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  • 04.10.2014
  • von Jan Kixmüller, Henri Kramer und Marco Zschieck

„Das ist eine Schnapsidee“

von Jan Kixmüller, Henri Kramer und Marco Zschieck

Patina. Das FH-Gebäude am Alten Markt wurde zwischen 1971 und 1977 gebaut. Seit Jahren bröckelt es vor sich hin. Foto: M. Thomas

Für den Vorstoß der Stadtspitze zur provisorischen Verlegung der Fachhochschule ins Rechenzentrum gibt es keine Mehrheit. Auch die Hochschule wehrt sich gegen die Pläne

Potsdams Stadtspitze steht mit ihrem Plan, die Fachhochschule (FH) am Alten Markt mit ihren rund 1500 Studierenden provisorisch ins Rechenzentrum in der Breiten Straße zu verlegen, allein da: Es gibt in der Rathauskooperation des Stadtparlaments keine Unterstützung dafür.

„Das ist eine Schnapsidee“, sagte etwa Peter Schüler, Chef der Grünen-Fraktion, die zusammen mit SPD, CDU und Potsdamer Demokraten das Rathausbündnis bilden. Auch die SPD sieht die Pläne kritisch. „Abgesehen vom Aufwand für die Studenten und Lehrenden der FH steht die Frage nach der Nachhaltigkeit der Verwendung öffentlicher Mittel“, sagte SPD-Fraktionschef Mike Schubert. Er warnte, dass durch das Vorgehen auch der Grundkonsens in Potsdam in Gefahr geraten könne, das alte FH-Gebäude im Interesse der Wiedergewinnung der Mitte abzureißen. Auch die Linke und Die Andere sind gegen die Pläne – die somit keine Mehrheit finden könnten. Denn auch CDU-Fraktionschef Matthias Finken hält es für fraglich, ob ein Zeitgewinn beim FH-Abriss von bis zu eineinhalb Jahren im Verhältnis zu den möglichen Nachteilen stehe. Zudem könne die FH gegen den Umzug klagen – die Folge wäre ein langwieriger Rechtsstreit. Für Finken sind die Pläne daher nur umsetzbar, wenn auch die FH zustimme.

Danach sieht es nicht aus. FH-Präsident Eckehard Binas sagte am Donnerstag vor der Presse, dass man zwar das Ende der Verhandlungen mit Stadt und Land abwarten wolle. Doch sieht er – neben der Belastung durch den Umzug an sich – eine große Diskrepanz zwischen der zwar ausreichenden Gesamtfläche des Rechenzentrums und den dort nötigen baulichen Veränderungen, die einen Hochschulbetrieb erst ermöglichen würden. Die Büroräume seien für den Studienbetrieb nicht angemessen, zum Teil sogar von Schimmel befallen. Die FH sei bereit, nach einer Lösung zu suchen, doch die jetzt bekannt gewordenen Bedingungen seien nicht akzeptabel, sagte Binas – gerade in Hinblick auf die Qualität des Studiums.

Die Stadt will die Interimslösung schon im nächsten Jahr umsetzen, um die FH schon vor 2017 abreißen zu können. Ursprünglich hatte der DDR-Bau schon vor zwei Jahren weichen sollen. Seitdem gab es aber immer wieder Verzögerungen, weil der nun für 2017 vorgesehene Ersatzbau für die FH an ihrem Campus in der Pappelallee nicht vorankommt. Die Stadt macht Druck, weil durch das FH-Gebäude private Investitionen in der Mitte blockiert würden – anstelle des DDR-Baus sollen Wohn- und Geschäftshäuser entstehen. Zudem drohe durch die Verzögerung der Verfall von mehr als 13 Millionen Euro Fördermitteln. Ebenso würden sich laut Stadt 7,7 Millionen Euro Einnahmen aus der Vermarktung der Grundstücke in bester Lage verschieben. SPD-Chef Schubert hat sich inzwischen an das Infrastrukturministerium gewandt, ob diese Zahlen – speziell zu den Fördermitteln – auch stimmen. Auch Binas hält den angeführten Verlust an Fördermitteln für fraglich.

Ebenso hält die FH die von der Stadt genannte Summe zum Umbau des Rechenzentrums – ein mittlerer sechsstelliger Betrag – für deutlich zu niedrig angesetzt. Die Bauplaner der FH gehen vielmehr von rund zwei Millionen Euro Planungs- und Umbaukosten aus, hieß es auf der Pressekonferenz am Donnerstag. SPD-Chef Schubert sagte, ohnehin sei fraglich, warum das Rechenzentrum für kurze Zeit für erhebliches Geld ertüchtigt werden solle, „wenn dieses Gebäude danach ebenfalls entsorgt wird“. Es muss unter anderem für den geplanten Wiederaufbau der Garnisonkirche weichen.

Binas sagte, sein Haus sei seit jeher eine offene Hochschule mit vielfältigen in die Stadt hineinwirkenden Angeboten gewesen. „Warum wir nun von der Stadt so in die Enge getrieben werden, erstaunt uns umso mehr.“ Zudem sei zweifelhaft, ob sich eine historisierende Mitte gegen einen funktionierenden Hochschulstandort aufwiegen lasse. Die FH habe den staatlichen Auftrag, den Lehrbetrieb unter zumutbaren Bedingungen aufrechtzuerhalten, dem müssen man gerecht werden, betonte der FH-Chef. Nach dem Umzug hätte die FH nur noch eine Mensa in der Pappelallee, ein Hörsaal würde ins Klinikum „Ernst von Bergmann“ verlegt. Binas warnte, so müssten mehrere Hundert Studierende gleichzeitig mit der Straßenbahn von der Breiten Straße zum Klinikum gelangen. Dafür brauche es einen Shuttle-Service.

Die Stadt hat sich auf solche Argumente bereits vorbereitet. Bereits in dieser Woche hatte Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) vor Journalisten gesagt, eine Interimslösung dürfe keine Frage der Bequemlichkeit sein. „Wir können die Entwicklung der Potsdamer Mitte nicht davon abhängig machen, ob man ein paar Minuten mehr zwischen zwei Hochschulstandorten unterwegs ist.“ Der Studienbetrieb könne im Rechenzentrum so wie am Alten Markt aufrechterhalten werden. „Es ist nicht unsere Aufgabe, sondern die des Landes, die Studienbedingungen zu verbessern.“ Der Chef des städtischen Sanierungsträgers, Bert Nicke, hatte erklärt, man könne auch prüfen, ob man die Grundstücke an der jetzigen Fachhochschule nun schon entwickelt: „Aber eine Baustelle vor ihrem Fenster wäre für die FH sicher nicht angenehm.“ Binas dagegen sagt, die Studierenden müssten zudem in der Übergangszeit ohne Mensa auskommen. Klipp konterte, die Studenten könnten mit der Tram zur FH-Mensa in die Pappelallee fahren.

Beim Land will man sich noch nicht positionieren. Ende November würden die Verhandlungen mit Stadt und FH beendet, sagte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums den PNN. Dann werde es eine Entscheidung geben. Binas sagte, er gehe davon aus, vom Land die volle Unterstützung dafür zu erhalten. Ein belastbarer Umzugsplan zum zentralen Campus Pappelallee liege vor, der ausstehende Bau für die FH sei im Vergabeverfahren, man liege in der Zeit. Wenn nötig, könne man den Umzugsplan im Jahr 2017 sogar noch beschleunigen – aber erst dann.

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