30.07.2016, 24°C
  • 22.09.2014
  • von Anna Ringle-Brändli

Grenzöffnung vor 25 Jahren: Als Geschichte sich nicht aufhalten ließ

von Anna Ringle-Brändli

In alter Vertrautheit. Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU), der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und der frühere Staatsminister Ungarns, Imre Pozsgay, erinnern sich in der Villa Schöningen an den 25. Jahrestag der Grenzöffnung. Foto: Bernd Settnik

Frühere Minister und Zeitzeugen feierten in der Villa Schöningen die Öffnung der ungarischen Grenze vor 25 Jahren.

Berliner Vorstadt - Für Hans-Dietrich Genscher (FDP) war es ein Signal. „Ich fühlte: Da wurde das Tor aufgeschlossen zur deutschen Vereinigung.“ Das sagt der damalige Bundesaußenminister heute über ein Ereignis, das 25 Jahre zurückliegt – die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze, die Tausenden DDR-Bürgern die Ausreise ermöglichte. Ähnlich wie Genscher erlebte es sein damaliger Kabinettskollege Theo Waigel (CSU). „Ab dem Zeitpunkt habe ich stärker denn je an die Wiedervereinigung geglaubt“, sagt der Ex-Bundesfinanzminister am Samstag bei einem Festakt der ungarischen Botschaft – für den die Villa Schöningen ausgesucht wurde. Ungarn öffnete in der Nacht zum 11. September 1989 seine Grenzen. Zehntausende DDR-Bürger ergriffen die Chance und reisten in die Bundesrepublik. Zwei Monate später fiel am 9. November die Berliner Mauer.

Als Waigel am Samstag in dem engen Gedränge in der Villa Schöningen Genscher erblickt, geht er schnurstracks auf ihn zu. Ein vertrauter Handschlag, die beiden Politiker lachen miteinander. Vielen Zeitzeugen geht das so. Einige Politiker umarmen sich. Zu den Gästen zählt auch Brandenburgs erster Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), aber auch der frühere ungarische Staatsminister Imre Pozsgay. Der ungarische Botschafter József Czukor fasst es zusammen: „Ungarn und Deutschland stehen sehr nah zueinander.“ Auf Monitoren läuft die ARD-„Tagesschau“ vom 10. September 1989, die über die anstehende Grenzöffnung berichtet. Auf einer Bühne wird Musik gespielt. Ohnehin ist der Tag vollgesogen mit Geschichte. Der Ort tut sein Übriges. Die Villa Schöningen ist nur einen Steinwurf von der nach Berlin führenden Glienicker Brücke entfernt (siehe Kasten) – und liegt damit an der früheren Grenze von Ost und West. Berühmt wurde die Brücke im Kalten Krieg durch den internationalen Agentenaustausch.

Dass Ungarn 1989 die Grenzen öffnete, bezeichnet Waigel als „ganz mutige Tat“. Ihn durchziehe „eine unglaubliche Dankbarkeit“. Ungarns damaliger Staatsminister Imre Pozsgay sagt: „Es brauchte einen gewissen Mut.“ Die Grenzöffnung sei nicht aus dem Stegreif gekommen.

Einige Redner nutzen ihren Auftritt dazu, die Lage in der Ukraine anzusprechen. „Es geht wieder um die Zukunft Europas und nicht nur um die Zukunft der Ukraine,“ sagt etwa der ungarische Minister für Humanressourcen, Zoltán Bolag. Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) betont: „Wir haben eine militärische Lösung ausgeschlossen, und das war klug so.“ Umso intensiver und entschlossener müsse für eine friedliche und demokratische Lösung gearbeitet werden, die das Selbstbestimmungsrecht aller Völker respektiere.

Über die Grenzöffnung Ungarns vor 25 Jahren sagt Altmaier: „Als Zehntausende von Menschen sich auf den Weg machten – befreit und erlöst nach wochenlangem Warten –, da haben wir gespürt, dass sich die Geschichte nicht aufhalten lässt wie ein Fluss durch einen Staudamm.“ Diese Solidarität der Ungarn werde Deutschland nie vergessen.

Dass das Land unter Ministerpräsident Viktor Orban in jüngerer Zeit mit der EU im Konflikt liegt, kam bei den Feierlichkeiten in Potsdam nicht zur Sprache. So hatte Ungarn ausländische Investoren im Bereich Energie und Bankwesen mit Sondersteuern belegt und diesen explizit den Kampf angesagt. Auch ein restriktives Mediengesetz, die Beschneidung der Kompetenzen der Justiz und der Druck auf vom Ausland finanzierte Stiftungen stießen auf Kritik.

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!