Fahrwasser zurückgekehrt?

Ich bin guter Dinge, besonders wegen der Bestellung von Mario Tobias zum neuen Hauptgeschäftsführer. Mir war es wichtig, dass jemand von außen kommt, damit die Kammer einen echten Neustart macht. Alle zivilrechtlichen Angelegenheiten führen wir derzeit besonnen zu Ende.

Nun hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gerade ausgeweitet, sie richten sich nicht nur gegen den Ex-Hauptgeschäftsführer René Kohl, sondern auch gegen weitere Personen. Ein Ende scheint nicht in Sicht.

Zum Stand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen kann ich nichts sagen. Spekulationen bringen nur Unruhe. Die Mitarbeiter hier machen einen Superjob, trotz aller Krisen. Es gab keinen Veranstaltungsausfall, es gab keine Beschwerden.

Für einen Neustart brauche die IHK jemanden von außen, sagen Sie. Sie selbst sind bereits seit Herbst 2012 Vizepräsidentin. Haben Sie die Vorgänge um Victor Stimming nicht bemerkt?

Doch, ich habe sie bemerkt. Ich habe den Mund aufgemacht, auch im Präsidium. Ich habe zuletzt Herrn Stimming dazu geraten, von seinem Amt zurückzutreten.

Befriedet scheint die Lage nicht. Gegen Sie gibt es immer wieder anonyme Anfeindungen.

Ja, das ist so. Aber man ist ja nicht auf der Welt, um nur Freunde zu haben. Ich finde, das ist schon schräg: Niemand wollte in der Phase das Präsidentenamt übernehmen, aber sie gönnen es dir auch nicht.

Wer steckt hinter diesen Anfeindungen?

Ich glaube nicht, dass das von Mitgliedern der IHK-Vollversammlung ausgeht. Möglicherweise steckt Neid dahinter, das ist ja oftmals der Grund für Kritik. Dafür aber gibt es keinen Grund, denn ich mache das in meiner Freizeit, bekomme kein Geld dafür, auch keine Entschädigung.

Die Angriffe gegen Sie sind scharf.

Das waren sie. Vor meiner Wahl gab es eine E-Mail, in der man versucht hat, mir zu schaden. Ich habe darauf nicht reagiert. Die Leute sollten sich ihr eigenes Urteil bilden. Sich anonym zu äußern, halte ich für ein Zeichen von Schwäche.

Was wollte man Ihnen anhängen?

Es ging sogar so weit, dass geschrieben wurde: Die hat ja nicht studiert, was wollen wir mit einer Präsidentin, die nicht studiert hat? Das ist unterste Schublade.

Hätten Sie lieber hingeworfen?

Nein, ich hatte mich entschlossen, mich zur Wahl zu stellen. Und die Vollversammlung unterstützte mich. 66 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, das war nicht schlecht. Jetzt, nach einem Jahr, kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Ich habe unheimlich viel gelernt, tolle Menschen kennengelernt. Ich suche den direkten Kontakt zu den Unternehmen. Ich trete für die Werte ein, die mir wichtig sind, als Beate Fernengel.

Fehlt das Vertrauen der IHK-Mitglieder in Sie?

Menschen unterschätzen mich häufig. Für viele hier war ich die angestellte Hoteldirektorin, die aus dem Nichts kam, das darf man den Leuten nicht übelnehmen. Sie kannten mich nicht. Außerdem haben wir vieles umgekrempelt, alles auf den Prüfstand gestellt, manch alte Regeln außer Kraft gesetzt, neue geschaffen. Das kommt vielleicht nicht überall gut an.

Sie wollen auf diesem Weg das Vertrauen in die IHK wiedergewinnen und sicherstellen, dass ein Fall Stimming nicht wieder passieren kann?

Ja, Vertrauen ist mir ganz wichtig. Bei 78 600 Mitgliedern nimmt man natürlich nicht gleich alle mit. Das muss wachsen. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg.

In anderen Bundesländern kontrolliert der Rechnungshof die Kammern, in Brandenburg kontrolliert die IHK sich quasi selbst. Sollte das nicht auch hier der Rechnungshof übernehmen?

Ich würde eine solche Regelung nicht unterstützen, habe aber auch kein Problem damit. Wir haben nichts zu verbergen. Uns kontrolliert die Rechnungsprüfungsstelle der IHKs, die gerade reorganisiert worden ist. Wichtig sind zudem die internen Compliance-Regeln, die wir jetzt speziell für unsere Kammer ausarbeiten. Dabei geht es um die Satzung, um Beschlussregelungen, Aufwandsentschädigungen, Dienstwagen.

Stichwort Dienstwagen: Auch Sie haben den von der IHK finanzierten Oberklasse-Dienstwagen für Ihren Vorgänger Stimming per Unterschrift abgesegnet.

Ja. Dazu habe ich bereits meine Aussage bei der Staatsanwaltschaft gemacht: Das geschah in einer hektischen Situation und war ein Fehler. Aber es gab dazu auch einen Präsidiumsbeschluss vor meiner Zeit. Die Staatsanwaltschaft hat mir bestätigt, dass es in dieser Sache keine Probleme gibt.

Es wurde jüngst anonym verbreitet, Sie seien als Direktorin des Potsdamer Arcona-Hotels gefeuert worden.

Das ist falsch. Ich wollte mich eigentlich 2015 beruflich verändern, aus der Hotellerie aussteigen, etwas Neues machen. Nun hat mein Chef schon früher eine Nachfolge für mich gefunden. Er ist selbst in der IHK aktiv und hat mir vorgeschlagen, mich freizustellen, damit ich die Kammer in ruhiges Fahrwasser führen kann. Die Legitimation für das Amt der Präsidentin habe ich dadurch nicht verloren, meine Vollmacht gilt bis zum 30. November 2014. Wir haben das im gegenseitigen Einverständnis geregelt.

Ab 1. Dezember werden Sie eine neue berufliche Aufgabe haben?

Ich bin bereits seit dem 1. Juli dieses Jahres als Geschäftsführerin der Firma meines Lebenspartners im Handelsregister eingetragen. Gemeinsam beraten wir derzeit circa 20 Unternehmen aus der Hotel- und Gaststättenbranche in Berlin und Brandenburg. Wir helfen Managern, ihre Fachkenntnisse zu verbessern sowie Businesspläne, Budgets und Analysen zu erstellen. Ziel ist es, die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen zu verbessern. Aber wir erstellen auch Standortanalysen für Investoren und beraten auch kleine und mittelständische Unternehmen, die in Schieflage geraten sind. Außerdem beraten wir Jugendliche bei der Berufsfindung in Hotellerie und Gastronomie.

Ein Ihnen bekanntes Feld.

Ja, aber ich mache auch etwas für mich ganz Neues. Ich werde Gründerin hier in Potsdam. Die Informatikerin und Modedesignerin Colette Fonkika aus Kamerun und ich entwickeln Leidenschaft zur beruflichen Mission und starten am 1. Januar 2015 den „Online Style Designer“. Über eine Web-Plattform können Frauen ein individuelles Mode-Stück selbst zusammenstellen und per Baukastensystem verschiedene Looks kreieren. Außerdem werden wir Workshops zum Re-Design anbieten. Dabei zeigen wir, wie man ältere Kleidung wieder modern machen kann.

Wie geht es mit der verfallenen Villa Carlshagen weiter, die die Kammer unter ihrem Vorgänger Stimming erwarb und saniert?

Die Frage ist: Was will die IHK mit dieser Villa? Wer soll sie nutzen? Die Bautätigkeit an der Villa Carlshagen in Potsdam wird deshalb in Kürze vorübergehend eingestellt. Alle bereits begonnenen und für die Wertsicherung des Anwesens notwendigen Sanierungsarbeiten sollen durchgeführt werden. Anschließend sollen sämtliche Optionen für eine spätere Nutzung oder Veräußerung des Objekts noch einmal einer grundlegenden Überprüfung und Bewertung unterzogen werden.

Sie würden am liebsten verkaufen?

Auch ein Verkauf der Villa Carlshagen muss erwogen werden. Aber dies ist bei einem als Denkmal von überregionaler Bedeutung eingeschätztem Objekt nicht so leicht. Was endgültig damit passiert, entscheiden Präsidium und Vollversammlung.

Wie viel Geld steckt schon drin?

Wir werden bis Ende 2014 insgesamt knapp 3,1 Millionen Euro investiert haben.

Wie viel muss investiert werden, um die Villa fertig zu sanieren?

Schätzungsweise zwischen fünf und sechs Millionen Euro. Das will gut überlegt sein. Es geht schließlich um Mitgliedsbeiträge, mit denen wir verantwortungsvoll umgehen müssen.

Thema Landespolitik: Was erwarten Sie von Rot-Rot II in Brandenburg?

Wichtig ist, dass die neue Regierung mit wirtschaftlichem Sachverstand an die Arbeit geht. Ich glaube, dass das mit dem neuen Wirtschaftsminister Albrecht Gerber der Fall sein wird. Wir hatten bereits ein Treffen. Sein großes Thema ist natürlich erst einmal die Energie. Was für uns als Kammer wichtig ist, für unsere Mitgliedsunternehmen, hatten wir im Vorfeld in unseren Wahlprüfsteinen formuliert. Der Koalitionsvertrag sieht das nicht alles vor, schade eigentlich.

Was ist zu kurz gekommen, wo ist besonderer Handlungsbedarf?

Der Breitbandausbau muss forciert werden. Flächendeckend schnelles Internet mit den heute erforderlichen Kapazitätsstandards ist existenziell wichtig für unsere Firmen. Es ist ein ganz großes Problem, in der Fläche, aber selbst in der Landeshauptstadt.

Bis 2015 soll das geschafft sein. Ist das realistisch?

Das schnelle Internet muss 2015 da sein. In unserem Bereich hat die Telekom den Auftrag bekommen. Sie sagen, sie seien ganz gut im Plan, und darauf setzen wir. Andere Themen, die wir Herrn Gerber mitgegeben haben, sind Verkehrsinfrastruktur und Fachkräftemangel.

Die Steuerprognosen für Brandenburg sind nicht rosig, eine halbe Milliarde Einnahmeausfälle bis 2019. Droht eine Rezession?

Das geben die Zahlen nicht her. Im Gegenteil, die Konjunktur setzt sich fort, wenn auch etwas verhaltener. Es gibt keinen Grund zur Panikmache. Nicht zu unterschätzen sind aber die Russland-Sanktionen, die den Kammern in Ostdeutschland, in Brandenburg zu schaffen machen, mehr als in westlichen Bundesländern. Grundsätzlich ist die Lage, sind die Erwartungen der Firmen überwiegend gut, es gibt immer noch mehr Ansiedlungen und auch Ausbauinvestitionen. Und wenn wir hoffungsfroh erwarten, dass der Flughafen vielleicht doch 2016 oder 2017 eröffnet, erwarten wir zusätzliche Dynamik.

Sie glauben, dass der BER fertig wird?

Klar wird der fertig.

Der Unternehmerverband Berlin-Brandenburg fordert eine Reform des BER-Aufsichtsrates, weniger Politiker, dafür mehr Fachleute, die ordentlich bezahlt werden. Ist das auch Ihre Position?

Ja. Fachleute sind dort gefordert. Wo es hinführt, wenn viele Politiker dort vertreten sind, sehen wir ja. Ich denke nicht, dass die Bezahlung ein Problem ist. Beim BER ist es eher so, dass sich keiner mehr traut, aus Angst sich zu verbrennen. Für kein Geld der Welt wollen die Leute in diesen Aufsichtsrat.

Zum Schluss ein Blick auf Potsdam. Die Stadt wächst, floriert. Was sind Probleme für die Unternehmen hier?

Ein großes Thema ist der Straßenverkehr in der Stadt. Die Pförtnerampeln müssen wieder weg, und es muss langfristiger geplant werden.

Kommen wirtschaftliche Belange in der Stadtplanung, in der Stadtpolitik zu kurz?

Wirtschaftliche Belange kommen noch zu oft zu kurz. Das Thema Wohnen wird zurzeit überstrapaziert. In Gesprächen mit der Politik merkt man, dass Wirtschaft keine Priorität hat. Ein Beispiel ist die Tourismusabgabe. Da ist die Position der Kammer eindeutig – das habe ich auch dem Oberbürgermeister gesagt. Der war nicht begeistert. Klar ist, dass ich mich für die Wirtschaftsunternehmen gegenüber der Politik einsetze. Das ist nicht immer nur Spaß.

Das Interview führten Matthias Matern und Sabine Schicketanz

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